Eschweiler/Luxemburg: Europaverein engagiert sich gegen das Vergessen

Eschweiler/Luxemburg : Europaverein engagiert sich gegen das Vergessen

Bosnisch-serbische Milizen hatten während des Bosnienkriegs unter dem serbischen General Ratko Mladic die damalige UN-Schutzzone überrannt und innerhalb weniger Tage etwa 8000 muslimische Männer und Jungen zusammengetrieben und getötet.

Das Massaker in der ostbosnischen Stadt ist als folgenschwerstes Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in die Geschichte eingegangen. Das UN-Tribunal in Den Haag stufte die Untat als Völkermord ein. Noch immer ist die Identifizierung der Leichen nicht abgeschlossen. Bis heute sind etwa 6500 Massakeropfer begraben worden.

Noch immer gelten viele Menschen als verschollen. Seit der Auszeichnung von Professor Smail Cekic mit dem Europäischen Sozialpreis 2008 für sein Engagement, den interkulturellen Dialog in seiner geschundenen Heimat zu führen und dabei die Maxime voranzustellen: Frieden braucht Gedächtnis, ist der Verein mit Bosnien-Herzegowina verbunden (2008 ebenfalls im Zentrum der Ringveranstaltungen im Eschweiler Europaforums).

Für den Vorstand des Srebrenica Komitees Luxemburg hatte Zaim Celebic jetzt den Europaverein GPB eingeladen. Nach einer bewegenden Gedenkzeremonie für die ermordeten von Screbenica und einer mutigen Ansprache einer der wenigen Überlebenden des Massakers sprachen auch Annelene Adolphs und Peter Schöner.

In Bosnien wurden während des vier Jahre dauernden Krieges mindestens 25 000 muslimische Frauen systematisch vergewaltigt: alte wie junge. Ziel war unter anderem die ethnische Vertreibung der muslimischen Bosnier. In patriarchalen Gesellschaften gilt die sexualisierte Gewalt an Frauen auch als besondere Demütigung der Männer.

Die Botschaft: Ihr seid nicht mal in der Lage, eure Frauen zu schützen! Bis heute wagen sich die betroffenen Frauen nicht in ihre Heimat zurück. Eine Versöhnung scheint fast unmöglich. Annelene Adolphs gedachte er getöteten und überlebenden Opfer der Vergewaltigungen während des Jugoslawienkrieges. Sie ermutigte dazu, diese Gräueltaten nicht zu verschweigen sondern aufzuarbeiten.

Peter Schöner setzte sich mit dem Thema Genozid in Bosnien-Herzegowina auseinander. Bosnien-Herzegowina ist leider ein vielfacher historischer Beweis dafür, dass das 20. Jahrhundert das Jahrhundert des Genozids ist. Der Völkermord wurde an Bosniaken verübt, einzig und allein aufgrund ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit.

Der Genozid hatte nach dem großserbischen und großkroatischen Projekt einen faschistischen Charakter und die genozidale Absicht, Bosniaken als nationale, ethnische und religiöse Gruppe zu vernichten. Es wurde nach der „Lösung der muslimischen Frage“ und der Ausweitung eines serbischen und kroatischen „Lebensraumes“ gestrebt, wobei Bosniaken ausgerottet und ihr Raum eingenommen werden sollte. Auf diesem sollte ein ethnisch rein-serbischer beziehungsweise ethnisch rein-kroatischer Staat errichtet werden.

„Wir leben leider in einer Zeit, die einerseits durch den skrupellosen Kampf um Macht und Einfluss der Stärkeren über die Schwächeren dominiert wird. Anderseits überwiegen große Geschichten über Freiheiten und Menschenrechte, diese werden aber vielerorts immer weniger“, so Peter Schöner.

1995 wurde mit dem Dayton-Abkommen Frieden verabredet. Angesicht der Entwicklung in Bosnien-Herzegowina ist jetzt eine neue Verfassung zu entwickeln und durchzusetzen, die weder eine ethnische Spaltung zulässt, noch erlaubt, die Vertreibung bosniakischen Bevölkerung zu zementieren. Die Leugnung des Genozids und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Bosnienkrieg 1992 bis 1995 muss sanktioniert werden. Es ist nach wie vor erforderlich, dass in Serbien, Bosnien und Herzegowina (vor allem in der Republika Srpska) und dem Kosovo eine intensive Vergangenheitsbewältigung durchgesetzt wird, erläuterte Schöner weiter.

Hauptredner des Abends war der bosnische Politiker Professor Dr. Suad Kurtehaji (Bild Mitte, ganz rechts). Er setzte sich mit Vertrag von Dayton und den Wiener Friedenskonferenzen auseinander. Im Dayton-System sei die ethnische Zugehörigkeit das politische Ordnungsprinzip. Das bringe einerseits die Quelle politischer Blockaden hervor, andererseits üppig vermehrte Ämter, Gremien und Instanzen.

Dadurch blühe die Korruption. Rechtsordnung und Wirtschaft aber wüchsen nicht. Unsummen an finanziellen Mitteln würden aus dem Westen in das Land gepumpt. Sichtbare Erfolge? Dritthöchste Arbeitslosigkeit der Welt und eine Luftverschmutzung wie in Nordkorea.