Eschweiler: Enorme Temperaturen machen Milchbauern zu schaffen

Eschweiler : Enorme Temperaturen machen Milchbauern zu schaffen

Das kleine Kalb liegt nah bei seiner Mutter im Stroh. Es ist 14 Tage zu früh auf die Welt gekommen. Die Frühgeburten häufen sich, erklärt Milchbauer und Landwirt Rudolf Schmitz, dessen Hof zwischen Eschweiler und Dürwiß liegt. Nicht selten kommt es momentan vor, dass die Kälber mehrere Wochen zu früh geboren werden und sterben.

Grund dafür sind die enormen Temperaturen, die den Muttertieren zu schaffen machen. Dass dieses Kalb überlebt, ist ein Glückfall.

„Eine Kuh ist wie ein Hochleistungssportler“, erklärt Schmitz. „Wenn sie trächtig ist, macht das Kalb in den letzten sechs Wochen etwa die Hälfte des Körpergewichts aus. Bei der Hitze fühlen sich die Kühe nicht wohl, der Kreislauf ist überanstrengt und die letzte Möglichkeit, sich selbst auf den Beinen zu halten, ist, das Kalb zu gebären.“

Aber nicht nur die hochschwangeren Kühe bereiten den Milchbauern deutschlandweit große Sorgen, die Folgen der Hitze reichen deutlich weiter. Da die Wohlfühltemperatur von Kühen zwischen minus fünf und 20 Grad Celsius liegt, litten in den vergangenen Wochen viele der Tiere. Schon das Atmen fällt einigen derzeit sehr schwer.

Kein Wunder, wenn man bedenkt , dass 500 Liter Blut durch den Euter einer Kuh fließt, um einen Liter Milch zu erzeugen. Seit Wochen beobachten Rudolf Schmitz und sein Sohn Tobias Schmitz bei allen ihrer 60 Kühe, wie sie träger werden, weniger fressen und dementsprechend weniger Milch abgeben. „Die Milchleistung ist momentan 20 bis 30 Prozent niedriger als unter normalen Wetterbedingungen“, meint Schmitz.

Begehrte Plätze unter der Dusche

Dabei versuchen die Milchbauern schon, den Stall für ihre Tiere so angenehm wie möglich zu gestalten. Zuletzt haben sie eine Sprenkelanlage installiert, die Tag und Nacht läuft. „Die Plätze unter der Dusche sind heiß begehrt und manchmal auch stundenlang von ein und dem selben Tier belegt“, erzählt Tobias Schmitz. Zudem sind im gesamten Stall die Fensterscheiben rausgenommen, damit möglichst viel Luft hindurch ziehen kann. Auch die Futterkrüge werden häufiger gereinigt, da sich Bakterien bei der Hitze stärker vermehren. Drinnen wie draußen sind außerdem Tränken für die Tiere angebracht.

Aber auf die sieben Hektar Weidenflächen wagt sich sowieso keine Kuh mehr. Selbst im Schatten unter den großen Bäumen ist es viel zu heiß. Deswegen besteht seit ein paar Wochen auch die Sonderregelung, dass die Kühe im Stall bleiben dürfen, auch wenn ein Betrieb an einem Prämienprogramm teilnimmt, wie Michel Blechmann von der Kreislandwirtschaft Aachen Düren Euskirchen erklärt.

Oftmals erfordern nämlich Molkerei- oder EU-gebundene Prämien von den Betrieben mehrere Stunden Freigang der Kühe. Momentan rät die Kreislandwirtschaft aber, dass die Kühe nur nachts auf die Weiden gehen — zur Abkühlung. Zu fressen gibt es nämlich auf den vertrockneten Wiesen seit Wochen nichts mehr.

Vorräte werden angebrochen

Und das ist wohl das allergrößte Problem, dass die Hitze den Milchbauern in ganz Deutschland beschert: Nichts wächst auf den Äckern, das Tierfutter für die Wintermonate wird immer knapper. Zudem müssen viele Bauern jetzt schon aus ihren Vorräten schöpfen, so dass noch weniger für die kalte Jahreszeit bleibt. Auf dem Hof Schmitz beispielsweise bekommen die 60 Kühe täglich 2,5 Tonnen Futter. Da die Weideflächen durchweg vertrocknet sind, gehen sogar täglich drei Tonnen für die Fütterung drauf.

Also müssen einige Bauern nun Futter zukaufen. Da das Angebot überall sehr knapp ist und die Nachfrage sehr hoch, schnellen die Preise immer weiter in die Höhe. Vor allem einige Betriebe, die nur Kühe und keinen Ackerbau haben, geraten derzeit in existenzielle Notsituationen. Das weiß Rudolf Schmitz auch von befreundeten Bauern: „Wir selbst haben zufällig im Frühjahr Futter zugekauft, als die Preise noch normal waren; damit werden wir zurechtkommen. Viele andere Bauern können momentan nicht ruhig schlafen.“

Einige Betriebe gehen sogar bis zum Äußersten: Sie schlachten ihre Tier, um Futter zu sparen. Aber selbst das Fleisch bringt nur noch wenig Geld, da Rindfleisch im Sommer weniger gefragt ist als im Winter.

Zwar gibt es noch ausreichend Kraftfutter zu erwerben, aber als Wiederkäuer benötigen Kühe vor allem Futter auf Basis von Gras und Mais, erklärt Blechmann, der als produktionstechnischer Berater derzeit viele Bauern bei der Futterkalkulation berät. „Im Schnitt fehlen den Bauern hier in der Region rund 25 Prozent ihrer Grasernte. Beim Mais lässt sich das noch nicht genau abschätzen.“

Ein Teufelskreis

Der erste Regen seit Wochen lässt beim Hastenrather Milchbauern und Landwirt Peter Morschel Hoffnung aufkeimen. „Jeden Tag bete ich, dass es endlich regnet — für die Kühe und für das Futter“, sagt er noch am Tag zuvor. „Und wenn es nun endlich kühler wird, könnte es sein, dass wir bei der Maisernte mit einem blauen Auge davonkommen.“ Allerdings sei zu befürchten, dass die Qualität unzureichend sein wird. Denn wenn die Maispflanzen keine Kolben bilden, sind sie wenig nährstoffhaltig.

Das wiederum bedeutet schlechtes Futter für den Winter, worunter die Milchproduktion leidet. Und die, so glaubt Rudolf Schmitz, wird auch noch länger niedrig bleiben. Denn die Hitze führte bei einigen Kühen zu Trächtigkeitsabbrüchen, bzw. dazu, dass sie erst gar nicht befruchtet werden konnten, wodurch sich der Zyklus drei bis vier Monate nach hinten verschiebt. Und: „Je größer der Abstand der Geburten, desto stärker flacht die Milchkurve ab“, erklärt Schmitz.

Es ist ein Teufelskreis. Die Hitze trifft die Milchbauern in vielerlei Hinsicht und könnte manch einem Betrieb das Genick brechen. Nun hoffen die Bauern, auch Rudolf Schmitz und Peter Morschel, dass ihnen wenigstens die Molkereien mit fairen Milchpreisen entgegenkommen — und, dass die Temperaturen endlich dauerhaft runtergehen.

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