Eschweiler-Dürwiß: St. Bonifatius wird zur Kinder- und Familienkirche

Interview zur Kinder- und Familienkirche : „Die Idee ist, Kinder an einem Ort zusammenzubringen“

Dass es die Institution Kirche vor allem bei jungen Leuten oft schwer hat, ist kein Geheimnis. Die Gemeinschaft der Gemeinden (GdG) in Eschweiler hat deshalb im Juni vergangenen Jahres beschlossen, St. Bonifatius in Dürwiß zur Kinder- und Familienkirche zu machen. Am kommenden Sonntag wird diese Entscheidung nun umgesetzt.

Pastoralreferent Norbert Franzen und Gemeindereferentin Petra Minge erklären im Gespräch mit Caroline Niehus, was das für die Zukunft bedeutet, welche Veränderungen damit einhergehen und warum es auch Kritik an der Entscheidung gab.

Herr Franzen, warum braucht Eschweiler eine Kinder- und Familienkirche?

Franzen: Wir machen in unseren Gemeinden die Erfahrung, dass immer weniger Kinder an den Gottesdiensten teilnehmen – auch an den extra für Kinder gestalteten. Die Idee war, diejenigen, die noch kommen, an einem Ort zusammenzubringen. Sie sollen das Gefühl haben, dass es noch mehr Interessierte gibt. Sonst wird es für Kinder uninteressant. Zudem sind unsere Kirchen für Kinder wenig einladend. Zum Beispiel können die meisten Kinder nicht gut in den Bänken sitzen, weil sie nicht mal mit den Füßen auf die Erde kommen. Daher kam die Überlegung, das zu ändern. Es gibt allerdings noch eine Menge Vorbehalte.

Zum Beispiel?

Franzen: Die Befürchtung der Gemeinden ist, dass die eigenen Kindergottesdienste keinen Zuspruch mehr haben, wenn es eine zentrale Kinderkirche in Eschweiler gibt. Es gibt auch kritische Stimmen von Menschen, die mit so einer Veränderung in ihrer Kirche schwer oder gar nicht umgehen können. Das hat aber nichts mit Dürwiß zu tun, das war auch bei jeder anderen Kirche im Bistum Aachen so, die zu einer Kinderkirche umgewandelt wurde. Wenn sich Vertrautes ändert, ist das Unverständnis zunächst normal – vor allem im Kirchenraum. Es war uns von vornherein klar, dass es da Vorbehalte geben wird. Wir hoffen, dass wir die ausräumen können.

Welche Veränderungen gibt es denn konkret in der Kirche?

Franzen: Im linken Seitenschiff sind alle Bänke entfernt worden, stattdessen wird dort Teppich verlegt. Außerdem haben wir für die Kinder bunte Sitzkissen angeschafft. So sind sie im Gottesdienst flexibel und können zum Beispiel mit den Kissen vor den Altar gehen. Für die Eltern, die mit ihren Kindern zusammen sitzen möchten, gibt es Sitzhocker. Im Moment wird eine Trockenbauwand an den Außenwänden entlang gezogen. Dort können dann Dinge, die die Kinder für den Gottesdienst gebastelt haben, aufgehängt werden. Fakt ist, dass dieses Querschiff im Alltag fast nie besetzt war. Es ist nicht so, dass jetzt Menschen stehen müssen, weil die Bänke fehlen.

Es gibt ja auch zentralere Kirchen auf Eschweiler Stadtgebiet. Warum wurde St. Bonifatius ausgewählt?

Franzen: Zum einen, weil die Kirche das räumlich hergibt. Sie ist so konstruiert, dass man einen Teil des Querschiffes ausräumen konnte. Das wäre in den anderen Kirchen kaum möglich gewesen. Im Stadtteil Dürwiß leben außerdem sehr viele Familien mit Kindern. Die bisherigen Kindergottesdienste waren dementsprechend gut besucht. Es gibt also einen Sachgrund und einen inhaltlichen Grund. Was noch dazu kommt: Es schwebt uns vor, auch Aktivitäten über die Gottesdienste hinaus anzubieten. Dafür eignet sich das Bonifatiusforum.

Frau Minge, welche Aktivitäten sind denn schon geplant?

Minge: Es gibt noch kein festes Konzept mit Aktivitäten. Wir starten jetzt erst mal, um zu gucken, wie es überhaupt angenommen wird. Was uns vorschwebt, ist, dass nicht jeder nach dem Gottesdienst seiner Wege geht, sondern noch Gemeinschaft stattfindet. Wir machen jetzt Werbung, weil wir Ehrenamtliche brauchen, die sich mit einbringen. Es kann ja nicht nur auf Schultern von ein paar Leuten lasten, sondern wir wollen uns breit aufstellen und engagierten Familien Raum geben. Wenn es gut ankommt, ist das super.

Was passiert, wenn nicht?

Minge: Das war eine große Angst der Dürwisser Bürger: Dass wir die Kirche ausräumen und es nicht gut angenommen wird. Aber es gibt die Möglichkeit, das zurückzubauen. Da ist die Gewissheit für die Leute: Wenn es nicht funktioniert, wird es eben wieder rückgängig gemacht.

Herr Franzen, welche Ideen gibt es denn noch?

Franzen: Eine Idee auf Dauer ist – sofern sich das etabliert – eine Wickelmöglichkeit in der Sakristei aufzustellen. Der Raum ist groß genug. Die Kirche soll ein Raum für Kinder und Familien werden, in dem sie sich wohlfühlen und in dem es für sie selbstverständlich ist, sich darin aufzuhalten. Eine Wickelecke in der Kirche ist aber auch ein Thema, mit dem manche überfordert sind. Die können sich das einfach noch nicht vorstellen. Wir hinken da aber teilweise noch hinterher. Warum sollte in der Sakristei keine Wickelkommode hin? Die könnte man doch auch bei Taufen nutzen. Aber das sind Sachen, die sind noch nicht in den Köpfen und Herzen vieler angekommen.

Was wünschen Sie sich für den ersten Gottesdienst am Sonntag?

Franzen: Die Idee ist ja, dass es für ganz Eschweiler sein soll. Deshalb wäre es auch schön, wenn aus ganz Eschweiler Familien kommen würden – vielleicht auch nur aus Neugier. Sie sollen gucken, ob es was für sie ist. Schade wäre es, wenn es sich auf Dürwiß beschränken würde. Denn wir hoffen, dass sich um die Kinderkirche eine neue Gemeinde entwickelt aus Familien, die sich hier zusammenfinden. Diese Gemeinde ist dann nicht durch Territorium definiert, sondern durch die Inhalte.

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