Eschweiler: Zwei Häuser an Mittelstraße zwangsversteigert

Mehrfamilienhäuser vernachlässigt : Herr Nießen sucht seinen Vermieter

Hans-Hubert Nießen wohnt seit November 2013 an der Mittelstraße. Die Wohnung habe er schnell bekommen. Was vielleicht auch daran lag, so erzählt es Nießen, dass der Rentner Fan des 1. FC Köln ist – wie sein Vermieter, der aus Köln kommt. Gute Voraussetzungen für ein entspanntes Verhältnis. Das hielt aber nicht lange.

Nießen hat sogar seit zweieinhalb Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Vermieter – Sascha G. ist nicht zu erreichen. Weder für Nießen noch für zehn andere Mieter in zwei Mehrfamilienhäuser an der Mittelstraße, die G. vermietet. Die beiden Objekte sollen am Donnerstag am Eschweiler Amtsgericht zwangsversteigert werden. Für Nießen und seine Nachbarn endet dann hoffentlich eine lange Farce.

Nach Aussagen von Hans-Hubert Nießen und dem entsprechenden Gutachten für die Zwangsversteigerung lässt sie sich so erzählen: 2014 schien noch alles in Ordnung. Sascha G. wollte beide Häuser modernisieren. Weil der Kölner zu der Zeit einen Betrieb für Sanitärinstallation führte, also Handwerker war, wollte er viele Arbeiten von seiner Firma erledigen lassen. So schildert es Mieter Nießen. Fertig wurde jedoch nicht viel. Das ist einfach zu überprüfen, denn drei Wohnungen in Nießens Haus stehen offen: Eine ist entkernt, keine Einrichtung, kein Putz an den Wänden, kein Bodenbelag. In zwei weiteren schichtet sich raumübergreifend Baumaterial, hinzu kommt säckeweise Unrat. Im Keller das gleiche Bild.

Diese Zustände müssen Hans-Hubert Nießen nicht zwingend stören. Aber Sascha G. hat noch etwas anderes vernachlässigt: Rechnungen. „Der Vermieter hat die Nebenkosten nicht bezahlt“, sagt Nießen. „Und deswegen ist uns schon mehrfach Strom und Gas abgestellt worden. Bis zu sechs Wochen lang – zum Beispiel einmal im Winter bis kurz vor Weihnachten.“ Die meisten Zähler im Keller sind schon abmontiert. „Wir haben hier im Haus privat neue Heizungen angeschafft, die Nachbarn teilweise Gasflaschen. Kalt blieb es trotzdem, und es war teuer“, erzählt Nießen.

Heimat Mittelstraße: Hans-Hubert Nießen wohnt seit 2013 in Röthgen. Die Häuser 26 und 28 werden heute zwangsversteigert. Es geht um 20 Wohnungen. Foto: ZVA/Carsten Rose

Seine Nachbarn im Haus nebenan hat es laut dem Gutachten vom Sommer 2018 härter erwischt. Darin steht, dass auch dort im November 2017 Strom und Gas abgestellt wurden, so dass die Heizungen nicht liefen und sich deswegen Schimmel bildete. Die Mieter hätten den Befall in Eigenleistung bereinigt, heißt es im Gutachten, Restspuren seien aber weiter vorhanden.

Der Wert der beiden Häuser von Sascha G. liegt bei insgesamt 965.000 Euro. In jedem Haus befinden sich jeweils zehn Wohnungen. Als die Gutachter beide Objekte im vergangenen Sommer besichtigt haben, waren in dem einen Haus zwei Wohnungen unbewohnt, in dem anderen sechs. In Letztgenanntem hielt sich zudem ein unbekannter Mieter auf. In der Summe heißt das: Acht von 20 Wohnungen, die zumeist unter 400 Euro Warmmiete kosten, stehen de facto leer, sind auf dem Wohnungsmarkt aber nicht zu haben, weil der Vermieter nicht aufzufinden ist. Zwar ist die Anzahl im Vergleich zur Größe Eschweilers verschwindend gering. Dennoch klingt die Geschichte absurd, da – wie auch der Sozialbericht für die Stadt Eschweiler zeigt – bezahlbarer Wohnraum dringend gesucht wird.

Zwangsversteigerung Mittelstraße 26 und 28. Foto: ZVA/Carsten Rose

Die Stadt Eschweiler hat in dem genannten Fall wenig Einfluss. Sie kann erst rechtlich eingreifen, wenn Gefahr in Verzug ist. Das ist zum Beispiel so, wenn Einsturzgefahr besteht, erläutert Dieter Kamp vom Amt für Liegenschaften. Ausstehende Sanierungen und Leerstand reichen nicht. Der Vermieter Sascha G. soll dem Vernehmen nach insolvent sein, was wahrscheinlich Anlass für sein Untertauchen ist. Gerüchten zufolge sollen unter anderem der Schuldenberg für die Nebenkosten im fünfstelligen Bereich liegen. Zumindest die Staatsanwaltschaft Aachen teilt auf Anfrage mit, dass derzeit weder Ermittlungen noch Verfahren gegen G. laufen. Die Kölner Staatsanwaltschaft ließ eine Anfrage unbeantwortet.

Für Hans-Hubert Nießen ist das auch nebensächlich. Er will endlich einen neuen Vermieter.

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