Vortrag über Nostalgie und Nachkriegsjahre: Eschweiler der Zeit von Prügelstrafe und Rock’n’Roll

Vortrag über Nostalgie und Nachkriegsjahre : Eschweiler der Zeit von Prügelstrafe und Rock’n’Roll

Ausrufe- oder Fragezeichen? „Früher war alles viel besser!“ oder „Früher war alles viel besser?“ Vor allen Dingen „anders“ war das Leben in der Nachkriegszeit im Vergleich zur Gegenwart.

Dies bewies der Vortrag der Referenten und Autoren Josef Stiel und Dr. Karl Pütz, zu dem die Verantwortlichen des Eschweiler Geschichtsvereins sowie der Volkshochschule Eschweiler am Donnerstagabend in den Talbahnhof eingeladen hatten. Innerhalb zweier Stunden, die, so Kurt Manthey, Vorsitzender des Geschichtsvereins, „wie im Flug vergingen“, gelang dem Duo ein Parforceritt durch die „Adenauer-Ära“, der vom „Muckefuck“ über den „Persil-Prengel“ zum Wäschewenden bis zur Raupenbahn als Inbegriff eines „Sündenbabels“ reichte.

Bereits drei Bücher haben Josef Stiel und Dr. Karl Pütz unter der Überschrift „Früher war alles viel besser...?“ veröffentlicht. Dabei beschrieben die beiden ehemaligen Lehrer des Berufskollegs Eschweiler das „Leben ohne Wasserleitung, Kanalanschluss, Heizung und Kühlschrank“, schwelgten in „Schule und andere Erinnerungen“ und beleuchteten ebenso eine Epoche, in der „Sex noch eine Sünde war!“

In die Diskussion treten

Am Donnerstagabend lasen Josef Stiel und Dr. Karl Pütz nun nicht aus ihren Werken vor, sondern nahmen die zahlreichen Zuhörer und -seher im vollbesetzten Talbahnhof mit auf eine von unzähligen Bildern und Fotografien unterstützte Zeitreise. „Wir möchten im Rahmen unserer Vorträge und Lesungen auch immer mit dem Publikum in die Diskussion treten. Unsere Bücher reflektieren sowohl persönliches Erleben als auch die Ergebnisse sehr vieler Gespräche mit Zeitzeugen“, verdeutlichte Josef Stiel.

Ziel sei nicht zuletzt, Brauchtum und Tradition zu pflegen, ohne die Vergangenheit zu verklären. „So manches war sicherlich gut, anderes wiederum weniger. Wir möchten auch viele Dinge kritisch hinterfragen und Missstände keinesfalls außer Acht lassen“, so der Referent, der gemeinsam mit seinem Mitstreiter vor zwei Jahren mit dem „Rheinlandtaler“ ausgezeichnet wurde.

Dass viele Dinge und Gegenstände von zwei Seiten zu betrachten sind, machte Josef Stiel nicht zuletzt anhand des Herdes deutlich, der in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Mittelpunkt der Wohnküche war, die wiederum das Herzstück der gesamten Wohnung darstellte. „Ein solcher Herd, in dem alles verbrannt wurde, was nicht niet- und nagelfest war, verströmte eine heimelige Atmosphäre, war aber auch eine Dreckschleuder.“ Weitere markante Punkte des damaligen Alltagslebens stellten unter anderem „das gute Zimmer“, das beinahe niemals betreten wurde, und der „Muckefuck“ als Ersatz für den damals auf Grund einer Luxussteuer nahezu unerschwinglichen Bohnenkaffee dar. Eindeutig sei auch, dass das Nachkriegs-(West-)Deutschland von der Gleichberechtigung der Frau noch (mindestens) Lichtjahre entfernt gewesen sei.

„Die Geschlechterrollen waren noch Mitte der 60er Jahre bis hinein in die Schulbücher festgeschrieben“, so Josef Stiel. Während die Männer ihren Berufen noch an sechs Wochentagen im 48-Stunden-Rhythmus nachgingen, war die Hausarbeit ausschließlich Frauensache. „Meistens in der vielleicht nicht wirklich modischen, aber zumindest praktischen Kittelschürze“, sorgte der Referent für das eine oder andere zustimmende Nicken der Zuhörer. „Frauen hatten in der Bundesrepublik enorm wenige Rechte. Der Ehemann durfte einen Arbeitsvertrag ohne Rücksprache kündigen“, nannte Josef Stiel ein Beispiel, das heutzutage kaum noch nachvollziehbar ist.

Es wurde auch geprügelt

Unvergleichbar größer als in der Gegenwart sei jedoch der Zusammenhalt unter den Menschen gewesen. „Vor jedem Haus stand eine Bank. Dort traf man sich mit den Nachbarn. Und wir Kinder spielten auf der Straße“, erinnerte sich der im Jahr 1944 Geborene. Langeweile sei ein vollkommen unbekanntes Wort gewesen. „Wir waren immer draußen. Die Spiele reichten von Knickern bis Fußball, nicht selten mit einer Schweinsblase als Spielobjekt.“ In der Schule hätten Tag für Tag die Fächer Lesen, Schreiben, Rechnen, Religion, Singen und Heimatkunde auf dem Stundenplan gestanden. Und ja, geprügelt worden sei in der Tat.

Rock‘n‘Roll-Musik

Die einzige Verbindung zur „weiten Welt“ habe das Radio hergestellt. Durch dieses sei irgendwann dann auch Rock‘n‘Roll-Musik erklungen. Der Beginn einer Revolution, während der die Jugend aufbegehrte. Doch der Widerstand des Establishments sei stark gewesen. So sei das Lied „Schuld war nur der Bossa Nova“ auf Grund der Zeile „Kind, warum warst Du erst heut‘ morgen da?“ im Bayerischen Rundfunk nicht gespielt worden. Doch der extrem hohe moralische Anspruch bis hin zur vollkommenen Leibfeindlichkeit sei nach und nach gebröckelt, obwohl die Macht der Kirche noch lange bis in den persönlichen Bereich der Menschen gereicht habe.

„Wir hatten wenig bis nichts, haben aber viel daraus gemacht. Vielleicht hat uns auch die Armut durchaus positiv geformt, obwohl ich heutzutage niemandem wünsche, so zu leben“, zog Josef Stiel ein vor allem nachdenkliches Fazit. Der langanhaltende Applaus bewies, dass die Gäste den Vortrag in erster Linie genossen haben.

(ran)
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