Eschweiler: Ärzte sehen Vorteile mit Impfpflicht

Debatte um Masern-Schutz : Immer mehr Stimmen für eine Impfpflicht gegen die Kinderkrankheit

Zwei Eschweiler Ärzte halten eine Gesetzesänderung für sinnvoll, ein anderer hat seine Zweifel daran, das Zwang der richtige Weg ist. Bessere Aufklärung würde auf alle Fälle viel bewirken.

Mit kleinen roten Flecken und Fieber kündigt sich die oft lebensgefährliche Infektionskrankheit an. Die Masern scheinen in Deutschland wieder auf dem Vormarsch. Sie sind vor allem für Kleinkinder gefährlich. Da aber viele Eltern ihre Kinder nicht mehr impfen lassen, möchte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine Impfpflicht für Kinder in Kitas und Schulen einführen. In Eschweiler ist der Allgemeinmediziner Dr. Hanns-Joachim Vögeli ein ganz klarer Befürworter der angedachten Impfpflicht: „Ich halte es für eine sinnvolle Sache, sich gegen Masern impfen zu lassen. Diese Meinung vertrete ich aber schon seit 40 Jahren und nicht erst, seitdem sie politisch interessant ist.“

Die Impfungen gegen Masern, Röteln und Mumps sollten Kinder laut Vögeli erstmals im Alter von 13 bis 17 Monaten erhalten und im zweiten Schritt im Alter von 12 bis 13 Jahren. Dann sei man immun. „Ich habe in den letzten Wochen und Monaten keine Masernfälle gesehen. Der Großteil unserer Patienten ist geimpft“, berichtet der Mediziner. „In unserem Gebiet werden mehr Impfungen durchgeführt als beispielsweise in Großstädten wie Duisburg, wo in den letzten Jahren vermehrt Masern registriert wurden.“ Der Eschweiler Arzt befürwortet die Impfpflicht, denn „ich kann aus meiner Zeit in einer Kinderklinik einiges über die Folgeerscheinungen von Kinderkrankheiten berichten.“

Gegner wird es immer geben

In Bergrath hat der Allgemeinmediziner Dr. Magid Salama seine Praxis. Er habe keine „Impfmuffel“ als Patienten in seiner Praxis. Salama sagt aber auch: „Spahns Vorstoß halte ich für nicht ganz unumstritten. Ob eine Impfpflicht die Lösung bringt, möchte ich nicht kommentieren. Zwang ist nie gut. Aufklärung ist sehr wichtig.“ Man müsse den Leuten klar machen, dass die Komplikationen der Impfung nicht so schwer und wahrscheinlich seien wie bei einer Erkrankung. Bewusst ist Salama, dass es immer sogenannte Impfgegner geben werde. „Die feiern ja sogar Masernpartys, bei denen gesunde Kinder sich bei kranken Kindern infizieren sollen, um danach eine lebenslange Immunität zu haben.“ Die Masern seien aber keine harmlose Kinderkrankheit, weiß der Mediziner. „Dieser Schuss kann gewaltig nach hinten losgehen, wenn ein Kind an einer Immunschwäche leidet.“ Bei Masern könne es zu Komplikationen kommen, die zu bleibenden Hirnschäden und im schlimmsten Fall zum Tod führen könnten. Auch für Schwangere wäre eine Infektion fatal, meint Salama, der definitiv fürs Impfen plädiert, wenn auch nicht für eine Pflicht.

Kinderarzt Helmut Müller, der seine Praxis in Dürwiß hat, könnte sich eine Masern-Impfpflicht gut vorstellen, wäre sie denn gesetzlich möglich. Mit Blick auf die von der Weltgesundheitsorganisation geforderte 95-Prozent-Rate für die zweite Impfung bei Kindern, die den umfassenden Schutz garantieren soll, sagt Helmut Müller: „Viele Erstklässler sind nicht mehr geimpft. Das zeigt doch, dass die geforderte Rate nur mit Aufklärung und Freiwilligkeit schwer zu erreichen ist.“ Das wiederum bedeute auch, dass die Krankheit nicht – wie von vielen öffentlich gefordert – ausgerottet werden könne. Müller betont außerdem, dass nicht nur ungeimpfte Kinder gefährdet seien, sondern vor allem die Erwachsenen, die nur eine Impfung haben machen lassen. Der Kinderarzt erinnert in dem Zusammenhang daran, dass in der ehemaligen DDR Impfen reine Staatsangelegenheit war, also Pflicht – es gab ganze Impfprogramme. „Dort kamen manche Krankheiten einfach nicht vor.“

Bezogen auf seine Patienten weiß Helmut Müller, dass Impfgegner bei den Elternteilen eine Ausnahme seien. „Wenn Kind und Eltern seit der Geburt begleiten und betreuen, ist die Inanspruchnahme der Impfungen relativ hoch.“ Auch habe der Arzt festgestellt, dass die Nachfrage gerade nach Masern-Impfungen dann steigt, wenn Fälle öffentlich bekannt werden.

Es gibt bereits Kindertagesstätten in Nordrhein-Westfalen, die nehmen keine Kinder mehr auf, denen die Impfungen gegen Masern und andere Krankheiten im Impfpass fehlen. Dieses Vorgehen sei für Eschweiler zwar ausgeschlossen, betont Vera Joußen vom Träger BKJ, der die städtischen Kitas unterhält, aber: „Eine Impfpflicht hätte natürlich ihre Vorteile, auch wenn es verschiedene religiöse Betrachtung hierbei gibt. In all den Jahren haben wir ja viele Fälle von Kinderkrankheiten erlebt.“

Zum Grundsatz der Kitas zähle nach Aussage von Vera Joußen nicht nur, dass Impfungen bei Kindern „begrüßt werden“, sondern auch bei den eigenen Angestellten.

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