Eschweiler: Comedian zieht alle Register

Auftritt im Talbahnhof : Kalle Pohl feiert „offen und ehrlich“ - und ganz schön kritisch

Der Auftritt im Talbahnhof ist für den gebürtigen Dürener Comedian ein Heimspiel. Trotz „Best of...“ ist für ihn noch lange nicht Schluss.

„Zu Hause“ ist es doch am schönsten! Und überhaupt: Der unzweifelhaft (und in nahezu jeder Hinsicht) größte deutsche Kabarettist und Komödiant gehört auf die größte Bühne der Republik. In einfachen Worten: Kalle Pohl in den Eschweiler Talbahnhof. Am Samstagabend war es (endlich) wieder einmal so weit. Der Tausendsassa feierte in seiner künstlerischen Heimat die Premiere seines Best-of-Programms „Offen und ehrlich - Von allem das Beste“ und begeisterte seine zahlreichen Anhänger im vollbesetzten Kulturzentrum mit einem Feuerwerk an Gags, komischen Einfällen, einfallsreichen Wortspielen, haarstreubenden Zwie- und Mehrpersonengesprächen, literarischen Leckerbissen, mitreißenden „Schangsongs“ sowie mitunter auch nachdenklichen Worten und eröffnete so die erste seiner noch (hoffentlich) zahlreichen Abschiedstourneen.

Dabei hätte die Bühne übrigens keinesfalls kleiner ausfallen dürfen, denn Kalle Pohl hatte neben seinem Akkordeon natürlich auch liebgewonnene Familienmitglieder quasi im Gepäck. So bereitete Schwager Franz-Josef dem gebürtigen Dürener und somit Vollblut-Rheinländer sowie dessen Publikum zahlreiche Freuden mit thematisch tiefschürfenden Limericks, während Tante Mimi mit der „geschlechtergerechten“ Sprache ihres Neffen so ihre Probleme hatte. „Warum Friseur-Innen-Salon? Dass Haare draußen geschnitten werden, habe ich noch nie gehört“, warf sie eine durchaus berechtigte Frage in den Raum.

Im weiteren Verlauf des kurzweiligen Abends sollten auch noch Onkel Schäng, selbstredend Vetter Hein Spack, die „Handsau“ und nicht zuletzt der irgendwo zwischen Eduard Mörike und Bata Ilic einzuordnende Dürener Welt-Literat Walter Büllesheim zu gewichtigen Worten kommen. Apropos Literatur: Natürlich ist die Zeit auch nicht an Kalle Pohl spurlos vorbeigegangen. Höchste Zeit für den ehemaligen Polizeiwachtmeister also, unter dem Titel „Mein Leben, Verwandte und andere Katastrophen“ seine Memoiren zu verfassen, aus denen der Autor am Samstag seitenlang vortrug, ohne sich ablenken zu lassen. Schließlich ist nicht vollkommen auszuschließen, dass der Verfasser irgendwann einmal der immer größer werdenden Gruppe der „Senioren der Zukunft“ angehören könnte.

„Senioren der Zukunft“

.„Es wird noch so weit kommen, dass ein Falschparker von drei aufmerksamen Bürgern angezeigt wird. Die Gefahr besteht, dass Senioren dann Parallelgesellschaften bilden und die Flucht in unsere Sozialsysteme antreten. Müssen denn erst Altenheime brennen?“, so der „besorgte Bürger“ Kalle Pohl, der nicht ungerne an das Jahr 1973 zurückdenkt, in dem der Polizeiwachtmeister Pohl seine erste Fußstreife alleine durch Ehrenfeld bestritt. „Mit der Walter PPK an meiner Seite die Venloer Straße entlang“, schwelgte der Merzenicher in Erinnerungen. Allerdings habe dieses respekteinflößende Bild seltsamerweise einen „Kunden“, dem der Ordnungshüter vollkommen berechtigterweise einen Strafzettel im wahrsten Sinne des Wortes verpassen wollte, nicht von folgender Frage abgehalten: „Darfst du denn schon Knöllchen schreiben, junger Schutzmann?“

Viereinhalb Jahrzehnte später treibt den studierten Gitarristen nun vielmehr das drohende Fahrverbot für Dieselfahrzeuge um. „Ich finde das ungerecht. Ein Teilnehmer an einer Schiffskreuzfahrt verursacht das Vielfache an Umweltverschmutzung als ein Dieselfahrer. Man sollte Letztgenannten Anreize verschaffen: Der Dieselfahrer mit dem geringsten CO2-Ausstoß wird belohnt! Zum Beispiel mit einer Kreuzfahrt“, so der pragmatische Lösungsansatz von Kalle Pohl, dessen Herz schon immer vor allem für die Musik und das Kino schlug.

Ganz besonders ist ihm der amerikanische Schience-Fiction-Film „Der Koloß“ in Erinnerung geblieben. „In diesem überlebt ein Soldat sinnigerweise eine Atom-Explosion und wächst anschließend auf eine Größe von 20 Metern. Auf Grund seiner Größe kann das Herz nicht mehr genügend Blut in das Gehirn transportieren und der Protagonist verliert den Verstand. Heute lassen sich solche Personen eigenartige Frisuren wachsen und werden Präsident der USA. Aber ich schweife ab“, verdeutlichte der Kabarettist, dass heutzutage die Realität der Science-Fiction nicht selten eine klitzekleine Fußspitze voraus ist.

Mit einem kurzen Abstecher in das musikalisch ernsthafte Opern-Genre, bei dem die „Ledermaus“ Besuch von Figaro erhielt, der seine Zauberflöte einsatzbereit im Gepäck hatte, fand die vielbeklatschte Premiere ihren würdigen Abschluss.

Blumen von Kulturwirt Walter Danz waren neben dem Applaus der erste Lohn für den Künstler, der unterstrich als „Spaßhandelsreisender aus Leidenschaft“ unterwegs zu sein. Die eine oder andere noch folgende Abschiedstournee liegt also definitiv im Bereich des Möglichen. Premieren im Talbahnhof eingeschlossen. Denn zu Hause ist es... (ran)

(ran)
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