Dudelsackgruppe Heistern: 110 Dezibel laute Klänge aus Schottland

Dudelsackgruppe Heistern : 110 Dezibel laute Klänge aus Schottland

Der Fuß des Pipemajors wippt im Takt, während die hellen Töne aus den drei Pfeifen klingen. Der schottische Kilt schwingt hin und her, als die Wangen sich regelmäßig aufblähen, um neue Luft in den karierten Sack zu pusten, der unter den Ellbogen geklemmt ist.

Jedem der Piper ist die Anstrengung deutlich anzusehen, als sie bei ihrer Probe verschiedene Lieder aus ihrem Repertoire einstudieren. Die Piper gehören zur Dudelsackgruppe Heistern, die in dem kleinen Dorf zwischen Eschweiler und Langerwehe besondere Musik auf hohem Niveau macht. Angefangen hat alles mit einer Schnapsidee, wie Gründungsmitglied Peter Dohmen erzählt: „Hervorgekommen sind wir aus einem Tambourcorps bei einer Karnevalssitzung, für die wir Schottenuniformen angeschafft haben.“ Aus dem Kostüm reifte der Wunsch, dieses Gefühl weiter zu vertiefen und Dudelsäcke anzuschaffen. „In der Zeitung waren zufällig original pakistanische Dudelsäcke inseriert, die haben wir dann bestellt“, erinnert sich Dohmen.

Das war im Jahr 1977 und stellte die Geburtsstunde der Dudelsackgruppe dar. Doch ein Problem gab es damals noch: Niemand wusste, wie man ein solch komplexes Instrument spielt. Auf Anhieb hatte keiner einen vernünftigen Ton herausgekriegt. Zum Glück kannte Dohmen Jim Watson, einen Schotten in Langerwehe. Der hat ihnen zuerst erklärt, wie man einen Dudelsack pflegt und abdichtet, damit er nicht porös wird. „Anschließend hat er uns die Noten und die Grifftabelle aufgeschrieben, die wir dann auswendig gelernt haben“, sagt Dohmen.

Die Dudelsackgruppe Heistern mit dem Vorsitzden Hans Nüssgens und Pipemajor Stephan Collet (vorne, v.l.). Foto: ZVA/Caroline Niehus

So reifte die Idee immer weiter, bis schließlich erstes Equipment aus Edinburgh bestellt wurde. Watson sollte als Ausbilder im Verein helfen. „Doch dann ließ er sich scheiden und ging nach Schottland zurück, aber der Verein stand ja schon“, berichtet Dohmen lachend. Ein Rückzieher war also nicht denkbar. Immerhin 21 Gründungsmitglieder standen in den Startlöchern, um gemeinsam schottische Musik zu machen.

Und so kam es, dass die ersten fünf Jahre nur nach Gefühl gespielt wurde. „1985 bin ich dann nach Schottland gefahren und habe mich da schlau gemacht“, sagt Dohmen. Als er zurück war, hat er einen Niederländer als Lehrer engagiert und die ersten richtigen Lieder gelernt.

Dudelsack als Herausforderung

Ein kleines ABC des Dudelsacks

Seitdem ist viel Zeit vergangen, doch die Leidenschaft für die schottische Musik ist ungebrochen. Zurzeit musizieren gut 20 Dudelsackspieler und Trommler in Heistern, das jüngste Mitglied 17, das älteste 87. Es ist ein Hobby, das Generationen zusammenbringt und vereint. Was die Musiker vor allem brauchen, sind Zeit und Geduld. „Dudelsackspielen ist etwas, was nicht jeder kann, es ist eine Herausforderung“, betont Anja Lenz, stellvertretende Geschäftsführerin. Viele, die jahrelang andere Instrumente gespielt hätten, kämen im hohen Alter zum Dudelsack, weiß Lenz. Es sei eine Möglichkeit, nochmal etwas Neues auszuprobieren.

Bis man sagen kann, dass man Dudelsack spielen kann, dauere es im Durchschnitt etwa zwei Jahre. „Das wichtigste ist, die Technik zu lernen“, findet Dohmen. Die Luftzufuhr erfolge durch die Blow Pipe, den Druck erzeuge man mit dem Ellbogen, die Melodie werde auf dem Chanter Stock gespielt. Noten, Tonleiter und Grifftabelle muss man auswendig lernen, „denn marschieren mit dem Notenständer geht nicht“, fügt Dohmen hinzu.

Da die Pfeifen einen konstanten Ton von sich geben, ergibt sich noch eine andere Schwierigkeit: „Bei den meisten anderen Blasinstrumenten spielt man immer den Ton an, das ist beim Dudelsack anders“, weiß Lenz. Luft muss in einem anderen Takt zugeführt werden, als die Töne mit den Fingern gespielt werden. Das sei auch eine Frage der Koordination. „Der Dudelsack ist eine kleine Welt für sich, den kann man nicht wie eine Flöte nehmen und einfach los spielen.“ Um das Instrument zu beherrschen, wird regelmäßig wöchentlich geprobt.

Die Leitung dieser Proben hat Pipemajor Stephan Collet inne. Seit 32 Jahren spielt er das außergewöhnliche Instrument, 15 Jahre lang als Pipemajor. Wer ihn erlebt, erkennt den Enthusiasmus bei dieser Arbeit sofort. Die Kommandos, die er gibt, sind klassische schottische Militärkommandos – auf Englisch, versteht sich. „Wir tragen auch eine militärische Uniform, dann sollte das Ganze so original wie möglich rüberkommen“, erklärt Collet.

Um die Authentizität zu wahren, fahren viele Mitglieder nach Schottland. Auch Collet und Vorsitzender Hans Nüssgens reisen regelmäßig ins Land der Kilts, des Whiskey und eben der Dudelsäcke. Das Military Tattoo, größtes Musikfestival Schottlands, ist dabei legendär. „Es ist wirklich ein Highlight, als Dudelsackspieler muss man das gesehen haben“, behauptet Nüssgens.

Gründungsmitglied der Dudelsackgruppe Heistern, Peter Dohmen. Foto: ZVA/Caroline Niehus

Das Ergebnis der Proben ist auf etwa zwei bis drei Veranstaltungen im Monat erlebbar, etwa bei den Highland Games, auf Straßenfesten, Hochzeiten, Geburtstagsfeiern sowie Karnevalsveranstaltungen. Auch in anderen Städten in Deutschland hat die Gruppe schon gespielt, etwa bei den Highland Games in Hamburg und München sowie beim Brezelfest in Speyer. „Lieder, die man mitsingen kann, kommen meist am besten an“, erklärt Peter Dohmen. Ein Klassiker ist zum Beispiel „Highland Cathedral“, auf dessen Melodie die Bläck Fööss „Du bess die Stadt“ geschrieben haben.

Bis das nächste Mal zahlreiche Zuschauer aus voller Kehle diesen Text zu den schottischen Klängen mitsingen, üben die Piper und Drummer im Proberaum in Heistern – bei 110 Dezibel, der gleichen Lautstärke wie bei einem Flugzeugstart.

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