Eschweiler: Europäischer Sozialpreis: Für Pressefreiheit und Menschlichkeit

Eschweiler : Europäischer Sozialpreis: Für Pressefreiheit und Menschlichkeit

Für das, was derzeit in der Türkei vor sich geht, hat Europavereinspräsident Peter Schöner keinerlei Verständnis. Ebenso wenig wie für die Tatsache, dass „der lange Arm Erdogans bis nach Deutschland“ reiche, „bis in unsere Schulen. Die Türken leben hier in einer Demokratie und wollen zu Hause die Diktatur. Ich verstehe das nicht. Wieso bekommt die Türkei, die in die EU will, aber wesentliche westliche Werte mit Füßen tritt, noch Geld aus Brüssel?“

Dass die Türkei ein Schwerpunktthema bei der Verleihung des Europäischen Sozialpreises darstellte, lag in der Person des Ausgezeichneten: Deniz Yücel, Korrespondent der „Welt“, zuvor Mitarbeiter der taz, der Jungle World, von konkret, Tagesspiegel, Jüdischer Allgemeine, Süddeutscher Zeitung, amnesty journal, BR, NDR und WDR, sitzt seit Anfang des Jahres in einem türkischen Gefängnis.

In Einzelhaft. Weil er Artikel verfasste, für die er in anderen Ländern Journalistenpreise bekommen hätte, wie seine frühere Kollegin und taz-Redakteurin Doris Akrap unterstrich. Jetzt setzte der Europaverein mit dem Europäischen Sozialpreis ein Zeichen: für Pressefreiheit und Menschlichkeit.

Dass es diesmal Yücel war, der als Preisträger gewählt wurde, fand nicht nur Eschweilers stellvertretende Bürgermeisterin Helen Weidenhaupt „eine hervorragende Wahl“: „Pressefreiheit ist eine unverrückbare Errungenschaft unserer Wertegemeinschaft.“ Sie war sich einig mit dem stellvertretenden Städteregionsrat Heinz-Josef Hilsenbeck: „Freiheit heißt vor allem Pressefreiheit. Wenn die Gewaltenteilung in einem Staat nicht funktioniert, kann die Presse sie wieder herstellen. Deshalb fürchten alle Diktatoren sie. Einen besseren Kandidaten als Deniz Yücel konnte man nicht finden!“

„Eine plurale Gesellschaft braucht freien Journalismus als Instanz, die Missstände und Fehlentwicklungen aufzeigt“, betonte auch Annelene Adolphs vom Direktorium Europäischer Sozialpreis. „Das Direktorium war sich diesmal sehr schnell über den neuen Preisträger einig.“ Sie appellierte an die Bundesregierung, sich für die Freilassung inhaftierter Journalisten weltweit einzusetzen.

Gut gefüllt war der Eschweiler Ratssaal, in den der Europaverein wie in jedem Jahr am Tag der deutschen Einheit zur festlichen Preisverleihung geladen hatte. Unter den Gästen: zahlreiche Preisträger aus zurückliegenden Jahren. Seit 1997 zeichnet der Europaverein alljährlich Menschen aus, die sich beispielhaft für Menschlichkeit und Menschenrechte sowie gegen Armut und soziale Ausgrenzung einsetzen. In diesem Jahr lag der Fokus auf Freiheit — Meinungs-, Presse-, Medienfreiheit. Musikalisch geprägt wurde die Feier von der hervorragenden Jazzformation um den Kölner Trompeter Florian Esch, die mit bekannten Jazzstandards beeindruckte.

Deniz Yücels Schwester Ilkay war am Dienstag nach Eschweiler gekommen, um den Preis für ihren inhaftierten Bruder entgegenzunehmen. „Stellvertretend für alle inhaftierten Journalisten in der Türkei“, wie sie betonte.

Mit ihr kam Doris Akrap, die mit Deniz in Flörsheim am Main aufgewachsen ist, mit ihm gemeinsam in Rüsselsheim ihr Abitur machte und später bei der taz mit ihm arbeitete. „Deniz ist kein Terrorist, kein Spion. Es gibt keinen Grund, ihn in eine Einzelzelle zu sperren“, betonte Akrap.

„Deniz hat getan, was ein Journalist tun muss, er hat seinem Beruf alle Ehre gemacht.“ Seine kritischen Beiträge über Vorgänge in der Türkei seien Dinge, die ihm in anderen Ländern Journalistenpreise eingebracht hätten. „In der Türkei bekommt man dafür Gefängnis.“ Deniz Yücel setze sich mit Leidenschaft für das ein, was er am meisten achte: die Würde des Menschen.

Nicht nur seine Familie vermisse ihn, so Doris Akrap, auch seinen Kollegen, mit denen er zum Beispiel Lesereisen unternahm, fehle er. Sie organisieren nun Korsos, Lesungen, Mahnwachen — „bis wir das Meer wiedersehen“, sagt Akrap. Das türkische Wort Deniz bedeutet im Deutschen Meer.

Die Pressefreiheit stand auch im Mittelpunkt der Rede von Professor Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung. Pressefreiheit sei für eine Demokratie unentbehrlich, Konflikte seien dabei aber unvermeidbar. „Auf alle Rücksicht zu nehmen, ist unmöglich. Jedem, nach dem Mund zu reden und zu schreiben, ist eine Gefährdung von Pressefreiheit, weil sie der Willkür der Tagesmentalität unterliegt.“ Pressefreiheit solle nicht „in die Fresse hauen“, sondern sagen, was ist, und Leute wachrütteln, nicht alles hinzunehmen.“

Die Entdemokratisierung der Türkei, zitierte Mathieu Elif Shafak, eine der meistgelesenen Schriftstellerinnen in der Türkei, sei eine wichtige Lektion für fortschrittlich gesinnte Menschen überall auf der Welt. „Was dort geschehen ist, kann überall geschehen.“

„Würze unserer Demokratie“

Kein Verständnis zeigte Mathieu für den Protest eines früheren Preisträgers gegen die Wahl Yücels, weil der sich in seiner taz-Kolumne vor sechs Jahren auch über Deutschland satirisch-kritisch geäußert hatte. „Wer es mit der Pressefreiheit wirklich ernst nimmt, der muss dafür kämpfen, dass solche Texte veröffentlicht werden, ganz selbstverständlich muss er dafür kämpfen, dass man sich darüber aufregen und ärgern kann, dass man widersprechen kann, dass man vielleicht auch nur mit seinem Kopf schüttelt.

Aber das muss doch erlaubt sein, das ist die Würze unserer Demokratie. Das ist Meinungsfreiheit par excellence. Pressefreiheit erschöpft sich nicht in der Bestätigung der eigenen Meinung. Pressefreiheit ist nichts für Meinungsfeiglinge.“

Den Schlusspunkt unter den Festakt zur Verleihung des Europäischen Sozialpreises setzte traditionell der Chor der Donnerberger Siedlergemeinschaft. Unter Leitung von Gunter Attensteiner und am Klavier begleitet von dessen Ehefrau Kim intonierte der Männergesangverein, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert, mit der Europahymne den Schlussakkord.