Eschweiler: „Esch-O“-Gründer: Nach 20 Jahren sucht er eine neue Herausforderung

Eschweiler : „Esch-O“-Gründer: Nach 20 Jahren sucht er eine neue Herausforderung

Diplom-Sozialarbeiter Peter Brendel gründete vor 20 Jahren den damaligen Stadtteilbetrieb „Esch-O“ in Eschweiler-Ost. Sein Engagement sorgte dafür, dass sich das Bild des Stadtteiles grundlegend gewandelt hat. In der gemeinnützigen Arbeitsmarktförderungsgesellschaft „Low-tec“ agierte er später als Geschäftsführer.

Dort kümmerte er sich mit seinem Team vor allem um die Qualifikation von Arbeitslosen. Nach 20 Jahren sucht er nun neue Herausforderungen. Paul Santosi sprach mit ihm rückblickend über den Arbeitsmarkt, über Selbstbewusstsein und auch über die Chancen, Menschen zu ihrem eigenen Vorteil Struktur und Halt im Leben wiederzugeben.

Qualifizierung in Pflegeberufen — eine Teamaufgabe. Foto: Paul Santosi

Herr Brendel, vom Bergmechaniker zum Sozialarbeiter. Ein starker Kontrast, oder?

Brendel: Damals war die Sache klar. Im Alter von 14 Jahren lautete die Entscheidung Ausbildung und Handwerk. Beim EBV gab es damals allerdings schon die Möglichkeit, sich weiterzubilden. Dann folgte das Fachabitur. Allerdings war ich schon früh in der Jugendarbeit engagiert, etwa bei Ferienfreizeiten. Das Studium der Sozialen Arbeit war also irgendwann einmal eine Art logische Konsequenz.

Die Katholische Fachhochschule war zu dieser Zeit fest in Frauenhand, oder?

Brendel: Das stimmt. In manchen Seminaren gab es einen Frauenanteil bis zu 90 Prozent.

Offensichtlich gab es in unserer Gesellschaft irgendwann einmal die Erkenntnis, dass Arbeitsleben nicht nur aus Technik und Organisation besteht, sondern auch etwas mit der Art und Weise zu tun hat, wie Menschen darin interagieren.

Brendel: Das wird leider immer noch stiefmütterlich behandelt, in der gesamten pädagogischen Arbeit von der Kita über Schule, vom Job bis zum Seniorenheim. In den sogenannten „helfenden Berufen“ gibt es noch einiges zu tun. Nicht zuletzt die Einkommenssituation für Mitarbeiter in diesen Bereichen ist unbefriedigend. Das ist Arbeit, die sich lohnen sollte und sich auch für das Gemeinwesen lohnt. Je früher wir zum Beispiel ansetzen, unsere Kinder zu unterstützen, desto weniger „Reparaturen“ brauchen wir später. In einer Zeit, in der alle nur über Digitalisierung und wirtschaftlichen Erfolg reden, halte ich es für extrem wichtig, dass sich der Staat hierzu deutlich positioniert.

Die Notwendigkeiten in der Arbeitsmarktpolitik liegen auf der Hand. Von Phänomenen wie Langzeitarbeitslosigkeit bis hin zum Fachkräftemangel.

Brendel: Das genau ist das Dilemma. Arbeitsmarktpolitik reagiert häufig nur auf bestehende Situationen, anstatt vorausschauend zu arbeiten. Seit 15 Jahren weisen wir auf diese Entwicklungen hin. Hätten wir damals schon konsequent einen sozialen Arbeitsmarkt aufgebaut, gäbe es heute weniger Langzeitarbeitslose und ein kleineres Problem im Fachkräftebereich.

Im Stadtteilbetrieb „Esch-O“ und der „Low-tec“ machten Sie das genaue Gegenteil von Politik, nämlich handfeste Hilfe. Wie kam es eigentlich zur Entwicklung dieser beiden Institutionen?

Brendel: Der Stadtteilbetrieb an der Dürener Straße hatte die klare Zielsetzung, in Eschweiler-Ost einen Prozess in Gang zu setzen. Da ging es um die Entwicklung von Arbeits-, Sozial- und Wohnungsstrukturen, um Wohnumfeldverbesserungen. Das ist hervorragend gelungen, das kann man sich heute vor Ort anschauen. Es begann wirklich damit, dass ich von Tür zu Tür ging, mich vorgestellt habe, um mit den Bewohnerinnen und Bewohnern dort zu reden und ihre Ansichten kennenzulernen. Einige haben abgewunken, viele waren aber auch erfreut, dass endlich mal jemand kommt und sich für ihre Lebenssituation in ihrer Umgebung interessiert.

Die Anfänge bestanden darin, Wohnungen und Keller zu entrümpeln. Eine Mitarbeiterin kümmerte sich später darum, mit den Bewohnern ein Müllentsorgungskonzept zu entwickeln. Dann kam die Wohnungsbaugesellschaft und packte mit an. Der Stadtteilbetrieb wurde zum echten Treffpunkt für Bewohnergruppen die den Stadtteil voranbrachten, aber beispielsweise auch als eine Weltkriegsbombe gefunden und entschärft werden musste. Wir waren Impulsgeber, Begleiter, Unterstützer, Aktivator, ein Ort der sich zum Herz des Stadtteiles entwickelte.

Dann kam die nächste Phase in der „Low-tec“ an der Südstraße?

Brendel: Ja. Heute gibt es in Eschweiler-Ost eine völlig veränderte Wohnsituation, eine Bürgerbegegnungsstätte und vieles mehr. Danach konnten wir uns in der „Low-tec“ verstärkt auf arbeitsmarktpolitische Maßnahmen konzentrieren. Dazu brauchten wir allerdings etwas mehr Platz und eigene Räumlichkeiten. An der Südstraße waren wir sozusagen Herr im eigenen Haus und konnten die Räume an verändernde Anforderungen anpassen.

Wer steht eigentlich hinter der „Low-tec“?

Brendel: Der Gesellschafter ist die Evangelische Gemeinde zu Düren. Unsere Standorte sind in Düren, Eschweiler und Aachen. Unsere Hauptaufgabe ist die Qualifizierung, Weiterbildung und Beschäftigung von Arbeitslosen und von Arbeitslosigkeit bedrohten Menschen. Hierzu arbeiten wir eng mit Firmen, Gewerkschaften, Kammern, dem Jobcenter und der Agentur für Arbeit zusammen. Ich denke, dass wir diese Arbeit ganz gut machen.

Die evangelische Kirche in Düren engagiert sich auf Eschweiler Stadtgebiet? Klingt ungewöhnlich.

Brendel: Das ist es in der Tat. Was die wenigsten wissen: Eschweiler gehört noch zum Kirchenkreis Jülich, Stolberg bereits zum Kirchenkreis Aachen. Hinzu kamen die kommunalen und bundespolitischen Umstrukturierungen der vergangenen 20 Jahre. Die größte Veränderung kam mit der sogenannten Hartz-Gesetzgebung in 2005. Also der Zusammenführung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe. Sozialhilfe war bis dato immer eine kommunale Angelegenheit und wurde dann zur Bundesangelegenheit.

Dann die Entstehung der Städteregion Aachen und damit die Zusammenführung der Jobcenter aus Stadt und Kreis Aachen. Also mussten wir uns auch verändern und etwas bewegen kann man nur, wenn man über den Tellerrand hinausschaut. Bei meiner Verabschiedung hat Bürgermeister Bertram ganz deutlich gesagt, wie willkommen unsere Arbeit in Eschweiler war und ist. Ich glaube, dass man direkt in den Kommunen mit Arbeitsmarktpolitik noch viel mehr bewegen könnte.

Zurück zur „Low-tec“. Es gibt hier Büros, Werkstätten und Seminarräume. Wie groß ist das Areal eigentlich?

Brendel: Das ganze Areal umfasst etwa 6000 Quadratmeter. Davon entfallen auf Halle und Büroräume rund 1000 Quadratmeter. Gerade wird ausgebaut. Überwiegend in Eigenleistung. Unsere Auszubildenden im Malerbereich zum Beispiel erlernen ganz praktisch bei diesem Ausbau, worum es im Job geht.

Kann man bei einer solchen Arbeit in Kategorien wie „Erfolg“ oder „Niederlage“ sprechen? Gab es besonders lichte oder dunkle Momente?

Brendel: Arbeitsmarktpolitik hat sich in den vergangenen Jahren durch immer wieder neue Programme und Projekte ausgezeichnet. Jeder politisch Verantwortliche will hier seinen persönlichen Fingerabdruck hinterlassen. Also wenig Kontinuität. Da stellt man schon mal die Frage: Wozu macht man das eigentlich alles mit? Gerade nach den strukturellen Veränderungen mit Hartz IV hatten wir am Standort Eschweiler eine Phase, in der der Sog des Oberzentrums Aachen gewaltig war. Alle wichtigen Veränderungen fanden plötzlich in Aachen statt. Da stand auch unser Standort hier in der Diskussion und zum Verkauf.

Für eine bestimmte Zielgruppe muss man aber Angebote vor Ort machen. Das ist verstanden worden. Als Geschäftsführer habe ich immer versucht, mir die Nähe zu den Teilnehmern zu erhalten. Wenn man die Entwicklung von Menschen erlebt, die zunächst kein besonders ausgeprägtes Selbstbewusstsein haben, dann aber über sich hinaus wachsen, lernt man Veränderungen sehr schätzen. Viele haben sich hier eine Perspektive erarbeitet und sich persönlich enorm weiterentwickelt.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Brendel: Ja, zum Beispiel im Bereich der Pflege. Frauen und Männer aller Altersstufen, teilweise mit Migrationshintergrund, haben wir in den vergangenen Jahren bestens qualifizieren können. Wenn die sich mit einem Zertifikat in der Hand in den Institutionen der Region zu wertvollen Mitarbeitern entwickeln, dann ist das ein messbarer Erfolg. Sicher wird in diesem Sektor Personal händeringend gesucht. Es ist aber trotzdem ein gutes Beispiel, wie man Leute stufenweise und mit Kontinuität in den Arbeitsmarkt bringen kann. Das geht nicht immer in der gleichen Geschwindigkeit. Der eine braucht dafür sechs Monate, der andere vielleicht das Dreifache der Zeit. Teilweise kommen zu den Verabschiedungen der Teilnehmer auch Arbeitgeber und holen ihre potenziellen neuen Mitarbeiter mit einem Blumenstrauß persönlich ab. Das ist ein Moment, in dem ich denke: Genau deshalb sind wir hier, das wäre ohne uns nicht geglückt.

Um was geht es hauptsächlich? Um die Vermittlung beruflicher Fähigkeiten oder um die Wiederherstellung von verloren gegangenem Selbstbewusstsein?

Brendel: Um beides. Immer mehr allerdings darum, den Menschen wirklich Selbstbewusstsein und Struktur zu geben. Werfen wir doch mal einen Blick auf die nüchternen Zahlen für Deutschland und die Städteregion. 75 Prozent der Arbeitslosen fallen in die Zuständigkeit des SGB II, das heißt Hartz IV. Es handelt sich überwiegend um Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen, aus Gründen mangelnder Qualifikation oder mangelnder sozialer Kompetenzen in diesem Bereich sind. Mit diesen Leuten muss ich einfach anders umgehen als mit gut qualifizierten Menschen. Die persönliche Entwicklung muss viel stärker berücksichtigt werden. Dafür braucht man in aller Regel mehr Zeit. Verschuldete Jugendliche, prekäre Wohnsituationen, gesundheitliche Einschränkungen - das ist heutzutage schon fast bedauernswerter Standard.

Auf den Punkt gebracht: Sie formen Menschen?

Brendel: Ja, so gut es möglich ist. Formen kann man noch bei Kindern oder Jugendlichen, die zur Schule gehen. Letztlich müssen auch wir in unserer Arbeit jeden so nehmen, wie er ist. Ich bin zutiefst davon überzeugt: jeder Mensch hat seine Stärken. Genau die gilt es, herauszufinden. Mit der Frage, wo er oder sie diese Stärken am Besten einbringen kann.

Gibt es ein Leben nach der „Low-tec“?

Brendel: Aber ja. Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik liegt mir am Herzen. Dem bleibe ich auch zukünftig hier in der Region treu.

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