Eschweiler: Dr. Wolfgang Hagemann: Mit einem Jahr in die Kita? Schwachsinn!

Eschweiler : Dr. Wolfgang Hagemann: Mit einem Jahr in die Kita? Schwachsinn!

„Wenn ich diesen Schwachsinn lese, dass Kinder mit einem Jahr in die Kita sollen, dann weiß ich nicht, wie groß meine Klinik noch werden soll. Kleinkinder sind damit total überfordert und gestresst”, hat der Psychotherapeut und sechsfache Vater Dr. Wolfgang Hagemann kürzlich gesagt.

Bei der Podiumsdiskussion unserer Zeitung am kommenden Dienstag, 23. Oktober, zum Thema U3-Betreuung, wird der Psychotherapeut genau diese Meinung vertreten. Zu diskutieren gibt es zu diesem Thema mit Sicherheit einiges. Dr. Wolfgang Hagemann stellt drei Punkte ganz besonders heraus.

Die Persönlichkeitsentwicklung in der Kleinkindzeit ist sehr verletzlich.

Die ersten Prägungen eines jeden Kindes finden bereits im Mutterleib statt. Ist das Kind gut angenommen, ist es gewünscht, und ist die Mutter ausgeglichen, sei es gut für das Kind. Schädlich hingegen sei es, wenn die Mutter etwa gestresst oder depressiv krank ist, erklärt Hagemann. Ist das Kind dann geboren, „wächst es so schnell wie nie mehr im Leben”, betont der Therapeut.

Gerade in den ersten 18 Lebensmonaten entwickele sich die Bindung zwischen Kind und der maßgeblichen Bezugsperson, üblicherweise Vater und/oder Mutter. Und bei eben dieser Bezugsperson sei eine hohe innerliche Präsenz erforderlich, um den Bedürfnissen des Nachwuchses gerecht zu werden.

Es müssten soziale und emotionale Rahmenbedingungen geschaffen werden, in denen das Kind aufwachsen kann. „Das gelingt auch in Familien nicht immer. Wir gehen davon aus, dass 50 Prozent der Menschen eine sichere Bindung erfahren und 50 Prozent eine unsichere”, sagt Hagemann. Letztere Hälfte habe es im weiteren Leben schwerer, konstante Beziehungen aufzubauen.

Das führt Dr. Wolfgang Hagemann zu dem Schluss: „Wenn in einer Gruppe keine Betreuungskonstanz für das Kind gewährleistet ist, ist die Wahrscheinlichkeit einer Störung größer.” In Kindertagesstätten gebe es wechselndes Personal. Sei es aufgrund von Krankheiten, Wohnortswechseln oder Schwangerschaften. Betreuungskonstanz sieht anders aus.

Elternschaft darf nicht zum Nebenjob werden.

„Kindererziehung ist Arbeit und zwar 24 Stunden am Tag. Es gibt keinen Job auf der Erde, der vergleichbar zeitintensiv ist”, sagt Hagemann. Man könne zwar das Kind auch mal für eine Zeit weggeben, die restliche Zeit seien die Eltern jedoch gefordert, damit das Kind nicht die Rückmeldung bekomme, abgeschoben zu werden.

Die Zeit, die Eltern mit ihrem Nachwuchs verbringen, solle mindestens eine vergleichbare Intensität zu der Zeit haben, die Mütter und Väter mit dem Beruf und Freunden verbringen.

Identitätsbildung benötigt Aufmerksamkeit und Zeit.

Diesen Punkt beleuchtet Dr. Wolfgang Hagemann zunächst aus Elternsicht und zwar am Beispiel des Vaters. Von Geburt an gebe es immer neue Rollen, in die geschlüpft werden muss. Etwa in die Rolle als Sohn, als Schüler, als Freund.

Die Rolle als Vater erfordere eine neue Identität. „Und gerade in der Zeit dieser Rollenfindung trennen sich viele Eltern. Das ist auffallend”, sagt der Therapeut. Es brauche Zeit und eine intensive Auseinandersetzung mit der neuen Situation. Auch, weil die Eltern heutzutage häufig nicht mehr auf eine Großfamilie zurückgreifen können, die Ratschläge geben kann.

Zwar gebe es eine deutlich veränderte Vaterrolle, dennoch hätten gerade Väter weniger Vorbilder, denen sie nacheifern können. Auch hätten Männer weniger gelernt, etwa über Themen wie Kindererziehung zu reden.

Auch die Kinder entwickeln Identitäten und zwar als Kinder von bestimmten Personen. Eine zentrale Frage ist, welche Prägungen der Nachwuchs erfährt. Die Familie sei nach wie vor der sicherste Anker, etwa wenn das Kind krank ist oder eine andere Leiderfahrung macht. „Wir wissen nicht, wie es sich auswirkt, wenn das Kind außerhäusig betreut wird”, sagt Hagemann.

Genau das wird es aber künftig immer verstärkter geben. „Was bekommen Kinder dort mit? Wie viel sieht die Betreuerin? Sieht die Betreuerin ein stilles Kind”, fragt Dr. Wolfgang Hagemann. Er spricht damit nicht nur eine konstante Betreuung an, sondern auch den Personalschlüssel.

Gerade kleine Kinder erfordern viel Aufmerksamkeit. Sie müssen gewickelt werden, wenn sie traurig sind, brauchen sie auch mal einen Arm. „Es besteht die Gefahr, dass das Kind früh die Erfahrung macht, dass es alleine ist, wenn es traurig ist”, sagt Hagemann. Und das bedeute Stress für das Kind.

In diesem Zusammenhang nennt der Therapeut vier Grundbedürfnisse, die es nach dem Schweizer Psychotherapieforscher Klaus Grawe gibt: Orientierung/Kontrolle, Lustgewinn/Unlustvermeidung, Bindung, Selbstwerterhöhung/-schutz. Sind diese Bedürfnisse befriedigt, stellt sich Wohlbefinden ein, sind sie unbefriedigt, baut sich Spannung auf. „Je höher die Spannung ist, desto größer ist die Gefahr von Angst und Depression”, sagt Hagemann.

Um solche Gefahren zu minimieren, sei ein Personalschlüssel von einer Person für vier oder maximal fünf Kinder wünschenswert. Zudem müssten in den Einrichtungen, ob Kita oder bei einer Tagespflegeperson, räumliche Voraussetzungen geschaffen werden. Es sei etwa eine Spielecke nötig, aber auch eine Ecke, in die sich zurückgezogen werden kann. Auch seien Fortbildungen für das Betreuungspersonal unabdingbar.

Neben der Kindertagesstätte und der Tagespflege sei auch die Familie als Modell nach wie vor denkbar. Dr. Wolfgang Hagemann regt an, dass die innerfamiliäre Betreuung nicht zum Nulltarif geschehen dürfe. Ein Beispiel: Eine Frau zieht mehrere Kinder groß, arbeitet somit 30 Jahre oder gar länger. Rente gibt es dafür aber nicht. Es gehe auch um die Wertschätzung dieser Arbeit, sagt der Therapeut.

Eine weitere Forderung Hagemanns ist die Begleitforschung. Diese müsse politisch gewollt sein und auch finanziert werden. 30 Prozent der Kinder sollen bald in diesem Modell früh in Tagesstätten oder zur Tagespflege. „Das ist ein hohes Risiko”, betont Dr. Wolfgang Hagemann.

Auch bedürfe das familiäre Leben einer neuen Organisation. Wie gehen Eltern damit um, wenn ein Kind etwa gestresst aus der Kita kommt? „Eltern können ihren Eltern nicht fragen, wie das ist”, sagt Hagemann. Solche Situationen sind eben neu. Mit einem gestressten Kind in der Rush Hour einkaufen gehen, sei beispielsweise alles andere als optimal.

Dr. Wolfgang Hagemann räumt bei aller Skepsis ein, dass es durchaus Notwendigkeiten von außerfamiliärer Betreuung gebe, etwa wenn die Eltern drogenabhängig seien oder eine Persönlichkeitsstörung vorliege.

Das Thema U3-Betreuung wird am kommenden Dienstag eifrig diskutiert. Wir laden Sie, liebe Leser, herzlich ein, dabei zu sein. Der Eintritt zum Diskussionsforum ist frei.

Die Diskussionsrunde, zu der alle Interessierten eingeladen sind, findet am kommenden Dienstag, 23. Oktober, ab 19 Uhr im Talbahnhof statt.

Teilnehmen werden Edith Platau, sozialpädagogische Fachberaterin der Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche der Stadt Eschweiler, Dr. Wolfgang Hagemann, Antje Würsig, Leiterin der Awo-Kita „Der kleine Prinz”, Maria Mund als Vorsitzende des Netzwerks Tagesmütter Eschweiler und Anita Permantier, Leiterin des Kinder- und Familienzentrums Sankt Marien in Eschweiler.

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