Eschweiler: Ein Tempel, der Geschichte schreiben wird

Eschweiler: Ein Tempel, der Geschichte schreiben wird

Der Phrabuddarub, er schaut von oben ganz genau hin. Ein wenig skeptisch zwar, doch er hat alles im Blick. Zum Beispiel das muntere Treiben auf den gut 300 Quadratmetern vor ihm. Dort, wo bereits am frühen Morgen gesägt, geschraubt, gebohrt und gehämmert wird.

Da muss jeder Handgriff sitzen. Meint zumindest der Phrabuddarub, wenn man seinem Gesichtsausdruck Glauben schenken mag. Und in gewisser Weise geht es schließlich auch um den Prabuddarub dort oben, um die fast 600 Kilogramm schwere, zwei Meter hohe und mit Gold verzierte Budda-Statue, die das Wahrzeichen des neuen buddhistischen Zentrums an der Dürener Straße ist beziehungsweise einmal werden soll.

„Wat Dhammaniwasa” - so der Name der Vereins, der bislang am Freunder Weg in Aachen zuhause war - wird nach der Fertigstellung die größte buddhistische Gemeinschaft nach Terra Vada-Art („Waldtradition”) in der gesamten Bundesrepublik. Mit zwei Mönchen und weiteren 420 Mitgliedern aus dem deutsch-niederländsich-belgischen Grenzgebiet, Tendenz weiter steigend.

Charus Wongtau ist stolz auf die aktuelle Entwicklung. Er lehnt sich entspannt zurück und nimmt einen kräftigen Schluck aus einer Tasse Kaffee. Abseits des Lärms, in seinem Büro im Haus nebenan. Dort, wo keine Holzspäne durch die Gegend fliegen und Tischplatten zurecht geschnitten werden. „Schauen Sie”, sagt der Wat Dhammaniwasa-Vorsitzende, „wir sind wirklich sehr froh, denn wir haben fast zehn Jahre lang auf diesen Moment gewartet und nach einem geeigneten Platz für unser neues Zentrum gesucht. Das hat wirklich sehr viel Kraft gekostet.”

Der 58-jährige Gründer der buddhistischen Gemeinschaft hat sich an der Dürener Straße einen Traum erfüllt. „Das kann man schon so sagen, ja.”

1999 gegründet, trafen sich die regionalen Buddha-Anhänger jahrelang in Wongtaus Haus in Aachen, im Freunder Weg. Doch das Dachgeschoss, es sollte bald schon nicht mehr ausreichen für Gebete, Beratung und Lehre der beiden Mönche Samut Theesuka und Thoo Yenjai, die vor gut zehn Jahren aus dem nordöstlichen Grenzgebiet Thailands, nahe der Grenze zu Burma, den Weg in die Kaiserstadt gefunden haben.

Yenjai, 61, ist sogar ein Abt, der sich entschied, seinen Glauben in einer völlig anderen Kultur anzubieten und andere dafür zu begeistern.

„Für ihre Art zu leben, zu arbeiten und zu meditieren, brauchen wir vor allem Platz”, sagt Ludwig Gier, seit Jahren Vereins-Mitglied und Thailand-Experte. „Wenn man einmal die Vorzüge kennengelernt hat, lässt es einen nicht mehr los.”

Nach der „Waldtradition” darf ein buddhistischer Mönch nur einmal pro Tag essen, darf kein Eigentum besitzen und ist als Seelsorger und Anlaufpunkt von morgens bis abends für die Belange und Probleme anderer Glaubensanhänger zuständig.

Charus Wongtau selbst kam 1974 nach Deutschland. Er findet es nicht in Ordnung, dass Buddhismus in der Bundesrepublik nicht als offizielle Religion anerkannt wird. „Wir wollen uns zwar nicht beschweren, aber bei uns ist das schließlich eine Staatsreligion”, sagt der seit 23 Jahren in Aachen lebende Thailänder enttäuscht.

Nun also Eschweiler. Der Umbau der ehemaligen Werkstatt gegenüber der Herz Jesu-Kirche wurde im November vergangenen Jahres begonnen und soll auch nicht vor Ende 2011, Anfang 2012 abgeschlossen sein. „Und ich meine”, sagt Wontau, „die Umgebung passt auch gut zu dem Zentrum: Der Kindergarten und die Kirche verdeutlichen den multikulturellen Anstrich der Gegend.”

Das Bauvolumen für das 200 Quadratmeter große Haus und die mit 300 Quadratmetern riesige Halle beträgt 250.000 Euro. „Das haben wir mit Spenden und einem Bank-Kredit gestemmt”, sagt der Vorsitzende erleichtert. Gier: „Wir hatten ursprünglich gar nicht geplant, dass größte Zentrum bundesweit zu werden.” In Deutschland gibt es nach „Theravada”-Vorbild neun weitere Zentren.

Natürlich helfen auch die beiden Mönche mit, alles instand zu setzen. Sie sagen, dass gehöre sich so für sie. In ihren braunen Kutten packen sie mit an. Sie haben in den letzten Wochen und Monaten bereits den Boden gefliest, gespachtel, „ einfach alles, was man sich handwerklich vorstellen kann”, sagt Wongtau und staunt.

Er erklärt, dass Männer, die als buddhistische Mönche lehren wollen, über 100 Regeln befolgen müssen, Frauen derer genau 311. Eine davon: Man darf sich nur zwei Auszeiten „gönnen”, insgesamt dreimal als Mönch tätig sein. Warum? „Nun, die Ausübung darf nicht an Lust und Launen gebunden sein”, sagt Wongtau. „Damit hätte man den Kern der Sache nicht getroffen.”

Eine Lebenseinstellung

Buddhismus ist für die meisten Anhänger mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung oder ein Ausgleich zum Alltag. „Viel mehr”, sagt Wongtau. „Das ist eine Lebenseinstellung.”

Die große Buddha-Statue, der Phrabuddha, ist ein rund 30.000 Euro teures Geschenk aus aus der thailändischen Heimat, „er wird der Größe dieses Zentrums gerecht”, sagt Charus Wongtau, während er ehrfürchtig die goldene entlang schaut.

Der Vorsitzende ist jetzt nicht mehr ganz so entspannt. Das Garagentor an der nordöstlichen Flanke der Sarla, der Gebets-Halle. „Wenn das alles nicht so passt wie gewünscht, werde ich schnell unruhig”, sagt er. Verstehen kann man es durchaus nach dieser langen Zeit des Wartens.

Und schließlich hat sich für nächste Woche Sonntag (27. Juni) hoher Besuch angesagt: Neben einem Fernsehteam hat sich aus Berlin auch die thailändische Botschaft angemeldet. „Und da wollen wir natürlich einen guten Eindruck machen”, sagt Wongtau.

Spenden und Kredit

Das Zentrum, es soll einmal ein thailändisch-deutscher Ort der Begegnung werden, ein richtiger Tempel”, hofft die zweite Vorsitzende Piyapron Maangrom. „Aber das dauert schon noch ein paar Jahre. Machen wir doch jetzt erstmal einen Schritt nach dem anderen”, sagt sie und lacht.

Der Phrabuddarub lacht nicht. Er schaut sich das Treiben noch eine Weile an. Mit ernster Miene. Er kann ja auch gar nicht anders.

Mehr von Aachener Zeitung