Alta Floresta/Eschweiler: Eschweilers neuer Kooperationspartner hat eine Menge zu bieten

Alta Floresta/Eschweiler : Eschweilers neuer Kooperationspartner hat eine Menge zu bieten

Die schlichte, funktionale Prefeituro municipal von Alta Floresta, zu deutsch: das Rathaus, mitten in der Stadt, hat eine traumhafte Eigenschaft: Sie hat Air Condition.

Während draußen weit über 30 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von satten 90 Prozent Besuchern, die das nicht gewohnt sind, den Schweiß aus allen Poren treiben, sitzen Eschweilers Erster Beigeordneter, seine Mitarbeiter Eberhard Büttgen und Stephan Miseré, Honorarkonsul Max Krieger und Übersetzer Jairo Martins bei kühlen, frischen Fruchtsäften mit dem Hausherrn, Bürgermeister Dr. Asiel Bezerra de Araujo, Vizebürgermeisterin Marineia da Silva Munhoz und weiteren Vertretern der Prefeitura zusammen.

Intensive Abstimmung der Kooperationsvereinbarung: Hermann Gödde (rechts) und Alta Florestas Bürgermeister Dr. Asiel Bezerra (Mitte).

Und besprechen die Einzelheiten der Kooperationsvereinbarung, von der die beiden Städte sich wichtige Impulse für ihren Weg in die Zukunft versprechen.

Kristallklares Wasser, wie es der Name verspricht: der Cristalino River im Regenwald bei Alta Floresta.

Vom Saulus zum Paulus

Riese im Regenwald: Auf bis zu 1000 Jahre wird das Alter dieses Brazilnut-Baums geschätzt.

Die Gastfreundschaft, die den Besuchern aus Eschweiler hier entgegenschlägt, ist überwältigend. Schon am Flughafen der 60.000-Einwohner-Stadt im Bundesstaat Mato Grosso hatten Asiel und seine Leute der Delegation einen herzlichen Empfang bereitet. Einer Delegation, deren Mission auch Bund und Land so bedeutsam erschien, dass sie die Reise voll finanzierten.

Einer Delegation, die keineswegs über 12.000 Kilometer angereist war, um am Pool des Floresta-Amazonica-Hotels exotisches Dschungelflair zu genießen, sondern die hier eine Woche lang von früh bis spät ein strammes Programm absolvierte, um mit lokalen Experten all das in Augenschein zu nehmen, was in Sachen Kooperation von Bedeutung sein kann — vom Flächenmanagement über Brachflächenrenaturierung bis zu Trinkwasseraufbereitung und Grünzugplanung.

Alta Floresta, vor Jahren noch wegen seiner immensen Rodungen des Regenwalds als einer der größten Umweltsünder verschrien, hat sich vom Saulus zum Paulus gewandelt: Heute ist die erst 1976 gegründete Stadt eine Vorzeigekommune in Sachen Ökologie und Nachhaltigkeit. Das äußert sich nicht nur in der Tatsche, dass ein früherer Bürgermeister, der innerstädtische Grünzüge als Bauland verscherbelte und die Hälfte des Erlöses in die eigene Tasche steckte, sich vor Gericht verantworten muss.

Sondern vor allem in zahlreichen Projekten, mit denen die 1976 auf private Initiative auf dem Reißbrett entstandene Stadt, die nach Goldfunden zwischen 1982 und 1985 an die 100.000 Bewohner hatte, landesweit Schule macht.

„Olhos D‘Agua“ — Wasseraugen — ist ein solches Projekt. Hier werden zwischen Äckern und Weiden Grundwassertümpel und -seen angelegt, um die herum Regenwald-Oasen neu geschaffen werden. Neben der Trinkwasseraufbereitung für die Bevölkerung sorgt ein Bewässerungssystem mit Tränken dafür, dass Rinder auf den Weiden versorgt werden und nicht die Flora rund um die Seen und Quellen zerstören.

Eine Flora, in der ungezählte Bienenstöcke einen ganz besonderen Honig hervorbringen. Schon mehr als 5000 Hektar ödes Land wurden durch die als bestes Wassermanagement-Projekt Brasilien ausgezeichneten „Wasseraugen“ zu neuem Leben erweckt. Tausende aufgeforsteter APPs (Areas of permant protection) verbessern nicht nur das Klima, sondern sorgen auch für eine größere Produktivität auf den umliegenden landwirtschaftlichen Flächen.

Natur in die Stadt holen

Grünzonen wie diese sollen auch in der Stadt verstärkt geschaffen werden, betont Bürgermeister Asiel. Dazu gehören 50 Meter breite Schutzstreifen für die Tierwelt entlang innerstädtischer Wasserläufe, denen „Transition Areas“ angegliedert sind: Grünzonen mit Spazier- und Radwegen, Gastronomie, aber auch öffentlichen Gebäuden wie Kindergärten und Schulen.

„Die meisten Leute, die hierher kommen, haben keinen Kontakt zur natürlichen Umwelt“, sagt Edson da Riva Carvalho, dessen Familie Alta Floresta einst gegründet hat. „Wenn wir die Natur in der Stadt nicht fördern, werden wie die Menschen auch nicht lehren können, den Regenwald zu schützen. Es gilt also, die Natur in der Stadt erlebbar zu machen.“

Den Regenwald und seine vielfältigen Bewohner hautnah erleben können Alta-Floresta-Besucher in der von Dona Vitória da Riva Carvalho gegründeten und betriebenen Cristalino Jungle Lodge. Mitten im Regenwald, zwei Stunden entfernt von der Stadt und nur mit dem Boot über den Teles Pires und den Cristalino River zu erreichen, hat Dona Vitória ein wahres Paradies für Naturliebhaber geschaffen.

Wer sich hier einquartiert, zahlt stolze Preise. Aber für eine gute Sache: Mit der Lodge wird das umliegende Reservat von Dona Vitórias Fundação Ecológica Cristalino finanziert, das Naturfreunde und -forscher aus aller Welt anzieht. Nicht zuletzt der ungezählten Vogel- und Schmetterlingsarten wegen, die sich nicht nur von einem der 50 Meter hohen Aussichtstürme beobachten lassen.

Die urzeitliche Natur rund um die Jungle Lodge war nicht das einzige, was die Eschweiler Delegation schwer beeindruckte. Auch ganz Gegensätzliches gehörte zum Besuchsprogramm: Riesige Sojafelder zum Beispiel. Die Farm, die das Team in Augenschein nahm, verfügt über 3000 Hektar Anbaufläche — knapp die Hälfte des gesamten Eschweiler Stadtgebiets.

Die Rinderfarm, die es zu besuchen galt, liegt „etwas außerhalb“, wie gesagt wurde. In diesem Fall hieß das: 140 Kilometer vor den Toren der Stadt, gut drei Stunden Fahrt über Straßen, von denen ein Drittel hier allenfalls als Teststrecken für Geländefahrzeuge herhalten würden. Kein Problem für Vagner: Der muntere Fahrer des Kleinbusses, mit dem die Indestädter unterwegs waren, war früher mehrfacher brasilianischer Landesmeister im Moto Cross.

Die Fazenda (zu deutsch: Farm), die der Bus ansteuert, ist eine von bisher sechs, die das junge Unternehmen Pecsa betreut. Pecsa steht für Pecuária sustentável da Amazônia, nachhaltige Amazoniens: durch eine intelligente, nachhaltige Weidewirtschaft mit wechselnden Standorten und durch Zufütterung ist es dem Start-up-Unternehmen gelungen, die Fleischerträge bei gleichzeitiger Qualitätssteigerung zu verzehnfachen, wie Pecsa-Direktor Vando Telles stolz berichtet.

So kann die Rinderzahl reduziert werden. Das spart Flächen und schützt die Natur. 40.000 Tiere stehen auf 10000 Hektar Weideflächen unter der Obhut der Pecsa. Eine Zahl, die ausbaufähig ist: Insgesamt gibt es in Alta Floresta knapp eine Million Rinder, deren Fleisch auf dem Weltmarkt gefragt ist.

Warum das so ist, davon konnten sich die Indestädter beim mittäglichen Bar-B-Q auf der Fazenda selbst überzeugen, ehe sie ihre Knochen auf der abenteuerlichen Rückfahrt einmal mehr durchschütteln ließen.

Enormes Wachstum

Die Verbesserung der verkehrlichen Infrastruktur ist sicher eine der Hauptherausforderungen für Alta Floresta — eine Stadt, die ansonsten eine Menge zu bieten hat. Moderne Universitäten, breite Straßen, Parks und Spielplätze, Hunderte von Läden, deren Angebot sich vor dem in Eschweiler keineswegs verstecken muss. Viele der Häuser in den Wohnvierteln zeugen nicht eben von Reichtum, doch etliche brandneue Viertel der für Menschen aus allen Teilen Brasiliens attraktiven Stadt, die, so schätzt man, in den nächsten zehn Jahren auf 100.000 Einwohner anwachsen wird, zeigen das Gegenteil.

So der Wohnpark Hamoa, in dem sich schicke Villen um eine riesige Poollandschaft, Bars und Restaurants scharen. An anderer Stelle entsteht in privater Initiative das Wohnviertel „Jardim Europe“ mit 1145 Grundstücken für weniger betuchte Familien. Ein Viertel mit Kita, Schulen, medizinischen Einrichtungen und Freizeitangeboten. Alle Grundstücke waren in kürzester Zeit verkauft — jetzt steht eine Weiterplanung an.

Über die abenteuerliche, von Goldrausch und Holzwirtschaft geprägte Geschichte der Stadt und das Cristalino-Regenwald-Schutzprojekt lesen Sie in einer unserer nächsten Ausgaben.

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