Eschweiler: Der Bahnhof in St.-Jöris ist gut ausgestattet, aber leer

Gute Bewertung, wenig Zulauf : Bahnhof in St. Jöris – ein unterschätztes Stillleben

Wer Zufriedenheit sucht, der wird sie an der Bahnstation St. Jöris finden. Ausgestattet ist er mit (fast) allem, was das Herz Bahnreisender begehrt: überdachte Sitzgelegenheiten, ein funktionierender Fahrkartenautomat und ein Infokasten zu den Verkehrszeiten. Das Problem: Wenige wissen diesen Schatz im Ort zu schätzen.

Idyllisch liegt er da, am Ortsrand, umgeben von grünen Feldern, Kühe sonnen sich in seiner Nachbarschaft, ein wohlklingender Signalton kündigt an, dass Reisende ihm näher kommen – dem Bahnsteig von St. Jöris. Der Puls steigt. Gleich erfolgt sie, die Einfahrt in eine der Bahnstationen mit der besten Bewertung des Nahverkehr Rheinlands (NVR).

Stolze 99,43 Prozent erreichte der eher unscheinbare Haltepunkt mit zwei Gleisen, den es bereits seit fünf Jahren gibt. Besser schnitt nur der Bahnhof Bonn UN Campus mit 99,56 Prozent ab, der seit eineinhalb Jahren besteht, etwas mehr Fluktuation aufweist und dem daher der erste Platz gegönnt sei.

Es scheint, als wollten die wenigsten Gebrauch von ihrem kleinen Top-Bahnhof in St. Jöris machen. Als die Euregiobahn nämlich mittags im Eschweiler Stadtteil hält, wird sie von keinem wartenden Bahnreisenden erwartet, und auch kein Mitfahrer betritt den sauberen Boden, für den der Haltepunkt ein „akzeptables Erscheinungsbild“ attestiert bekommen hat, die höchste Qualitätsstufe bei der Untersuchung vom NVR.

Alles, was ein guter Bahnsteig braucht: Fahrkartenautomat und -entwerter, wettergeschüzte Sitzgelegenheiten und eine Infosäule. Nur Reisende fehlen. Foto: ZVA/Anne Schröder

Hoffnungsvolle Gemüter werden argumentieren, dass zu den Hauptverkehrszeiten mehr Menschen das qualitativ hochwertige Angebot ihres St. Jöriser Hauptbahnhofes nutzen würden – und es stimmt. „Mein Enkel fährt häufiger nach Aachen, weil er an der Uni dort studiert“, sagt eine Seniorin am Rande der Haltestelle, die gesteht, selbst noch nie mit der Bahn gefahren zu sein. Aber reicht der Pendelverkehr nach Aachen an Wertschätzung des zweigleisigen Verkehrsknotenpunktes im Grünen von St. Jöris?

Auch die Verbindung nach Stolberg scheint nicht der beliebteste Weg, wie ein Bauer berichtet, der sich selbst als „Eingeborener aus St. Jöris“ bezeichnet, aber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Aus Stolberg will ja auch keiner hier aussteigen. Die Städte arbeiten gegeneinander und verstehen sich nicht gut“, sagt er und ergänzt: „Manchmal fährt die Bahn auch einfach durch.“ 3,70 Euro für eine Strecke im Verkehrsverbund sei vielen auch zu teuer, vermutet er.

Dabei wird einem etwas geboten, wenn man die Regionalbahn 20 verlässt und den Haltepunkt auf sich wirken lassen kann. Denn der hohe Zufriedenheitswert, den die Tester des NVR ermittelt haben, fußt auf handfesten Kriterien. Eine durchweg positive Auszeichnung erhält der Bahnhof im Bereich Funktionalität, Sauberkeit und Erscheinungsbild bei der Ausstattung. Und St. Jöris muss sich nicht verstecken. Begrüßt werden die Besucher am Bahnsteig von einem funktionierend Fahrkartenautomaten. Der Entwerter steht gleich nebenan, um kurze Wege zu garantieren. Eine Rampe erleichtert den Zugang und macht den Haltepunkt barrierefrei. Sitzgelegenheiten mit Wetterschutz sorgen für einen angenehmen Aufenthalt, auch bei Regen. Eine Vitrine mit Infos zu den Abfahrtszeiten gebe den Reisenden Orientierung. Eine Info-/Notrufsäule gibt das Gefühl von Sicherheit, ebenso wie die Beleuchtung im Dunkeln und Videokameras.

Aber so manches Manko findet man auch bei der besten Bahnstation. Gleisbeschilderungen sind nicht angebracht. Zwar kann man sich bei einem Zug, der rund alle 20 Minuten kommt, schwer im Gleis vertuen, aber es geht ums Prinzip. Auch wenn der Aufenthalt in St. Jöris von zeitloser Schönheit geprägt ist, so wäre eine Uhr noch die Krönung des eh schon ausgezeichneten, aber unterschätzten Stilllebens in St. Jöris.

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