Eschweiler: Gutachten belegt Verbrechen von Hans Leyers

Hans Leyers : Der Weisweiler Wohltäter verliert wahrscheinlich seinen Weg

Der Hans-Leyers-Weg wird wahrscheinlich noch in diesem Jahr umbenannt. Denn der Stadt liegt nun das Gutachten vor, das prüfen sollte, ob der ehemalige Generalmajor Hans Leyers im Zweiten Weltkrieg während der Besatzung Italiens Kriegsverbrechen begangen hat.

Der an der Uni Köln tätige und von der Stadt beauftragte Historiker Carlo Gentile kommt zu dem Schluss: „Leyers gehörte nach den vorliegenden Erkenntnissen zwar nicht in die Kategorie der Hauptkriegsverbrecher, dennoch war er als Technokrat für Gewaltmaßnahmen im Krieg verantwortlich.“

Leyers sei demnach „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weder unmittelbar noch mittelbar“ an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen. Aber in Sachen „Zwangsarbeit, Deportationen und materieller Ausbeutung“ habe er eine Rolle gespielt. Diesbezüglich steht in dem Gutachten: Leyers Engagement im Zweiten Weltkrieg ging „weit über das Maß der ,reinen Pflichterfüllung’“ hinaus, und er hatte „wesentlichen Anteil an der Perfektionierung der Ausbeutungsstrukturen im besetzten Italien“, wodurch er „aus eigener Initiative dazu beitrug, den Krieg zu verlängern“. Unter anderem wurden im September 1943 mehr als 600.000 italienische Soldaten in das Deutsche Reich und in die besetzten Ostgebiete als Militärinternierte verschleppt, wie auf den mehr 40 Seiten des Gutachtens nachzulesen ist.

Der Autor der wissenschaftlichen Expertise, Carlo Gentile, Jahrgang 1960, ist Mitglied der Deutsch-Italienischen Historikerkommission und historischer Sachverständiger und Gutachter bei Strafverfahren wegen NS- und Kriegsverbrechen vor Gerichten in Deutschland, Italien und Kanada. Bei seinen Recherchen hat Gentile jedoch den Vorwurf nicht nachweisen können, Hans Leyers habe sich an Raubgold bedient und dafür auch Menschen getötet.

Hans Leyers lebte bis zu seinem Tod 1981 für 30 Jahre in Weisweiler auf dem Rittergut Haus Palant. In dem Stadtteil galt er als angesehener Mann und Wohltäter. Die dortige evangelische Gemeinde hat ihr heutiges Zentrum in der Burg Weisweiler, dazu hatte Leyers als Mitbegründer großzügig beigetragen, indem er einen Teil des Anwesens (es war in Familienbesitz) und Geld stiftete. Eine Zeit lang war Leyers auch Kirchmeister. Diese Verdienste sorgten dafür, dass der Rat der Stadt Eschweiler 1992 entschied, den südöstlich der Burg Weisweiler gelegenen Weg nach dem 1896 geborenen Hans Leyers zu benennen.

Damals stand in der entsprechenden Sitzungsvorlage jedoch nur wenig über dessen Vergangenheit während der Nazi-Zeit als Generalmajor, genauer gesagt nur ein Satz – nämlich dass er Generalmajor mit zahlreichen Auszeichnungen gewesen ist. In dem Buch „Straßennamen in Eschweiler“ des Eschweiler Geschichtsvereins ist ebenfalls nichts Näheres über Leyers Zeit während des Zweiten Weltkrieges zu lesen. Dabei war er einer der mächtigsten Vertreter Nazi-Deutschlands im besetzten Italien.

Was er dort gemacht hat oder gemacht haben soll, hat der US-Autor Mark Sullivan 2018 in dem biografische Roman „Unter blutrotem Himmel“ beschrieben. Das Buch wurde weltweit ein Bestseller, Hollywood verfilmt es. Es handelte von Pino Lella, der 1944 durch einen Zufall zum Fahrer des Nazi-Generalmajors Leyers wurde, während er für die italienische Resistenza, also die Widerstandsbewegung gegen den italienischen Faschismus, spionierte.

Auf Grundlage dieses Buchs recherchierte Carlo Gentile im Auftrag der Stadt. „Die gründliche Aufarbeitung dieser Zeit ist nicht nur in unserer Stadt sehr wichtig“, betonte Bürgermeister Rudi Bertram im Oktober 2018. Nun liegt das Ergebnis vor. Zwar sind nicht alle Schilderungen in dem Roman historisch-faktisch zu belegen, das Gutachten ist jedoch Anlass genug, den Hans-Leyers-Weg umzubenennen. Nach Angaben der Stadt gibt es bereits einen konkreten Namensvorschlag, der geprüft wird. Der Planungsausschuss berät darüber am 31. Oktober, den Beschluss fasst der Rat am 6. November.

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