Eschweiler: Erinnerungen an den 9. November 1938

Eschweiler: Erinnerungen an den 9. November 1938

„Opfern nicht zu gedenken und sie somit der Vergessenheit anheim fallen zu lassen, bedeutet, sie erneut zu Opfern werden zu lassen!“ Mit diesen Worten empfing Dieter Sommer, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Eschweiler, am Montagnachmittag die Teilnehmer der Gedenkstunde zum Jahrestag der Reichspogromnacht am Gedenkstein vor der Dreieinigkeitskirche, wo unter anderem das jüdische Heiligungsgebet „Kaddisch“ vorgetragen wurde.

Im Gotteshaus begrüßte kurz darauf Pfarrer Thomas Richter die Teilnehmer, darunter unter anderem Vertreter der Stadt, des Eschweiler Geschichtsvereins sowie angehende Konfirmanden. „Gott hat der Hoffnung einen Bruder gegeben. Und dessen Name lautet Erinnerung“, betonte der Geistliche, der zuvor Gedanken des damals sechsjährigen Pogromnacht-Zeitzeugen Dr. Menachem Mayer vorgelesen hatte.

Mit traditioneller jüdischer Klezmer-Musik gestalteten Bärbel Ehlert und Friedhelm Lutzer die Gedenkstunde sowohl gesanglich als auch instrumental. Foto: Andreas Röchter

Zu Beginn seiner Gedenkrede unterstrich Pfarrer Dieter Sommer, dass vor 77 Jahren auch die Eschweiler Synagoge gebrannt habe und die indestädtischen Juden dem Naziterror ausgeliefert gewesen seien. „Welche Bedeutung hat die Zahl 77? Diese Frage hat mich nachdenklich werden lassen und mich auf den in unserer Zeit wenig bekannten Psalm 77 des Alten Testaments gebracht“, ließ der Redner wissen. Im ersten Teil dieses Psalms fragt der Betende, ob Gott alle Gnade vergessen oder im Zorn verschlossen habe?

„Was mag der damals kleine Junge Menachem Mayer gedacht haben, als er mit ansehen musste, wie Menschen sein Heim vernichteten? Hat er gedacht, Gottes Gnade sei versiegt?“, fragte Dieter Sommer, um seinen Blick auf die Gegenwart zu richten. „Wenn Vorurteile zu Hass, Neid und Schuldzuweisungen führen, dann ist zu befürchten, dass ein Gebot Gottes nicht mehr gehört wird: Du sollst nicht falsch Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten!“ Doch gerade dies geschehe momentan täglich. Und zwar sowohl innerhalb der Politik als auch auf der Straße.

Statt Menschen in Not zu retten und zu fördern, dächten zahlreiche Menschen nur an ihr eigenes Hab und Gut sowie daran, sich abzuschotten. „Gott fordert uns aber auf, Fürsprecher des Lebens zu sein. Denn jeder Mensch ist ein Kind Gottes!“, so Dieter Sommer, der darauf verwies, dass die Hoffnung niemals versiegen dürfe. Schließlich heiße es auch im zweiten Teil des Psalms 77: „Du bist der Gott, der Wunder tut!“

Tatsache sei jedoch, dass 77 Jahre nach der „Verweigerung der Gotteskindschaft der Juden“ und der Missachtung aller Gebote Gottes, gegenüber Menschen, die um Hilfe ersuchten, um in Frieden leben zu können, vielfach falsches Zeugnis abgelegt werde. „Die Erinnerung hat nur dann einen Sinn, wenn geplantem oder bereits begangenem Unrecht Einhalt geboten wird“, so die abschließende Forderung von Pfarrer Dieter Sommer.

Musikalisch gestaltet wurde die Gedenkstunde von Bärbel Ehlert (Geige und Gesang) und Friedhelm Lutzer (Akkordeon). Nach der Andacht in der Dreieinigkeitskirche folgte der Gang zum jüdischen Friedhof an der Talstraße, wo die Versammelten nach jüdischer Sitte Steine auf dem Mahnmal ablegten, der Opfer des Holocausts gedachten und anhand von Psalm 23 („Der Herr ist mein Hirte“) ihr Vertrauen auf Gott untermauerten.

(ran)
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