Eschweiler: Ein Star ohne Effekte und große Show

Eschweiler: Ein Star ohne Effekte und große Show

„Heute hier - morgen dort” - so hieß sein Motto und Konzert-Intro schon in den 70er Jahren. Genauso heißt es nach einer kurzen Unterbrechung jetzt wieder. Also: eigentlich noch immer - und jetzt bei seinem Auftritt in der proppevollen Patternhof-Aula erst recht.

Denn den mittlerweile 68-jährigen Hannes Wader treiben immer noch die Grundthemen seiner über 40-jährigen Liedermacher-Laufbahn um: Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Hinterfragung von Autorität und der Verhältnisse. Schließlich auch: der achtsame Umgang mit sich, dem Nächsten, der Natur.

Im Fernsehen werden seelisch noch unreife Menschen von der Unterhaltungsindustrie zu „Superstars” aufgebauscht und dann „verbrannt”. Da nehmen sich Hannes Wader oder seine Immer-noch-Weggefährten Reinhard Mey (beide starteten 1968 von West-Berlin aus ihre Liedermacher-Laufbahn) und Konstantin Wecker (sie sind als „Wecker und Wader” beim Monschauer Kultursommer 2011 zu Gast) auf den ersten oberflächlichen Blick wie Dinosaurier aus. Der zweite Blick sagt mehr: Mit seinen authentischen Texten und lebendigen Augen, seiner nur durch Gitarre und Mikro gestützten ungeheuren Bühnenpräsenz schlägt Wader jeden künstlich aufgepeppten und von Lichteffekten umgebenen „Superstar”.

Der veranstaltende Förderverein Talbahnhof war in weiser Voraussicht der Kartennachfrage in die Realschule Patternhof ausgewichen. Das aus der ganzen umliegenden Region angereiste vorwiegende „Ü50-Publikum” dankte es dem Talbahnhof und Hannes Wader selbst: mit leuchtenden Augen und nostalgischen Erinnerungen. Getuschel machte die Runde: „Ich hab den Hannes zum ersten Mal vor 30 Jahren im Audimax gehört - und Du?” „Ach, das ist noch nichts. Ich kenne ihn schon seit 1972”.

Und Hannes Wader entfachte den müde gewordenen Kampfgeist der mittleren Generation in wieder unwirtlicher werdenden Zeiten neu. Dem Lied „Trotz alledem” liegt Waders schon vor Banken- und Eurokrise dämmernde Ahnung zugrunde, dass der globalisierte Kapitalismus den kleinen Mann immer von Neuem zum Spielball der „Profit-Maschinerie” macht. „Trotz alledem” werde aber auch die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht schwinden. Hannes Wader brachte die von ihm vertretene Utopie ohne Scheu auf den Punkt „Es muss - ein Sozialismus kommen!”. Freilich ein „neuer Sozialismus”, denn der alte habe abgewrackt und sei an der Misere von heute mitverantwortlich.

Ansonsten überwogen die lyrischen, bei weitem die früher einmal dominierenden Töne des Liedermachers. Seinen Grundüberzeugungen treu bleiben und gleichzeitig den Blick in andere Welten weiten: Das macht den reifen Menschen und Künstler Hannes Wader aus. Im Repertoire eines „linken Barden” vermutet man nicht unbedingt Vertonungen des Philosophen Friedrich Nietzsche („Vereinsamt”) oder ein mit „Die Gedanken sind frei” angestimmtes vieltöniges „Ja” zum (in bestimmten Kreisen als bedenklich-konservativ verdächtigten) Volksliedes.

Eigentlich fehlte in Eschweiler nur Waders Ausflug in die Klassik: Hat er sich doch auch kurz vor der Jahrtausendwende einnmal an Schuberts Kunstlieder gewagt. Ansonsten war aber im zweieinhalbstündigen Programm fast alles vorhanden, was in Hannes„ Liedermacher-Laufbahn und Leben wichtig war und ist: Übersetzungen des französischen Dichters Francois Villon, eigene Reflexionen über die Vergänglichkeit („Ist das Leben eines Menschen mehr wert als ein Blatt?”) und das einfach in jeden Schul-Musikunterricht hineingehörende Lied von den „Moorsoldaten” des Konzentrationslagers. Ganz am Ende durfte bei drei Zugaben die legendäre „Ballade von der Hanna Kasch” aus der Feder von Bert Brecht und Ernst Busch nicht fehlen.

Vielminütiger Beifall, stehend dargebracht, verabschiedete den Bielefelder Arbeitersohn, der aus ganz einfachen Verhältnissen stammt. Er ist mit Herz und Bildungseifer, durch Verarbeitung privater und politischer Umbrüche das geworden, was er zur Freude seiner Zuhörer in Eschweiler hoffentlich noch lange Jahre bleibt: eine unverwechselbare Persönlichkeit auf der deutschsprachigen Kulturbühne.