Eschweiler: Ein Knall, ein Fall: Die Sprengung eines Stahlriesen im Tagebau Inden

Eschweiler : Ein Knall, ein Fall: Die Sprengung eines Stahlriesen im Tagebau Inden

Sechs Jahrzehnte lang verrichtete er zuverlässig seinen Dienst, am Dienstag war es in Sekundenbruchteilen um ihn geschehen: Absetzer 747 wurde am Morgen mit einer lauten Detonation im Tagebau Inden gesprengt. Insgesamt 63 Kilogramm Sprengstoff, verteilt auf 155 Sprengstellen, waren nötig, damit der Stahlkoloss in Teile zerfiel. Es wird bis Ende des Jahres in Einzelteile zerlegt, der Stahl wird wiederverwertet.

Sprengmeister Michael Schneider zählt zu den alten Hasen. Seit 35 Jahren ist er im Geschäft, zunächst unter Tage. Seit vielen Jahren bringt er Sprengsätze an Gebäuden, Straßen, Brücken und selbst Biotopen in ganz Deutschland und darüber hinaus an. Im Schnitt zwei Sprengungen pro Woche stehen auf dem Plan. Aber ein Großgerät im Tagebau per Knopfdruck zu zerlegen, ist auch für ihn „etwas Besonderes“, gesteht er. Damit nichts schief geht, werden die Sprengschnitte detailliert festgelegt. Auch Statiker werfen ein Auge darauf. Ist der Sprengstoff angebracht, dann muss das Gerät rund um die Uhr bewacht werden.

Allein eine Woche lang war der Sprengmeister mit seinem Team im Tagebau Inden vor Ort, um alle Vorbereitungen zu treffen. Die Planungen liefen jedoch deutlich länger. Im Januar setzte sich erstmals ein Team des Tagebaubetreibers RWE zusammen, um die Zukunft des Absetzers zu skizzieren. „Wir wussten zunächst nicht, ob der Rückbau mit einer Sprengung noch der neueste Stand der Technik ist“, schilderte Dr. Lars Krone, der an dem Projekt federführend beteiligt war.

Kein Wunder, die letzte Sprengung eines Großgeräts liegt schon einige Jahre zurück. Letztlich stellte sich dieser Weg als wirtschaftlichster heraus. Warum? Die 2000 Tonnen schwere Konstruktion des Absetzers wird von Stahlseilen gehalten, die unter enormer Spannung stehen. Eine kontrolliertes Zerlegen ist in den Augen der Ingenieure nicht möglich. Eine Sprengung birgt den Vorteil, dass mit einem Knall alles am Boden liegt.

Allerdings sind auch dafür umfangreiche Vorbereitungen zu treffen und Genehmigungen einzuholen. Bevor der Spezialsprengstoff angebracht werden kann, muss eine statische Berechnung der Sprengschnitte erfolgen. Es muss also festgelegt werden, an welchen Stellen die Stahlträger getrennt werden. Zudem musste der Absetzer komplett entkernt werden. Mehrere Firmen waren im Auftrag von RWE an dem Projekt beteiligt.

Am Dienstagmorgen herrschte dann Großer Bahnhof im Tagebau, wo nicht nur zahlreiche Fotografen und Filmteams die Linsen auf den Absetzer richteten, sondern sich auch viele Mitarbeiter von RWE und der Bergbaubehörde in Arnsberg das Spektakel nicht entgehen lassen wollten. Natürlich in sicherem Abstand von 500 Metern — als Mindestabstand waren 300 Meter angegeben worden. Sprengmeister Michael Schneider gab klare Anweisungen: „Bitte stecken sie sich die Stöpsel ins Ohr, denn sie sehen erst die Detonation und dann erst hören sie um eine Sekunde verzögert den lauten Knall.“ Natürlich, denn Licht ist schneller als Schall. Drei Minuten vor der Sprengung warnte ein dreimaliges Hupen sämtliche Zuschauer. Es wurde gespenstig still, ehe Schneider die letzten drei Sekunden herunterzählte.

Dann ging es schnell: Am Stahlriesen stachen Flammen hervor, es folgte ein Donnerschlag, schon sackte Absetzer 747 in dichtem Rauch gehüllt in sich zusammen. Kaum hatte sich der Qualm gelegt, gab ein lautes Signal Entwarnung. Sichtlich zufrieden blickte Sprengmeister Schneider auf seine erledigte Arbeit: „Alles hat geklappt.“ Die Stahlteile waren in sogenannte Baugruppen zerteilt und können nun weiter zerlegt werden. Ob er wirklich jemals am Erfolg der Sprengung gezweifelt habe? „Ein bisschen Lampenfieber ist immer dabei, sonst höre ich sofort mit meinem Beruf auf“, gesteht Schneider.

Während viele zufrieden auf die Stahltrümmer blickten, kam bei Christian Haas Wehmut auf. Er gehörte als Fahrzeugführer viele Jahre zur Besatzung des Absetzers 747, der nicht nur in Inden, sondern auch im Tagebau Zukunft Abraum aufgekippt hat. Am Aufbau der Blausteinsee-Böschung des war das eins 43 Meter hohe und etwa 160 Meter lange Gerät beteiligt. Damit hat er Geschichte geschrieben. „Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man dann bei der Sprengung des Absetzers zuschaut, auf dem man viel Zeit verbracht hat“, sagte Haas. Gerne hätte er selbst den Knopf zur Sprengung gedrückt. „Als Abschluss.“ Er muss sich nun mit den anderen Absetzern trösten, die im Tagebau Inden noch im Einsatz sind.

Dort entsteht heute schon der Rand des zukünftigen Indeschen Sees. In etwa vier Wochen erreicht der Tagebau Inden seine tiefste Stelle, nämlich bei einer Trauftiefe von etwa 200 Metern. Danach geht es bergauf, was den Tagebauchef Andreas Wagner eher freut: Das Verhältnis zwischen Abraum und nutzbarer Braunkohle verbessert sich schließlich von derzeit etwa 4:1 schrittweise auf letztlich 2:1. Im Jahr 2030 — so sieht es die genehmigte Bergbauplanung vor — soll die letzte Kohle aus dem Tagebau Inden gefördert werden.

Die aktuelle Diskussion in Berlin und im Hambacher Forst geht natürlich auch nicht spurlos an den Mitarbeitern im Tagebau Inden vorbei. Am Dienstag stand im Tagebau aber ein anderes explosives Thema im Vordergrund.