Eschweiler Ansichten | Damals und heute: Die letzte Steinkohlegrube des Indereviers im Krieg

Eschweiler Ansichten | Damals und heute : Die letzte Steinkohlegrube des Indereviers im Krieg

Die Grube Reserve in Nothberg mit dem Förderturm des Eschweiler Bergwerks-Verein (EBV) sind dieses Mal Mittelpunkt der Eschweiler Ansichten. Die Förderkapazitäten der Grube Reserve wie auch der Kokerei wurden 1937/38 voll ausgefahren. Es waren 1.780 Mann beschäftigt, die 580.000 Tonnen Kokskohle jährlich förderten, wobei der Abbau in erster Linie von der 600-Meter-Sohle aus erfolgte. Die Kokerei erzeugte täglich 850 Tonnen Koks.

Wie Thomas Müller in seiner 2003 veröffentlichten Studie „Zwangsarbeit in der Grenzzone“ recherchiert hat, waren in den Kriegsjahren im damaligen EBV-Ledigenheim (ehem. Bergstr. 9, heute Zechenstr. 130, seit 1955 Fa. Industrienähmaschinen Dohle) und in seiner näheren direkten Umgebung drei geschlossene Zwangsarbeitslager entstanden.

Diese hatten eine Gesamtkapazität von 1.200 Plätzen. Dort waren 600 Russen, 400 Polen und 200 Italiener untergebracht und mussten Zwangsarbeit im Bergbau leisten.

Die 200 Italiener entstammten einem Kontingent von 600.000 internierten italienischen Soldaten, die völkerrechtswidrig zur Zwangsarbeit nach Deutschland verbracht worden waren. Ziel war, mit Hilfe der Zwangsarbeiter die Produktion in der letzten Steinkohlengrube des Indereviers hoch zu halten, während viele der deutschen Bergleute im Kriegseinsatz waren.

Ehemaliger Schacht Grube Reserve, Ansicht August 2019. Foto: Armin Gille

Das Ende der Grube und Kokerei Reserve kam im Herbst 1944, als Eschweiler zum Kampfgebiet wurde. Ab dem 11. September wurde die Energieversorgung von Reserve durch Beschuss häufig gestört, doch gelang es der Belegschaft zunächst immer wieder, die Schäden zu beheben.

Als am 28. September 1944 die Energieversorgungsleitungen erneut an vielen Stellen stark beschädigt wurden, blieben den Männern auf Reserve genau 18 Stunden, um bei einem Zufluss von 21,9 Kubikmetern Wasser in der Minute ein Absaufen der Grube zu verhindern. Trotz fieberhafter Arbeit unter ständigem Beschuss verloren die Männer den Wettlauf.

Die Grube Reserve stand binnen weniger Tage völlig unter Wasser und war verloren. Nach Ende des Krieges war eine Wiederinbetriebnahme wirtschaftlich nicht mehr vertretbar, zumal nur noch geringe abbauwürdige Steinkohlevorräte für wenige Jahre vorhanden waren.

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