Eschweiler: Entwicklungshilfe für die Vorzeigestadt Eschweiler

Eschweiler : Entwicklungshilfe für die Vorzeigestadt Eschweiler

Nachhaltigkeit, das ist nicht nur Umweltschutz. Nachhaltigkeit betrifft nahezu alle Lebensbereiche: Bildung, Ernährung, Gesundheitswesen und vieles mehr. Lebensbereiche, die nicht am Gartenzaun einer Insel der Glückseligen Halt machen, sondern global miteinander korrespondieren.

In Eschweiler ist Nachhaltigkeit seit Jahren ein Thema und inzwischen auch Chefsache. Längst hat man im Rathaus erkannt, dass Strukturwandel und Nachhaltigkeit einander nicht ausschließen, sondern zusammengehören. Vertreter der Eschweiler Verwaltung sind gern gehörte Referenten bei Fachtagungen. Bürgermeister Rudi Bertram ist Mitglied des auf Ministeriumsebene angesiedelten Arbeitskreises „Chefsache Nachhaltigkeit“.

Die Fundação Getulio Vargas (FGV) zählt zu den zehn bedeutendsten Thinktanks der Welt. Dass die Eschweiler Delegation in Rio vom Vorstand der FGV empfangen wurde, zeigt die Bedeutung, die international den Bemühungen der Indestädter in Sachen globaler Nachhaltigkeit begemessen wird. Foto: Rudolf Müller

Im März erst hielt er bei der Abschlusstagung des NRW-Projekts Global Nachhaltige Kommune in der Universität Bonn einen Vortrag und nahm eine Auszeichnung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) entgegen; vor wenigen wenigen Tagen war er Referent bei der 6. NRW-Nachhaltigkeitstagung im Congress Centrum der Messe Essen, wo rund sich 400 Akteure aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Kommunen über Nachhaltigkeitsstrategien austauschten.

Welches Ansehen die Kooperation Eschweilers mit Alta Floresta besitzt, zeigt, dass Deutschlands Generalkonsul in Rio, Klaus Zillikens (rechts), die Delegation um Hermann Gödde (links) und Honrarkonsul Max Krieger in seiner Residenz empfing. Foto: Rudolf Müller

Eine solche ist auch im Rathaus in Arbeit: Im September soll das für die kommenden Jahre geltende Strategiepapier dem Rat vorgelegt werden.

Einer, der der Indestadt auf dem Weg zur Nachhaltigkeit kräftig unter die Arme greifen soll, ist Jan Schuster. Der 35-jährige Kölner, Geograf mit Magisterabschluss, ist seit Jahren auf diesem Feld zu Hause. Der Mann, der neben seiner Muttersprache auch Französisch, Niederländisch, Spanisch und Suaheli spricht, fängt am kommenden Dienstag bei der Verwaltung an, genauer gesagt: im Amt für Wirtschaftsförderung, Liegenschaften und Tourismus.

Sein Job: Koordinator für kommunale Entwicklungspolitik. Für zunächst zwei Jahre mit Option auf ein drittes ist Schuster in Eschweiler unter Vertrag, seine Stelle wird zu 100 Prozent vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und der Engagement Global GmbH — Servicestelle Kommunen in der Einen Welt — finanziert.

„Schuster soll nicht nur verwaltungsintern die Umsetzung des Strategiepapiers begleiten, sondern vor allem als Botschafter fungieren und raus zu den Menschen gehen“, sagt Bürgermeister Rudi Bertram. „Hier geht es nicht nur um beispielsweise die Umstellung auf 100 Prozent Ökostrom bei der Stadt, sondern auch um eine Bewusstseinsänderung in der Bevölkerung.“

Schuster soll beispielsweise auch auf die Schulen zugehen und für den Bundesfreiwilligendienst werben. Mit Blick auf Eschweilers Entwicklungspartnerstadt Alta Floresta. „Wir werden keine Schulklassen zum Austausch nach Brasilien schicken können“, sagt Eschweilers Technischer Beigeordneter Hermann Gödde, der sich vor zwei Monaten mit einer Delegation in Alta Floresta umsah.

„Aber wir können sehr wohl junge Leute im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes nach Alta Floresta schicken, um dort bei der Wiederaufforstung des Regenwalds mit anzupacken oder auch auf einer Rinderfarm zu erleben, wie man Massentierhaltung auf eine ökologische Basis stellt.“ Das für den Freiwilligendienst zuständige Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben sei geradezu auf der Suche nach derartigen Projekten.

So wie auch das BMZ „Außenprojekte“ im Rahmen des Programms Global Nachhaltige Kommune ausdrücklich begrüßt. Kooperationen, wie sie gerade zwischen Eschweiler und Alta Floresta anlaufen. Eine Entwicklungspartnerschaft, die mit dem Besucher einer brasilianischen Delegation in der Müllverbrennungsanlage Weisweiler begann, wo die Gäste aus Alta Floresta sich vor allem für die Möglichkeit der Energiegewinnung durch Müllverbrennung begeisterten. Der brasilianische Honorarkonsul Max Krieger nutzte den Besuch, um Vertreter beider Städte zusammenzubringen. Städte, die längst festgestellt haben, dass sie weit mehr Probleme verbinden als die Abfallbeseitigung. „Großes Thema ist der Schutz natürlicher Ressourcen, die Wasserwirtschaft, der Wasserschutz“, sagt Gödde.

Trotz erfolgter Renaturierung der Indeauen: „Das wird uns in den kommenden Jahren reichlich beschäftigen. Und da werden wir von den Kollegen in Alta Floresta einiges lernen können.“ Dort sind beiderseits von Flussläufen begrünte Schutzzonen angelegt, die einer reichhaltigen Fauna Heimat bieten. Und ausgeklügelte Bewässerungssysteme machen aus ausgelaugten Landstrichen (wie sie bei uns der Tagebau hinterlässt) saftige Wiesen mit ständig wachsenden bewaldeten Inseln. Was dagegen die Entwässerung betrifft, so sagt Gödde: „Die haben da gute Ansätze, aber in der konkreten Umsetzung hapert es.“ Katasterwesen, Tiefbau, geografische Informationssysteme: Hier kann Alta Floresta Hilfe brauchen. „Vielleicht schicken wir auch mal einen Kollegen für ein paar Monate dahin — wie wir es seinerzeit bei den Neuen Bundesländern auch gemacht haben“, sagt Gödde.

Der neue Koordinator für kommunale Entwicklungspolitik soll bei all dem Kontinuität gewährleisten. „Das darf kein Strohfeuer sein.“ Dazu zählt auch, dass Schuster als Mittler zur Wirtschaft auftritt, kleine und mittlere Unternehmen beiderseits des Atlantiks füreinander begeistert, Industrie- und Handwerkskammern und Unis mit ins Boot holt. „In Alta Floresta besteht zum Beispiel Rieseninteresse an einem Unternehmen in Sachen E-Mobilität“, weiß Gödde. „Wir in Eschweiler haben so ein Unternehmen.“

Vorstellen kann man sich im Rathaus auch, dass für bei Baumaßnahmen fällige Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen nicht um jeden Preis irgendeine Fläche genutzt wird, um da etwas Grün hinzusetzen. Stattdessen könnten Ausgleichszahlungen verwendet werden, um über eine Stiftung in Alta Floresta ein Stück Regenwald zu sichern. „Da hätten dann alle etwas davon“, sagt Gödde.