Eschweiler: Elternhaus einer 89-Jährigen muss neuer Wohnanlage weichen

Eschweiler: Elternhaus einer 89-Jährigen muss neuer Wohnanlage weichen

Wenn Leni Kerst aus dem Fenster ihres Hauses schaut, dann blickt sie in diesen Monaten immer etwas nachdenklich. Im Garten der 89-Jährigen an der Dürwisser Gasthausstraße stapeln sich Bretter, Stützen, Gitterroste. Das Baumaterial ist für die dreieinhalbgeschossige Anlage mit 30 barrierefreien Wohnungen an der Jülicher Straße gedacht, die unmittelbar nebenan entsteht.

In einigen Wochen wird die Seniorin dort selbst eine Wohnung beziehen. Der Umzug wird der älteren Dame allerdings nicht leicht fallen. Ihr Haus, in dem sie mit ihren Geschwistern aufwuchs, wird abgerissen.

Inmitten der Baustelle steht noch das Haus von Leni Kerst, mit seinem Ursprung im 19. Jahrhundert. Es wird der neuen Wohnanlage an der Jülicher Straße weichen, in der 30 barrierefreie Wohnungen entstehen. Rechts unten ist Vater Hubert Kerst am Hauseingang zu sehen. Foto: Nowicki

Modern ist er in jedem Fall, der neue Bau. Und er wird aktuellen Anforderungen entsprechen: Alle Wohnungen mit einer Größe zwischen 72 und 94 Quadratmeter werden barrierefrei gestaltet sein. Zu den Wohnungen gelangt man über die Tiefgarage oder einem der vier Aufzüge. Jede Einheit verfügt über eine Loggia, auf dem Staffelgeschoss ganz oben werden wie im Erdgeschoss auch Terrassen gebaut. Für die richtige Temperatur sorgt eine Pelletheizung, die Dämmung entspricht den modernsten Standards. Die Bauherrengemeinschaft Wallrich lässt die Anlage mit einem hohen Investitionsvolumen entstehen. Dahinter verbergen sich die Dürwisser Eheleute Renate und Dr. Manfred Wallrich. Sie wollen etwas neues für und im Herzen von Dürwiß schaffen.

Der Moderne muss jedoch etwas Historisches weichen. An kaum einem Ort stoßen die verschiedenen Wohnformen in Eschweiler so eng aufeinander wie an der Gasthausstraße. Die neuen Wohnungen entsprechen den Anforderungen an ein selbstbestimmtes, freies Leben auch im hohen Alter. Dem wird das kleine Haus von Leni Kerst natürlich nicht gerecht. 1873 wurde es von ihrem Großvater gebaut. Damals bestanden in Dürwiß gerade einmal drei Straßen: die Grün-, Gasthaus- und Hauptstraße, die heutige Jülicher Straße. Die Grundstücke waren deutlich kleiner als heute. Wer keines an einer Straße kaufen konnte, erwarb eben Land in der zweiten Reihe. So entstanden zahlreiche sogenannte „Auffahrten“ im historischen Dürwiß, da man die hintenliegenden Häuser nur erreichen konnte, wenn man zwischen Häusern hindurch ging. Leni Kersts Haus ist das letzte aus dieser Zeit, das nur über eine Auffahrt zu erreichen ist.

Leni Kerst wuchs in einer Großfamilie auf. Sie war das achte und jüngste Kind. Die Kersts waren einfache, aber fleißige Leute. Und alle lebten in dem kleinen Haus an der Gasthausstraße 12 in Dürwiß, auf etwas mehr als 50 Quadratmeter. Zehn Personen. Heute ist dies undenkbar, aber damals war dies nicht ungewöhnlich. „Wir wuchsen nicht in großem Wohlstand auf, aber es fehlte uns an nichts“, berichtet Leni Kerst dankbar, „wir haben früh gelernt, für­einander da zu sein und zu teilen.“

Von dem Zweiten Weltkrieg, der Dürwiß schwer traf, kann sie viel erzählen: wie sie zum Beispiel mit ihrer Familie vor dem nächtlichen Bombenhagel in den Luftschutzkeller von „Pötze Ome“ gegenüber Zuflucht suchte. Nicht nur die Sirene warnte die Menschen, Konrad Lantzen lief mit der Pfanne durch die Gasthausstraße und schlugen mit dem Löffel laut dagegen als Warnung, was ihm den Namen „Pannemännche“ einbrachte. Die Dürwisser Pfarrkirche wurde im Krieg völlig zerstört. Mit der Eröffnung der „neuen“ Kirche nach dem Krieg verbindet Leni Kerst eine der prägendsten Erinnerungen.

Die 89-Jährige und ihre Geschwister blieben stets Dürwiß treu. Auch Pater Gregor Kerst, der in der Abteil Kornelimünster lebte, verbrachte jeden Sommerurlaub im Elternhaus. Beruflich war Leni Kerst im Eschweiler Krankenhaus, beim Amt Dürwiß und in der Stadtverwaltung Eschweiler tätig. Ehrenamtlich engagierte sie sich über Jahrzehnte beim Sozialdienst katholischer Frauen. Geheiratet hat die freundliche Dame jedoch nie. „Es gab nach dem Krieg ja kaum noch Männer“, sagt sie heute und lächelt. Sie lebte stattdessen mit zwei Schwestern in dem Haus an der Gasthausstraße weiter. Ihr ganzes Leben lang. Seit dem Tod ihrer Schwestern vor sieben Jahren wohnt sie dort allein. „Ich musste 83 Jahre alt werden, um ein Zimmer für mich alleine zu haben“, erzählt sie.

Als sie im vergangenen Jahr erfuhr, dass nebenan eine große Wohnanlage geplant wird, kam es zum informellen Gespräch mit den Eheleuten Wallrich. Dabei wurde auch die Möglichkeit besprochen, das Haus zu verkaufen und eine Wohnung in dem neuen Objekt zu erhalten. „Ich habe nach dem Gespräch kurz überlegt und mich dann zum Verkauf entschlossen“, sagt sie. Sie wolle der Entwicklung nicht im Wege stehen. Im Gegenzug erhielt Leni Kerst die Garantie, so lange in ihrem alten Haus wohnen zu können, bis ihre neue Wohnung fertig ist. Eine Einheit ganz oben ist für sie vorgesehen. Gehen die Bauarbeiten wie geplant weiter, steht der Umzug im Dezember an. Den muss sie allerdings nicht alleine bewältigen: Ihre Familie, die sie liebevoll „Tante Leni“ nennt, will tatkräftig helfen.

Hat sie ihre neue Heimat bezogen, wird das Haus dem Erdboden gleich gemacht. Ob sie selbst dabei sein möchte, wenn der Bagger die alten Wände niederreißt? „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe“, gesteht sie. Mit dem Abriss verschwinden schließlich viele Erinnerungen an ihre Familie und ihre Jugend. Und Historisches für Dürwiß: Nicht nur die letzte „Auffahrt“ kommt unter die Baggerschaufel, auch die letzte Nagelschmiede. Sie befand sich in dem unscheinbar wirkenden Vorbau rechts vom Eingang. Als Amboss und Ofen verschwunden waren, wurde das Gemäuer als Schuppen genutzt. Wo sich heute noch das Haus Gasthausstraße 12 und die ehemalige Nagelschmiede befinden, wird bald nur noch Park sein...