Eschweiler: Eschweiler zeigt’s fast der ganzen Welt

Eschweiler: Eschweiler zeigt’s fast der ganzen Welt

Für Bürgermeister Rudi Bertram war es eine besondere Premiere. Noch nie zuvor hatte er im Ratssaal Gäste aus so vielen Nationen begrüßt. Überwiegend junge Leute aus nahezu allen Teilen der Welt.

Menschen, die für die Vereinten Nationen (UN) arbeiten, für die Weltbank, die Asian Development Bank, die Weltgesundheitsorganisation, für Unicef, das UN-Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten, für die Heinrich-Böll-Stiftung in Tel Aviv, für die King Abdelaziz University in Jeddah, die University of Arizona, die Alfaisal University in Riyadh, das Parlament der Ukraine, die EU, die Universitäten von Turin, Gent und Leiden, die American University in Rom, das Finanzministerium, die University of Cambridge, die London School of Economics and Political Science und und und...

Beeindruckt von Eschweiletr: Patrick van Weerelt (2. von rechts), Büroleiter des in Bonn ansässigen Wissens-Centers für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, mit einer Hälfte seiner Schützlinge am Rande des Tagenaus Inden. Mit zwei Bussen sahen sich gestern gut 100 UN-Mitarbeiter aus nahezu aller Welt in Eschweiler um. Foto: Rudolf Müller

Menschen aus den USA und Indien, Laos und Mozambique, Liberia und den Philippinen, Bangladesh und dem Senegal, Schottland und Äthiopien, Bolivien und China, dem Sudan und Brasilien, Pakistan und Sambia, Kolumbien und Panama, Tanzania und Südkorea, Guinea-Bissau und Saudi Arabien und vielen weiteren Ländern.

Angereist war die gut 100-köpfige Schar am Mittwochmorgen aus Bonn, wo in diesem Jahr die Sommer-Akademie der Vereinten Nationen ihre Basis hat und sich in Workshops, Diskussionen und Exkursionen mit dem Thema Nachhaltigkeit befasst. „Localizing the Agenda 2030“ ist die Überschrift, unter der die Mitarbeiter der UN und kooperierender Organisationen intensive Blicke darauf werfen, wie die 2016 von den Vereinten Nationen gefassten politischen Zielsetzungen der Vereinten Nationen zur Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene umgesetzt werden (können).

Dass sie dabei ausgerechnet Eschweiler in den Fokus nahmen, kam nicht von ungefähr: Die Indestadt hat sich als Veranstaltungsort mehrerer internationaler Workshops im Programm „Nachhaltige Kommune“ einen Namen gemacht. Chinesische Delegationen haben sich bereits mehrfach vor Ort über die Bemühungen der Stadt, sich zukunftsfest aufzustellen, informiert. Und die beginnende Entwicklungspartnerschaft mit dem brasilianischen Alta Floresta ist ebenfalls keine Blume, die im Verborgenen blüht.

Strukturwandel und nachhaltige Entwicklung sind Themen, die Eschweiler wie kaum eine andere Stadt schon seit Jahrzehnten begleiten. „Wir durchleben eine Zeit, die einen riesigen Spagat erfordert“, so Bürgermeister Rudi Bertram, und meinte damit einerseits das Leben mit der Braunkohle, die in und um Eschweiler Tausende von Arbeitsplätzen sichert, andererseits die Herausforderungen, die das für 2030 avisierte Aus der Braunkohleverstromung in Weisweiler mit sich bringt.

Herausforderungen, die Eschweiler nicht erst jetzt angenommen hat: Die Schaffung des Industrie- und Gewerbeparks 1991 war ebenso wie die Gestaltung des Blausteinsees einer von vielen Schritten auf dem Weg zur Schaffung neuer Angebote und Arbeitsplätze. „Wir durchleben einen Prozess, der eine Riesenchance für die Stadt und die Region bedeutet“, betonte Bertram. „Und dass die Bürger dies erkennen und mittragen, ist überaus wichtig für den Erfolg.“

Jürgen Rombach, Sozialamtsleiter und Integrationsbeauftragter, stellte den interessierten Gästen die wichtigsten Aspekte der Stadt vor: von der Lage im Herzen Europas, an gleich zwei Autobahnen, den Aktivitäten zur Schaffung der „sozialen Stadt Ost“ über die Unterbringung von Flüchtlingen bis zum ressourcensparenden Baugebiet „Neue Höfe Dürwiß“ und last but not least Karneval: Rombach legte den fastelovendsunerfahrenen Besuchern aus aller Herren Ländern die drittgrößten „Rose Monday Parade“ Deutschlands ans Herz und lud alle ein, im Februar dabeizusein. Rombach hielt aber auch mit weniger Erfreulichem nicht zurück: Die Arbeitslosenquote liegt in Eschweiler deutlich über dem Durchschnitt in NRW und der Bundesrepublik. Rombach: „Sie ist so hoch wie in Frankreich. Wir sind also in guter Gesellschaft.“

Mit zwei Bussen machte sich die Schar vom Rathaus aus auf, die Indestadt selbst in Augenschein zu nehmen — vom Marktplatz mit der EMF-Bühne („Blues Brothers? Ich muss mein Visum übers Wochenende verlängern lassen!“, so ein afrikanischer Besucher) und die Flüchtlingsunterkunft Stich 30 ging es nach Eschweiler-Ost, weiter zum Aussichtspunkt des Tagebaus Inden, zur renaturierten Inde, zur Gedächtniskapelle Neu-Lohn und schließlich zum Blausteinsee, wo Eschweilers Technischer Beigeordneter Hermann Gödde das Gesehene noch einmal kommentierte. „Unser Ziel ist es, unseren Kindern und Enkeln eine intakte Landschaft zu hinterlassen, ebenso wie Arbeitsplätze. Nachhaltigkeit ist nicht nur grün, sie bedeutet auch, sozial und wirtschaftliche Strukturen aufrechtzuerhalten.“

Rudi Bertrams abschließender Appell an die UN-Vertreter, deren Leiter Patrick van Weerelt sich vom Gesehenen und Gehörten beeindruckt zeigte: „Viele von Ihnen arbeiten auf nationaler und internationaler Ebene. Aber die Prozesse in Sachen Nachhaltigkeit finden ,unten‘ statt: Gehen Sie auf die lokalen Ebenen und schauen Sie, was alles passiert! Gestalten Sie, wo immer Sie arbeiten, mit uns die Zukunft!“

Van Weerelt: „Eschweiler hat der Agenda 2030 eine gute Dringlichkeit gegeben und uns gezeigt, was Zukunftsplanung bedeutet. Ich freue mich darauf, hierher zurückzukehren!“

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