Faktor-x-Siedlung in Eschweiler: Bauherren sauer

Bauherren kritisieren die Stadtverwaltung scharf : „Faktor-x-Geschichte ist letzten Endes Augenwischerei“

Die Faktor-x-Siedlung in Dürwiß hat sich von einem Vorzeigeprojekt zu einem Problemfall entwickelt. Nachdem in der letzten Woche bekannt wurde, dass einige Häuser an eine Gasleitung angeschlossen werden, ist der Ärger bei anderen Bauherrn groß. Sie kritisieren, dass das gesamte Projekt ein Dschungel aus undurchsichtigen Vorgaben mit Schlupflöchern für viele Sondergenehmigungen ist.

„Das ist ungerecht, eine Katastrophe“, sagt Ralf Müller (Alle Namen von der Redaktion geändert). Er fühlt sich von der Stadt, aber auch dem Bauherrn, der die Gasleitung gelegt hat, hintergangen. Müller hat in der Faktor-x-Siedlung in Dürwiß sein Haus gebaut. Er hat kein Verständnis für das Handeln des Bauherrn, noch weniger aber für das der Stadt. „Ich wusste, ich hätte so bauen können, wie ich es wollte, aber habe es trotzdem nicht gemacht“, erzählt Müller aufgebracht.

Er und seine Nachbarn haben in den Bau im nachhaltigen und ressourcenschonenden Baugebiet investiert. Es sieht vor, den Verbrauch von Baustoffen mindestens um den Faktor zwei auf seine gesamte Lebensdauer zu reduzieren. Dies erreicht man zum Beispiel, indem man auf nachwachsende Baustoffe wie Holz setzt. „Wir finden die Grundlagen nach wie vor alle gut und stehen dahinter, aber nur bis zu einem gewissen Punkt, ab dem man das Projekt der Stadt alleine trägt“, klagt Müller. Die Bauherren erheben schwere Vorwürfe gegen Stadt und Bauamt, die sich für die Vergabe und Betreuung der Faktor-x-Siedlung verantwortlich zeichnen.

„Hier in diesem Baugebiet wird mit zehnerlei Maß gemessen“, behauptet Jürgen Schmitz. Immer wieder habe es Verbote für Bauherren auf der einen Seite gegeben, nur um dann bei den nächsten Anfragen die gleichen Dinge zu genehmigen. Lisa Meier erzählt, dass sie gerne einen Erker gebaut hätte. Das wurde ihr und ihrem Mann aber untersagt, da keine Gebäudevor- und Rücksprünge erlaubt seien. Ein paar Meter weiter stehe jetzt ein Haus mit Erker. Mit diesem Beispiel nennt sie nur eine von vielen Unstimmigkeiten, die es in den Genehmigungsverfahren offenbar gegeben hat. „Ich hätte ganz anders gebaut, wenn ich das alles vorher gewusst hätte“, ärgert sich Meier.

Auch Peter Fischer ist Leidensgenosse. Er baut ebenfalls ein Haus in der Faktor-x-Siedlung und hatte nach eigener Aussage schnell den Eindruck, dass alles sehr wenig durchdacht sei. „Die Geschichte mit der Gasleitung stellt all die Probleme komprimiert dar und bringt es auf den Höhepunkt“, bilanziert er. Das Vorzeigeprojekt sei offensichtlich auch ein Pilotprojekt, bei dem es noch viele Unklarheiten gebe. „Das ist grundsätzlich auch in Ordnung, aber in dem nun aufgetretenen Maße sehr ärgerlich. Ich finde die ganze Sache sehr undurchsichtig, es wurde nie mit offenen Karten gespielt“, macht Fischer seinem Ärger Luft.

Er geht sogar noch weiter und stellt die Effektivität des Projektes infrage, wenn man sich nicht an Vorgaben halten muss: „Die Faktor-x-Sache ist gut gemeint, aber in der Umsetzung völliger Schwachsinn und Augenwischerei.“ Auch Müller pflichtet dem bei und behauptet, dass der Faktor-x-Gedanke durch die Gasleitung endgültig gestorben sei. Laut Peter Fischer habe es zu viele Richtungsänderungen in der Bauphase gegeben, in manchen Angelegenheiten einen Schwenk um 180 Grad.

Ein Bauherr lässt seine Häuser nun an eine Gasleitung anschließen. Foto: ZVA/Caroline Niehus

Das nehmen sie auch der Stadt übel. „Herr Gödde ist meiner Meinung nach in Frage zu stellen“, wirft Müller in den Raum. Es könne nicht sein, dass das eine Amt nicht wisse, was das andere mache. Zunächst hieß es von Gödde, dass man von dem Bau der Gasleitung lange nichts gewusst habe. Inzwischen steht jedoch fest, dass der Bau im Rathaus vom Tiefbauamt genehmigt wurde.

Immer wieder seien seit Baubeginn im Jahr 2016 unterschiedliche Aussagen getätigt worden. Beispielsweise habe es an einige Bauherren ein Schreiben von RWE gegeben, das auf ehemaligem Tagebaugebiet zwingend eine Stahlbetondecke vorschrieb. Die Stadt aber blieb bei ihrem Verbot. Konsequenz des Ganzen: Es gibt Bauherren, die auf das Schreiben von RWE vertraut haben und eine Betondecke gebaut haben, andere wiederum durften das nicht umsetzen – oder haben das Schreiben nie erhalten. Verbunden damit waren für einige deutliche Mehrkosten, da Streifenfundamente und verstärkte Bodenplatten als Alternative errichtet werden mussten.

Markanter Mehrkostenbetrag

Apropos Kosten: Die bewegen sich für alle Bauherren in einem Rahmen, der mehrere zehntausend Euro Unterschied ausmacht. „Bei 30 000 Euro Mehrkosten bin ich locker“, berichtet Jürgen Schmitz. Die anderen können diese Aussage genau so unterschreiben. Markant ist dieser Betrag für die Bauherren auch deshalb, weil er sie an eine andere Summe erinnert, die in Eschweiler Anfang der Woche Schlagzeilen gemacht hat: das Preisgeld für die Auszeichnung als nachhaltigste Stadt mittlerer Größe.

Auch die Faktor-x-Siedlung war wesentlicher Bestandteil der Begründung für den Preis. „Wenn man so viele Fehler macht und dann noch einen Preis bekommt, kann ich darüber nur lachen“, kommentiert Müller die Auszeichnung. Mit dem Preisgeld soll laut Bürgermeister Rudi Bertram eine Bürgerstiftung gegründet werden. Lisa Meier behauptet: „Mit dem, was wir hätten sparen können, hätten wir deutlich mehr Geld in die Stiftung stecken können.“

Dass die Stadt Entschädigungen zahlt, daran glaubt im Neubaugebiet keiner. „Das Kind ist in den Brunnen gefallen“, sagt Peter Fischer. Die Bauherren wünschen sich vor allem für die nächste Faktor-x-Siedlung, die am Vöckelsberg entstehen soll, mehr Konsequenz und Transparenz. Müller gibt zukünftigen Bauherren den Rat, sich nochmal gut zu überlegen, ob man dort ein Grundstück kauft. In der Faktor-x-Siedlung in Dürwiß habe es offenbar auch unterschiedliche Notarverträge gegeben, die verschiedene Rahmenbedingungen gesetzt haben. Das sollte nach Meinung der Anwohner in Dürwiß im nächsten Gebiet anders werden.

„Wenn es von vornherein durchdacht ist und die Bedingungen für alle gleich festgeschrieben sind, könnte man darüber nachdenken, dort zu bauen. Ansonsten würde ich sagen, man soll sich den Ärger ersparen“, lautet Fischers Empfehlung. Er setzt noch nach: „Viel schlechter als jetzt kann die Stadt es kaum machen.“

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