Eschweiler: Eschweiler ist beim Strukturwandel auf einem guten Weg

Eschweiler : Eschweiler ist beim Strukturwandel auf einem guten Weg

Dass eine Stadt mit solch industrieller Vergangenheit wie Eschweiler einmal den Deutschen Nachhaltigkeitspreis gewinnt, hätte vor wenigen Jahren wohl keiner gedacht. So erntete Bürgermeister Rudi Bertram nach eigener Aussage verwunderte Blicke, als er das Thema in übergeordneten Gremien ansprach.

Eine Stadt mit einem Braunkohletagebau und -kraftwerk will nachhaltig agieren — ein scheinbarer Widerspruch in sich. Und doch hat sich die prominent besetzte Jury in der vergangenen Woche für Eschweiler entschieden, weil sich die Stadt „den Herausforderungen des Strukturwandels besonders erfolgreich stellt“, heißt es in der Begründung. Im Herbst soll die Auszeichnung in Eschweiler gefeiert werden. Die zentrale Veranstaltung ist für den 7. Dezember in Düsseldorf vorgesehen.

Der Preis steht am Beginn eines langen, sich ständig verändernden Prozesses, an dem auch die Bürger aktiv beteiligt werden sollen. In fünf Workshops, an denen nicht nur Vertreter der Stadtverwaltung und aus der Kommunalpolitik, sondern auch zahlreicher Institutionen und interessierte Bürger teilnahmen, wurde die Nachhaltigkeitsstrategie der Stadt Eschweiler entwickelt.

Sie setzt das fort, was einmal mit der Überschrift „Eschweiler 2030“ versehen war und damit auf das Ende des Braunkohletagebaus Inden anspielte. Auch personell wirkt sich dies auf die Stadtverwaltung aus, denn seit drei Monaten arbeitet Jan Schuster als Nachhaltigkeitsmanager im Rathaus. Seine Stelle wird für zwei Jahre vom Bund gefördert.

Themen der Nachhaltigkeit bearbeitet Eberhard Büttgen seit vielen Jahren, sie sind also alles andere als neu in der Indestadt. Dennoch: „Eschweiler stach bei den Bewerbern um den Nachhaltigkeitspreis heraus, weil wir eine Vorgeschichte haben, die alles andere als nachhaltig im heutigen Sinne ist“, sagt er. Aber genau das nun nahende Ende des Braunkohletagebaus zwang zum Umdenken. Schon heute kann Eschweiler rein rechnerisch seinen gesamten Strombedarf aus Windenergie decken. Laut Büttgen könne dies keine andere Stadt in der Städteregion von sich behaupten.

In vielen Aspekten ist die Stadt federführend in der Region, sogar in Deutschland. Dies führt dazu, dass Gruppen der Vereinten Nationen regelmäßig in Eschweiler zu Gast sind. Diese Kooperation, so hieß es am Dienstag, soll in einem dauerhaften Austausch münden.

Dass Eschweiler über den Tellerrand schaut, unterstreicht die strategische Partnerschaft mit Alta Floresta in Brasilien, was die Jury des Nachhaltigkeitspreises ausdrücklich lobt. Zu den herausragenden Projekten zählt auch die Faktor-x-Siedlung in Dürwiß, wo ressourcenschonend gebaut wurde. Der technische Beigeordnete Hermann Gödde ist sich sicher, dass die Aspekte der Nachhaltigkeit bald auch in gesetzlichen Bauvorgaben zu finden sind. Am Vöckelsberg ist die nächste Faktor-x-Siedlung vorgesehen.

Die Leitlinien und Ziele der Eschweiler Strategie sind umfangreich und zählen zum Alltagsgeschäft in der Kommunalpolitik: die Investitionen in Schulen und Kindertagesstätten, der verstärkte soziale Wohnungsbau, die Integration von Migranten, die Fairtrade-Initiative und vieles mehr. Bürgermeister Rudi Bertram stellte am Dienstag klar, dass es ihm vor allem darum gehe, den „sozialen Frieden“ zu sichern, denn Veränderungen führen auch zu Verunsicherung.

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis ist mit 30.000 Euro dotiert. Bertram will das Geld nutzen, um eine alte Idee wieder mit Leben zu füllen: die Bürgerstiftung. Deren Auftrag soll nach dem Wunsch des Verwaltungschefs um die Unterstützung von nachhaltigen Projekten erweitert werden. „Das wäre auch für die Zukunft nachhaltig und damit besser, als sofort das Geld auszugeben“, sagt er. Für diese Idee will Bertram bei den Parteien werben.

Rat muss zustimmen

Auch an anderer Stelle ist der Rat gefragt: Die Nachhaltigkeitsstrategie, deren Inhalt die Jury beeindruckte, muss noch beschlossen werden. Bei der Vorberatung im Ausschuss hielt sich die Begeisterung bei einigen Ratsvertretern überraschend in Grenzen. Auch dort, so deutete Bürgermeister Rudi Bertram am Dienstag an, wolle man „Aufklärungsarbeit“ leisten. Ohnehin machte er keinen Hehl daraus, dass man keine „Wohlfühlpolitik“ betreibe, sondern sich dahinter „knallharte Wirschafts- und Sozialpolitik“ verbergen. „Nicht allen ist die Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit bewusst“, betont er. Dies soll sich ändern.