Die Angst nach dem Einbruch: Verängstigt in den eigenen vier Wänden

Von: Patrick Nowicki
Letzte Aktualisierung:
12184092.jpg
Die wachsende Zahl der Wohnungseinbrüche bereitet Sorgen: Das Sicherheitsempfinden der Menschen im Nordkreis wird dadurch empfindlich gestört. Foto: imago/Jochen Tack

Eschweiler. Auch Wochen später findet Sonja K. (Name von der Redaktion geändert) keinen Schlaf. Immer wieder muss sie an den Tag im Januar zurückdenken, als sie mit ihren zwei Kindern nach einem Einkauf zurückkehrte und den Einbruch bemerkte. Der Täter hatte die Terrassentür aufgehebelt und eine Spur der Verwüstung im Einfamilienhaus hinterlassen.

Inzwischen sind die sichtbaren Schäden beseitigt, die Versicherung hat gezahlt – aber psychische Folgen bestimmen immer noch den Alltag der Eschweiler Familie. Viele Einbruchopfer leiden noch lange nach der Tat. Meistens sind es Frauen. „Einen Einbruch empfinden die Betroffenen als massiven Eingriff in die Privatsphäre, es geht das Gefühl der Sicherheit verloren“, sagt Klaus Beyard von der Außenstelle Aachen-Städteregion des Weißen Rings.

Die Organisation kümmert sich ehrenamtlich um die Opfer von Verbrechen. Obwohl die 18 Mitarbeiter in der Außenstelle vielseitig geschult sind, hilft oft nur die Vermittlung an einen professionellen Therapeuten. „Jedes sechste Einbruchopfer ist traumatisiert“, berichtet Beyard.

Verriegeln der Wohnung

Diese psychischen, inneren Schäden zeigen sich auf verschiedene Weise: Opfer verriegeln und verdunkeln tagelang ihre Wohnung, hegen den Wunsch wegzuziehen oder finden nicht in den Schlaf, weil sie immer in der Angst leben, ein erneuter Einbruch könnte geschehen. Sonja K. wusch mehrmals täglich ihre Wäsche: „Der Einbrecher hat schließlich alles durchwühlt und angefasst.“ Sie wolle ihre Kleidung „reinigen“ von dem Ereignis.

Was die ehrenamtlichen Helfer des Weißen Rings erwartet, wissen sie meistens nicht. Es gibt auch keine klaren Vorgaben, nur einen Werkzeugkasten, den sie nutzen können, um Wege aus der Notlage aufzuzeigen. „Wir hören vor allem zu, wenn den Menschen danach ist zu reden“, schildert Ly Wieser. Eine Möglichkeit der Hilfe besteht darin, Hilfeschecks auszustellen. Die frei wählbare Erstberatung bei einem Anwalt oder einem Therapeuten übernimmt der Weiße Ring.

Der Vorteil: Eine Überweisung eines Hausarztes ist nicht mehr erforderlich, zudem gelangen Opfer schneller an einen Termin. „Traumatisierten Menschen muss kurzfristig geholfen werden“, sagt Wieser. Bei finanziellen Problemen nach einer Straftat kann der Weiße Ring ebenfalls unterstützen. Das Geld stammt aus Spenden, Beiträgen und Zuweisungen von Geldbußen.

Einbrüche kommen in Eschweiler häufig vor. Im ersten Quartal 2015 verzeichneten die Behörden 51 Wohnungseinbrüche. Genaue Vergleichszahlen aus 2016 kann die Polizei noch nicht nennen, aber Sprecherin Sandra Schmitz bestätigt: „Die Tendenz für das laufende Jahr ist deutlich steigend.“

Diese Entwicklung war auch Thema in der „Sicherheitskonferenz“, an der Bürgermeister Rudi Bertram teilnahm. Vor allem in Weisweiler kam es Ende Januar und Anfang Februar zu einer Einbruchsserie. Nachdem die Polizei dort häufiger vor Ort war, habe sich die Lage normalisiert. Aktuell, so teilt Schmitz mit, gebe es keine räumlichen Schwerpunkte in der Stadt. „Überwiegend betroffen sind Mehrfamilienhäuser in der Innenstadt“, berichtet sie.

Klaus Beyard weiß: „Die absolute Sicherheit vor Einbrüchen gibt es nicht.“ Er selbst war viele Jahre als Kriminalpolizist tätig, auch in Eschweiler. Man könne jedoch Vorkehrungen treffen, dem Einbrecher den Einstieg ins Haus so schwer wie möglich zu machen. In diesem Zusammenhang warnt er auch davor, in sozialen Medien zu posten, dass man sich gerade auf Mallorca befindet. „Auch die Einbrecher lesen im Internet solche Nachrichten mit“, sagt er.

Über 300 Fälle

Nicht alle ehrenamtlichen Mitarbeiter haben wie Beyard in ihrem Beruf Erfahrungen mit Verbrechen gesammelt. Es kommt jedoch vor, dass Einbruchsopfer selbst die Initiative ergreifen und sich beim Weißen Ring einbringen wollen. Alle potenziellen Helfer werden auf Herz und Nieren geprüft, denn Engagement alleine reicht nicht.

„Man muss auch in der Lage sein, Dinge nicht zu nah an sich heranzulassen, denn was die Opfer schildern, ist manchmal schrecklich“, sagt Beyard. In Seminaren lernen die Mitarbeiter das erforderliche Rüstzeug, schließlich sollen sie nicht nur zuhören können, sondern Opfer auch bei Gängen zum Gericht begleiten, wenn es erforderlich ist. Über 300 Fälle hat der Weiße Ring in der Städteregion und der Stadt Aachen in 2015 betreut.

Sonja K. geht es inzwischen besser, sie hat sich auf Empfehlung des Weißen Rings in eine Traumatherapie begeben. In den Sitzungen lernt sie, mit dem Erlebten umzugehen. „Vergessen werde ich den Einbruch nie“, sagt sie. Aber sie wolle nicht, dass ihr Alltag davon bestimmt werde. Letztlich leide die ganze Familie darunter. Die Mitarbeiterin des Weißen Rings habe sie noch zwei Mal besucht, den Kontakt wertet sie positiv: „Diese Gespräche haben mir gutgetan.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert