Eschweiler Geschichtsverein unternimmt Tour nach Wuppertal

Eschweiler/Wuppertal: Unterwegs in der bergischen Industrie- und Kulturmetropole

Ab vier Jahren mussten Kinder noch im 19. Jahrhundert in den Textilbetrieben von Wuppertal zwölf Stunden täglich arbeiten zu einem Wochenlohn von 20 Pfennig. Den obligatorischen Schulunterricht erhielten die kleinen Arbeitssklaven auch im Betrieb, während bei den wohlhabenden Bürgern die Kinder von Hauslehrern unterrichtet wurden.

Nur im Krankheitsfall wurden die Jugendlichen von der Arbeit freigestellt. Mit diesen unmenschlichen Arbeitsbedingungen und auch mit zahlreichen Exponaten gut erhaltener Textilmaschinen — extra in Kindergröße gefertigt — zur Herstellung von Bändern, Litzen, Garnen, Stoffen usw. wurden die Reiseteilnehmer des Eschweiler Geschichtsvereins (EGV) unter Leitung von Wolfgang Schmidt im Textilmuseum der Familie Friedrich Engels in Wuppertal-Barmen konfrontiert. Aus diesem Kontext heraus ist es durchaus verständlich, dass weitsichtige Leute wie Friedrich Engels und Karl Marx das politisch und philosophisch aufgriffen und ihre Kritik durch „Das Kapital“ 1867 veröffentlichten.

Bereits bei der Stadtanfahrt zum „Frühindustrie-Engels-Museum“ war die Eschweiler Gruppe minutenlang an der Wupper entlang, immer mit Blick auf die an Schienen verlässlich schwebende Bahn unterwegs. Eine kurze Überquerung der B7, schon war der EGV-Tross per Aufzug oder über Treppen an der Haltestelle Adlerbrücke, und wenig später konnte das langersehnte Bahnschweben beginnen: Die Indestädter saßen wie auf einem Logenplatz, es stellte sich ein Gefühl der Erhabenheit ein und man hatte das Privileg, nicht durch die vom Industriewandel vergessenen alten Färbereien, Webereien oder Tuchfabriken stolpern zu müssen.

Die Wupper ist Gott-sei-Dank heute wieder ein glasklarer Fluss und nicht wie zu Zeiten Else Lasker-Schülers ( 1869) eine zum Himmel stinkende Kloake, als es im Sommer „stinkefrei“ statt „hitzefrei“ gab. Aus den Panoramafenstern der Bahn wurden schon die Höhen von Wuppertal gesichtet. Der Bus nahm die Reisegruppe an der Endstation Vohwinkel wieder auf. Jetzt war die Stadtführerin Margret Jeuk mit an Bord.

Nicht über 1000 Stufen und mehr waren die Höhen zu erklimmen, sondern auf kurvigen Straßen, auf denen Busfahrer Joachim Ehrens den EGV ins Briller Viertel mit seinen inmitten parkähnlichen Gärten thronenden Gründerzeitvillen samt ihren Kutscherhäuschen brachte. Nicht eine Villa glich der anderen, bei vielen waren berühmte Architekten am Werk. Bis 1905 entstanden, zeigten sie alle Baustile von Neu-Gothik, Neu-Renaissance und Neu-Barock auf, ab 1900 etwa war dann die Ornamentik des Jugendstils vorrangig, ab 1910 abgelöst vom bergischen Heimatstil mit seinen Schieferdächern, weißen Gesimsen, grünen Schlagläden und Barockelementen.

Es ging auch hinauf zum Ölberg, einem Teil der Nordstadt, wo zwischen 1870 und 1914 die Textilarbeiter hauptsächlich in vierstöckigen Mietskasernen hausten und die Lichter, nicht wie im Briller Viertel, aus hellen Glühbirnen, sondern aus düster flimmernden und noch dumpfer riechenden Petroleumfunzeln kamen. Es dämmerte schon, als die gruppe an der nahen Südstadt den Grifflenberg mit seinen Professorenhäusern, unter anderem auch dem Geburtshaus von Ferdinand Sauerbruch (der laut seiner Lehrer es nie zu etwas bringen würde) sowie den modernen Palästen der Bergischen Universität umkreisten.

Ein letztes Vorbeifahren am Wuppertaler Hauptbahnhof, derzeit im Umbau, und schon hieß es Adieu an die charmante, äußerst gut mit Stadtgeschichte und Erzählkunst bewanderte Stadtführerin, ehe das vernehmliche Magenknurren bei der ersehnten Kaffeepause besänftigt werden konnte in dem von Alex Mülfahrt und seiner Frau aus Eschweiler geführten Hof zur Hellen, einem Biobauernhof im Windrather Tal.

Munter ging es dann auch in einem 90-minütigen Parforceritt zurück nach Eschweiler mit dem erstaunten Fazit, wie viel Schönes und Neues man doch in nur acht Stunden und kaum mehr als 100 Kilometer von zu Hause weg erleben kann. Die einstige bedeutende Industriestadt Wuppertal, die erste und einzige Stadt Deutschlands und eine von nur Fünfen in der Welt, die mit einer Schwebebahn als alltägliches Transportmittel ausgestattet ist, war ganz entschieden diese Reise wert.

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