Dürener Straße Haus für Haus: Auf den Spuren bedeutender Bürger

Dürener Straße Haus für Haus : Auf den Spuren bedeutender Bürger

Tief in die Geschichte von Alt-Eschweiler tauchte am Dienstagabend die Kolpingsfamilie Eschweiler ein. Lokalhistoriker Armin Gille hielt im Saal des Hotels Flatten für die Ü60-Gruppe dieser Vereinigung einen Vortrag über die Dürener Straße.

Vom historischen Hotel Kaiserhof im Westen bis zu den Grabmalen bedeutender Persönlichkeiten im Osten – keine Straße in Eschweiler ist geschichtsträchtiger als die Dürener Straße. Bereits die Römer zogen hier entlang, zu einer Zeit, als es den Ort Eschweiler noch gar nicht gab.

Für Armin Gille ist Lokalhistorie nicht nur die Geschichte von Gebäuden, Firmen und Institutionen, sondern vor allen die Geschichte von Menschen. Das ist schon seinem Buch „Eschweilers verschwundene Straßen“ zu entnehmen. In den Straßen, über die er schreibt, hat er jahrelang die Familien besucht. Er hat Familiengeschichten notiert, alte Fotos zusammen getragen von den Gebäuden und auch Bilder von den Menschen, die früher dort lebten.

Denn es sind die Menschen, die das Leben in einer Stadt ausmachen. Und deshalb waren unter den mehreren hundert Bildern, die Gille am Mittwoch zeigte, viele Menschen zu sehen wie Äu Lersch und sein Vater Christian, wie Gastwirt Rudi Delhey von der „Alten Barriere“ am Zapfhahn, oder auch Josefine Leusch vom Lebensmittelladen Gilson im Haus Dürener Straße 91.

Haus um Haus nahm Gille seine Zuhörer mit auf einen Spaziergang durch die Dürener Straße: So also sah der Kaiserhof früher aus, damals, als Karnevalisten dort noch auf den Tischen tanzten – Gille kann sich gut erinnern, er war 1954 selbst dabei. Und das Eckhaus Grabenstraße Nr. 24, das war die Zentrale des Lebensmittel-Großhändlers Johann Wilhelm Besgen, zugleich auch noch Weinessig-Fabrik, Likör-Destillerie, Salz- und Petroleum-Lager, Kaffeerösterei und Spiritus-Handlung. Gleich zwei Häuser weiter, die Nr. 28: Da lebte im 19. Jahrhundert Hubert Lorenz Franzen, ein erfolgreicher Geschäftsmann, 42 Jahre im Stadtrat, 25 Jahre Erster Beigeordneter von Eschweiler, 50 Jahre Kirchenvorstand von St. Peter und Paul.

Es steht auf Fundamenten aus dem Mittelalter: Das Haus Dürener Straße 86 gehört zu den ältesten Gebäuden der Stadt. Foto: Armin Gille

Lauter bedeutender Leute haben in der Dürener Straße gelebt. Natürlich fällt jedem Eschweiler zuerst Christine Englerth ein, die Gründerin des Eschweiler Bergwerksvereins. Und ihr Mann Carl Englerth, Bürgermeister zu der Zeit, als Eschweiler noch französische Mairie war. Die „Malerzwerge“ Gustav und Johann Wilhelm Preyer haben an der Dürener Straße gewohnt, auch Friedrich Thyssen, Gründer der Eschweiler Drahtfabrik, und sein noch berühmterer Sohn August Thyssen, auf den der Industrie-Konzern Thyssen-Krupp zurück geht. Auch das RWE wurde von ihm mitgegründet. Seine Bronzebüste steht im Eschweiler Rathaus.

Als August Thyssen 1922 zum Ehrenbürger von Eschweiler ernannt wurde, vermachte er sein Elternhaus Dürener Straße 4 der Stadt mit der Auflage, es für soziale Zwecke zu verwenden, berichtete Armin Gille. Deshalb war dort viele Jahre lang bis 1974 der katholische Kindergarten St. Theresia.

„Lange Gaß“

Die Dürener Straße zwischen dem Aachener Tor Höhe Einmündung Grabenstraße und dem Kölner Tor Höhe Trillersgasse war zusammen mit dem Markt der historische Siedlungskern von Eschweiler. Schon im Jahr 1584 wurde sie als „Lange Gaß“ erwähnt. Die Besiedlung südlich der Inde kam erst ab 1856. Bis dahin gab es dort außer der Eschweiler Burg nicht viel mehr als Sümpfe.

Ein herzliches Dankeschön: Annette Brandenburg, 1. Vorsitzende der Kolpingsfamilie Eschweiler, und der Ü60-Leiter Herbert Engels (Mitte) bedankten sich für den Vortrag von Lokalhistoriker Armin Gille. Foto: Ebbecke-Bückendorf

Eine Fülle von Details breitete Gille in seinem Vortrag aus. Spannend sein Hinweis auf eines der ältesten Häuser der Stadt, Dürener Straße 86. Das heute unauffällige Gebäude steht auf Grundmauern aus dem Mittelalter. Zwar brannte das Haus bei dem großen Stadtbrand von 1678 teilweise ab, aber ein uriger Gewölbekeller aus der Zeit vor dem Brand ist bis heute erhalten. Bis zu einer Sanierung in der Zeit vor 1900 war das Haus in dem Zustand aus dem 17. Jahrhundert: starke Bruchsteinmauern im Erdgeschoss, das Obergeschoss aus Holzfachwerk mit Lehmbewurf, darüber ein Strohdach. Die Tür war aus massivem Eichenholz, die Fenster hatten kleine grüne Scheiben in Bleirahmen.

Immer wieder zeigte der Referent Menschen, an die sich viele Besucher des Vortrags erinnern konnten. So etwa den früheren Vorstand der Kolpingsfamilie – schließlich wurde die Kolpingsfamilie Eschweiler im Eckhaus Dürener Straße 58 gegründet. Heute ist dort eine Fahrschule. Das stadtbekannte Original Josef „Etagenjupp“ Schmitz, der an der Dürener Straße die Kneipe „Bei Etagenjupp“ hatte, durfte natürlich nicht fehlen. Bei den Fotos vom Haus Nr. 23, Sitz der Rechtsanwaltsfamilie Besgens, war auch das Abholen des 1953 zum Priester geweihten Johannes Wilhelm Besgen zu seiner Primizfeier zu sehen. Als Messdiener mit auf den Bild: der spätere Schulrektor Josef Görtz, der inzwischen verstorben ist.

Viele bedeutende Gebäude zeigte Gille in ihrem Zustand damals und heute: die Adler-Apotheke, einst das höchste Gebäude der Stadt, wenn man von der Kirche St. Peter und Paul absieht, die ebenfalls an der Dürener Straße liegt. Das Alte Rathaus. Den Kirschenhof, früher Sitz des Eschweiler Bergwerksvereins, demnächst Heimat des Geschichtsvereins. Natürlich auch das Schombart-Haus Ecke Wollenweberstraße, 1685 nach dem Stadtbrand gebaut und damit das älteste noch komplett vorhandene Haus in Eschweiler. Es wurde in den 70er Jahren auf Initiative der Familie Lersch vor dem Abriss gerettet.

Auch die Menschen, die zur Geschichte dieser Gebäude gehören, zeigte Gille: Die Porträts aller Pfarrer von Anton Ackermann, dem 1840 gestorbenen „Vater der Armen“, bis zu Pfarrer Michael Datené heute. Den Arzt Dr. Lexis, dem das Schombart-Haus gehörte und der 1850 nach einem nächtlichen Krankenbesuch in der Inde ertrank. Und die Kommunion des späteren Schulrektors Zeno Prickarz 1934, der vor wenigen Tagen erst gestorben ist.

In der Nachkriegszeit abgerissen

Viele alte Häuser entlang der Dürener Straße wurden in der Nachkriegszeit abgerissen, vor allem für den Bau des Citycenters und des Karstadt-Warenhauses. Armin Gille zeigte auch diese Verluste und ebenso die Neugestaltung betagter Gebäude, bei der alle historischen Bauelemente weg geschlagen und die Fassaden mit Klinkern oder Fliesen „verschönt“ wurden: „Das würde man heute sicher nicht mehr machen“.

Seine Forschungen zur Geschichte der Dürener Straße will Gille in der nächsten Folge der Schriftenreihe des Eschweiler Geschichtsvereins veröffentlichen. Da können sich historisch interessierte Bürger heute schon drauf freuen.

Die 1. Vorsitzende der Kolpingsfamilie Eschweiler, Annette Brandenburg, und der Leiter der Ü60-Gruppe Herbert Engels bedankten sich herzlich bei dem Lokalhistoriker Armin Gille für „diesen Super-Vortrag“. Er habe, so Brandenburg, den Besuchern die Dürener Straße und ihre Menschen sehr nahe gebracht.