Eschweiler: „Einheit in Vielfalt“: Vision vom Ende der Kirchenspaltung als Ziel

Eschweiler : „Einheit in Vielfalt“: Vision vom Ende der Kirchenspaltung als Ziel

Die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit der christlichen Kirchen ist groß. Die Vision einer „Einheit in Vielfalt“ von katholischen und evangelischen Christen bewegt nicht nur Dr. Heinrich Weyers, Referent des Vortrags „Spuren der Reformation“ am Dienstagabend in Eschweiler, sie bewegt auch viele Christen beider Konfessionen, wie sich in der fast einstündigen Diskussion nach dem Vortrag zeigte.

Dass auch die katholische Kirche in Eschweiler das Thema „500 Jahre Reformation“ aufgreift, freute die evangelischen Christen unter den Zuhörern des gut besuchten Vortragsabends im Saal des Jugendheims von St. Peter und Paul. Die Veranstalter vom Arbeitskreis Gott und die Welt mussten schnell noch ein paar Stühle mehr aufstellen.

Ein Blick zurück und ein Blick voraus — Dr. Heinrich Weyers aus Duisburg, katholischer Geistlicher und Liturgie-Wissenschaftler, bot beides bei seinen Überlegungen, warum Katholiken am Jubiläum der 500 Jahre zurück liegenden Reformation Anteil nehmen sollten. Der Blick zurück war mit Trauer über die Spaltung der Kirche gemischt — eine Spaltung, die Luther nicht gewollt habe, zu der aber teutonische Starrköpfigkeit auf der einen und römische Machtarroganz auf der anderen Seite beitrugen. Zu diesem Blick zurück zählte aber mehr noch das Positive. Dies war das erste der beiden großen Themen in Weyers‘ Vortrag: Die Spuren der Reformation in der katholischen Kirche als Anlass, „das Reformationsjubiläum wenn vielleicht auch nicht zu feiern, so doch auch in dankbarem Gedenken begehen zu können“.

Dreien dieser Spuren ging der Referent nach. Spur 1: Die Wertschätzung der Bibel als heiliger Schrift des Christentums. Durch Luthers Bibelübersetzung konnte das Wort Gottes nicht nur im Gottesdienst in einer Sprache verkündet werden, die jedermann verstand, die Bibel wurde auch zum Hausbuch christlicher Familien. Ohne die Reformation sei die „Wiederentdeckung der Bibel“ nicht denkbar, zitierte Weyers den katholischen Neutestamentler Joachim Gnilka.

Spur 2: Es hat lange gedauert, bis die katholische Kirche dem Beispiel der evangelischen folgte und sich entschloss, im Gottesdienst die Volkssprache zu verwenden. Erst durch die im 2. Vatikanischen Konzil in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts angelegte liturgische Erneuerung wurde das möglich. Für den Weg dorthin, versicherte Dr. Weyers, sei „das Vorbild reformatorischer und lutherischer Gottesdienste nicht unmaßgeblich gewesen“.

Spur 3: Die Kirchenmusik. Nichts gegen gregorianische Gesänge und polyphone Messen der Renaissance-Zeit, aber was wäre Kirchenmusik ohne Johann Sebastian Bach, den „evangelischen Kirchenvater gottesdienstlicher Musik“? Und ohne die große Bedeutung, die Kirchenlieder durch die Reformation erhielten? Auch in diesem Fall habe es lange gedauert, bis Kirchenlieder nach dem Beispiel der evangelischen Kirchen auch bei den Katholiken zu einem vollgültigen Bestandteil der Liturgie wurden.

„Manches, was für einen nach dem Konzil aufgewachsenen Katholiken heute selbstverständlich ist, hat seine Wurzeln in der Reformation“, versicherte Dr. Weyers, auch wenn es Jahrhunderte gedauert habe, „bis diese Wurzeln auf katholischem Boden sprießen konnten“. Der Blick zurück sei also nicht nur einer der Trauer, sondern auch einer der Dankbarkeit. Diesem folge nun ein zuversichtlicher Blick nach vorn. Der Referent hatte Fotos eines Straßenschildermastes im süddeutschen Bischofswiesen verteilt.

Das Bild mit Schildern, die zum katholischen Pfarramt und zur evangelischen Kirche weisen, hat für ihn eine hohe Symbolkraft: Christen beider Konfessionen haben eine gemeinsame Herkunft aus der Botschaft Jesu. Auch wenn sie verschiedene Wege gehen, haben sie das gleiche Ziel: „Das Offenbarwerden des Reiches Gottes, seines Friedens, der Gnade und der Gerechtigkeit.“

Eine Vision stand am Ende des Vortrags, die Vision vom Ende der Spaltung der christlichen Kirchen. Die Hoffnung, dass eines Tages beide Kirchen gemeinsam verkünden: „Wir wollen uns fortan als die eine Kirche in Vielfalt verstehen, vielfältig in ihren Erscheinungsformen, aber geeint im Glauben und im Heiligen Geist.“

Die Ökumene, die Gemeinsamkeiten auf dem Weg zu diesem visionären Ziel hin, war das Thema, das die katholischen und die evangelischen Besucher des Abends bewegte. Aus ihren Redebeiträgen wurde deutlich, dass Ökumene nicht nur von dem abhängig ist, was an Regeln und Möglichkeiten „von oben herab“ vorgegeben wird, sondern auch davon, was die Gläubigen vor Ort an gemeinsamem Leben und Glauben durchsetzen — oft unter stillschweigendem Ignorieren kirchlicher Vorschriften.

Ökumene kommt von unten

So berichtete eine aus Alsdorf angereiste Besucherin von einem dort lebendigen ökumenischen Miteinander. Die abwechselnd veranstalteten Bibelwochen seien stets gut besucht, „alle gehen zum Abendmahl und zur Kommunion, das ist wunderbar!“

Das unterschiedliche Abendmahlsverständnis wurde immer wieder angesprochen. Da hakt es beim Zueinanderfinden der Konfessionen, mehr als bei anderen Differenzen wie dem unterschiedlichen Amtsverständnis, der Intensität der Heiligenverehrung und manchen anderen theologischen Problemen, für die Dr. Weyers den drastischen Satz fand: „Das Haus brennt und man überlegt, wie man die Toilette tapeziert.“

Wie hält es die katholische Kirche mit der Teilnahme evangelischer Christen an der Kommunion? Die Frage ging an Michael Datené, Pfarrer von St. Peter und Paul. Seine Antwort: „Ich sehe es ja niemandem an, ob er evangelisch oder katholisch ist. Ich würde nie nein sagen, es sei denn, es käme einer, um zu provozieren. Aber sonst würde ich niemanden zurück schicken.“

Kommunion nicht verweigern

Diese Einstellung ist in Eschweiler quasi offiziell, bestätigte Diakon Bernhard Habermeyer. Er habe in seiner Ausbildung zum Kommunionshelfer gelernt: „Verweigern Sie keinem die Kommunion!“ Dennoch bleibt da eine schmerzlich spürbare Differenz, machte eine Besucherin deutlich: „Bei den evangelischen Christen sind alle zum Abendmahl eingeladen.“ Bei den Katholiken hingegen wisse sie nicht, ob sie wirklich willkommen sei. „Ich würde es nicht wagen, in Peter und Paul zur Kommunion zu gehen.“

Denn offiziell — die Frage wurde auch klar beantwortet — werden evangelische Christen nicht zur katholischen Eucharistie eingeladen. Dass es zu einer gelebten Ökumene gehört, mit solchem Zwiespalt zu leben, wurde immer wieder deutlich. Pastoralreferent Norbert Franzen, der den Abend moderierte: „Vielleicht überholt die Praxis dann vieles, was an theologischen Fragen dahinter steckt.“

„Wir brauchen einen langen Atem und große Sensibilität“, betonte denn auch Dr. Weyers. Denn es gibt, wie aus Berichten der Besucher deutlich wurde, unter Geistlichen nicht nur Befürworter eines engen ökumenischen Miteinanders. Dennoch überwogen Hoffnung und Zuversicht. Die seien auch notwendig, betonte Diakon Habermeyer im Schlusswort: „Wir müssen gemeinsame Aktivitäten entwickeln, um gesellschaftlich wirken zu können!“