Pläne fürs Fahrradnetz: Die Vision „Fahrradstadt Stolberg“ wird Stück für Stück umgesetzt

Pläne fürs Fahrradnetz : Die Vision „Fahrradstadt Stolberg“ wird Stück für Stück umgesetzt

Der Stolberger Mobilitätsmanager Georg Trocha zeigt, wie es in der Stadt aktuell um den Radverkehr steht. Er weiß: Eine Umstrukturierung in Sachen Fahrradnetz braucht viel Planung – und viel Zeit. Auf einer Tour erzählt er, was auf der Agenda steht. Auch die Stadt Eschweiler hat einige Punkte in Angriff genommen.

Für Georg Trocha ist das Fahrrad ohne Frage das vorteilhafteste Verkehrsmittel in Städten. Auto? Zu sperrig, zu laut, gefährlich, unökologisch. Zu Fuß? Langsam. „Man könnte auch Longboard fahren“, überlegt er kurz. Der Mobilitätsmanager der Stadt Stolberg steigt jedenfalls schon seit Kindheitstagen alltäglich aufs Rad. So auch bei einer kleinen Tour durch die Stadt, um einmal aufzuzeigen, an welchen Stellen Stolberg schon Fortschritte gemacht hat und wo es noch hapert.

Los geht es direkt vor dem Rathaus mit zwei Pedelecs aus der Dienstflotte der Verwaltung. „Wir können ja nicht von Klimaschutz reden und dann nicht selber tätig werden“, sagt Trocha. In der Innenstadt fällt ihm gleich ein erster kleiner Problempunkt auf: „Hier kommen sich Fußgänger und Radfahrer schnell in die Quere“, sagt er. Und ein paar Meter weiter, an der Rathausstraße, deutet er auf das Tempo-30-Schild, eine Art Lösung wegen des nicht vorhandenen Radwegs, die doch nicht wirklich für sicheres und entspanntes Radfahren sorgt. Der Grund: Die lange Umsetzungsdauer von Bauvorhaben.

Die Straße wurde vor etwa acht Jahren geplant. Damals sei das Fahrrad allerdings nicht im Fokus der Planungen gewesen, deswegen gebe es heute keinen Radweg. „Es braucht ungefähr zwei Jahre, bis nach dem Antrag Fördergelder fließen. Dann erst kann die Stadt die Planung beauftragen und schließlich bauen. Bis zum ersten Spatenstich dauert es also etwa vier Jahre.“ Und das nur, wenn alles glatt geht. Trotz der Geschwindigkeitsbeschränkung ist es auf der vielbefahrenen Straße jedoch nicht unbedingt angenehm und sicher, Rad zu fahren.

Georg Trocha weiß also nur zu gut, dass die Stadt aktuell einige Tücken fürs Rad bereithält und dass diese beseitigt oder zumindest verbessert werden sollten, damit das mit der Verkehrswende auch für die breite Masse umsetzbar ist. „Stolberg ist keine Fahrradstadt“, sagt er. Zumindest nocht nicht: Denn die Wahrnehmung einer Stadt als solche basiere nicht allein auf dem Zustand der Radwege, sondern sei auch eine Frage der Mentalität ihrer Einwohner. Darüber hinaus müsse die Verwaltung das Thema Fahrradfreundlichkeit ernsthaft angehen. In Stolberg stehe das auf der Agenda: „Fahrradverkehr ist das Thema des Bürgermeisters“, versichert Trocha. Seit Mitte des Jahres gibt es zum Beispiel auch einen Radverkehrsbeauftragten.

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Stichwort Mentalität: Trocha setzt auf Schulen. Dort wachse schließlich die nächste Generation Radfahrer heran, und die sollte doch direkt ans Fahrrad herangeführt und beim Fahren unterstützt werden. „In den nächsten fünf Jahren sollte es Radabstellanlagen an jeder Schule geben.“ Davon stehen bereits Exemplare am Ritzefeld- und am Goethe-Gymnasium. Denn: Wenn Schüler Angst haben müssen, dass ihr Fahrrad gestohlen wird, ist das nicht unbedingt ein Anreiz, zur Schule zu radeln.

Das Goethe-Gymnasium nimmt hier eine Art Vorbildposition ein. Die Auszeichnung der „Aktion Fahrrad“ als „fahrradfreundlichste Schule Deutschlands 2020“ macht Georg Trocha schon stolz. Schüler und Lehrpersonal legten ungewöhnlich hohen Wert auf das Fahrrad, zum Beispiel mit einer Fahrrad-AG. Das zeigt auch die starke Nutzung der neuen überdachten Ständer: „Bevor es sie gab, sind um die 40 Personen mit dem Rad gefahren. Die neue Anlage bietet Platz für 100 Räder und sie ist in der Regel voll“, so Trocha.

Aktuell wird auf dem Gelände an einer Fahrradbox für das Lehrpersonal gearbeitet, die bevorstehende Sanierung der Schule bietet weitere Möglichkeiten, eine richtige „Fahrradschule“ zu etablieren. „Es braucht nicht nur Abstellmöglichkeiten, sondern zum Beispiel auch Spinde oder Duschen“, erklärt Georg Trocha. „Wir müssen immer im Gesamtkonzept denken.“

Hinter einer für Radfahrer gut geplanten Stadt steckt also weitaus mehr, als einen weißen Seitenstreifen auf die Fahrbahn für Autos zu malen. „Wir haben ein klimafreundliches Mobilitätskonzept für Stolberg entwickelt“, erklärt Trocha. Was den Radverkehr angeht, erarbeitet die Stadt im Rahmen des Konzepts erstmals ein Radwegenetz.

„Wir haben überlegt, welche Punkte in den Ortsteilen für die Stolberger wichtig sind. Diese haben wir miteinander verbunden.“ Außerdem sollen Innenstadt sowie Nachbarkommunen gut erreichbar sein: Die Planung eines solchen Netzes höre schließlich nicht an der Stadtgrenze auf.

Am Bahnhof Stolberg-Schneidmühle befindet sich bereits ein praktischer Knotenpunkt zwischen Radverkehr und ÖPNV. Fahrradbügel wurden in letzter Zeit auch an einigen anderen Stellen der Stadt aufgestellt. Foto: Svenja Stühmeier

Im Anschluss an die Koordinierung hat das Team die Wege befahren und bewertet. Auf einer Karte, die anzeigt, wie es um die Situation auf den Wegen steht, sind noch einige rote Stellen zu sehen. Das bedeutet, dass es dort einiges zu verbessern oder erst gar keinen Radweg gibt.

Ziemlich rot sieht es entlang der Eisenbahnstraße aus: „Wir wissen, dass Radfahrer am liebsten einen separaten Radweg oder einen breiten, mit zum Beispiel Pylonen vom restlichen Verkehr abgetrennten Streifen auf der Fahrbahn nutzen“, sagt Georg Trocha. „Dieser Blutsstreifen hier sorgt hingegen weder dafür, dass sich Radfahrer sicher fühlen, noch bietet er in irgendeiner Weise Schutz“, ist das Fazit des sichtlich besorgten Mobilitätsmanagers. Genau wie wohl viele andere Radfahrer nimmt er mit seinem Rad den für den Radverkehr nicht geeigneten Fußweg, der neben dem viel zu schmalen und verblichenen roten Streifen auf der Autofahrbahn liegt.

Ganz schön eng hier: Der Radweg auf diesem Teil der Eisenbahnstraße ist alles andere als sicher. Foto: Svenja Stühmeier

Aktuell geplant ist etwa ein Lückenschluss an der Zweifaller Straße am Nachtigällchen. Außerdem soll der Radweg zwischen Atsch und Eilendorf gebaut werden, ebenso der von Gressenich nach Werth und einer von Schevenhütte nach Gressenich. Voraussichtlich werden diese Wege 2021 fertiggestellt.

Und damit ist lange nicht alles in Sachen Umsetzung des 2018 beschlossenen Mobilitätskonzepts getan. Georg Trocha kann verstehen, dass die Veränderung von Städten und Umsetzung von Plänen Radfahrern oft zu langsam geht. Aber: So eine Ausrichtung dauere in der Regel ein ganzes Arbeitsleben. „Ich möchte mich in den nächsten 25 Jahren wirklich dafür einsetzen, dass Stolberg eine gute Fahrradstruktur bekommt.“

Die Stolberger Verwaltung geht zumindest mit gutem Beispiel voran: Im Fuhrpark stehen fünf Pedelecs, mit denen sogar die anspruchsvollen Höhen im Stadtgebiet mühelos zu erklimmen sind. Die werden auch gerne genutzt – einfach, weil zumindest die Distanzen in der Stadt mit dem Rad viel schneller zurückzulegen sind als mit dem Auto.