Eschweiler: Demenz zermürbt nicht nur den Geist der Betroffenen

Eschweiler: Demenz zermürbt nicht nur den Geist der Betroffenen

Die Krankheit kommt schleichend. Meistens weiß man gar nicht, wann genau sie beginnt. Die Vergesslichkeit nimmt zu, Denkprozesse dauern länger und dir Orientierung wird zunehmend schwieriger. So beginnen Demenzerkrankungen häufig. Betroffene und Angehörige bemerken in diesem Stadium häufig nicht, dass es sich um eine ernsthafte Krankheit handelt — oder sie wollen es nicht wahrhaben.

Alzheimer. Das war vor etwa zwei Jahren auch die Diagnose bei der Mutter von Maria Schmitt (Name von der Redaktion geändert). „Sie hatte die Krankheit schon länger, aber wir wussten das nicht“, sagt Schmitt. „Einiges klappte nicht mehr so, aber direkt Rückschlüsse auf Alzheimer zu ziehen, ist schwierig“, sagt Schmitt. Zumal ihre Mutter damals noch alleine lebte und die neuen Unzulänglichkeiten nicht preisgeben wollte.

Abstand von der Krankheit: Hannelore Schwade organisiert die Treffen der Demenz-Selbsthilfegruppe. Foto: D. Gerhards

Es sind die kleineren oder größeren Dinge des Alltags, die Demenzpatienten im frühen Stadium nicht mehr hinbekommen. Sie stellen die Heizung im Winter ab, werfen ihr Essen weg, vernachlässigen die Körperpflege oder bedienen die Waschmaschine nicht mehr. „Meine Mutter hat sich gegen Hilfestellungen gewehrt. Das macht die Sache in dieser Phase nicht leichter. Man möchte ja auch nicht über den Kopf der Betroffenen hinweg etwas entscheiden. Aber irgendwann ging es nicht mehr anders“, sagt Schmitt.

„Sehr verängstigt“

Als sie nicht mehr alleine leben konnte, holte Schmitt ihre Mutter zu sich nach Hause. Auch das Leben in der Familie wurde immer schwieriger. Die 88-Jährige ging in die Tagespflege. Erst wenige Tage, heute an fünf Tagen in der Woche. Alleine bleiben kann sie gar nicht mehr. „Sie ist sehr verängstigt. Sie ruft ständig nach uns. Da ist es egal, ob man für drei Stunden oder fünf Minuten den Raum verlässt“, sagt Schmitt.

Heute sagt Schmitt, dass die Pflege ihrer Mutter nicht alleine bewerkstelligen könnte. Zu viel verlangt die Pflege den Angehörigen ab. „Die psychische Belastung“ bereite ihr die größten Probleme, sagt Schmitt. Dass man sich nicht mehr — wie bei einem körperlich Kranken — normal mit ihrer Mutter unterhalten kann, macht einen Teil der Belastung aus. Sie spürt Traurigkeit und Wut zugleich. „Woher diese Wut kommt, weiß ich auch nicht“, sagt sie.

Hannelore Schwade kennt dieses Gefühl, wenn man zwar den Körper seiner Mutter noch kennt, aber der Geist längst nicht mehr der selbe ist wie früher. Ihre Mutter lebt im Pro-Seniore-Pflegeheim. „Das ist nicht mehr meine Mutter — nur noch körperlich. Man muss sich Schritt für Schritt verabschieden“, sagt Schwade, die bei der Demenz-Selbsthilfegruppe Eschweiler/Stolberg gemeinsam mit Monika Böttger „die Fäden in der Hand“ hat.

Viele Betroffene sind isoliert

Schwade erlebt, dass für viele Angehörige von Demenz- oder Alzheimerpatienten zu der psychischen Belastung große finanzielle Sorgen kommen. Kosten für Pflegedienste und -heime fressen das Ersparte der Betroffenen und Angehörigen oft schnell auf. Deshalb rät sie Angehörigen, sich genau zu informieren, welche Leistungen die Pflegekasse zahlt — auch wenn diese meist bei weitem nicht ausreichen.

Um Betroffenen und Angehörigen eine Auszeit von der Krankheit zu ermöglichen, trifft sich die Demenz-Selbsthilfegruppe einmal im Monat. Sie machen einen Spaziergang, trinken Kaffee, essen Kuchen. Manchmal tanzen sie, singen alte Lieder oder spielen Gesellschaftsspiele. Es gibt auch Aktionen in Kooperation mit dem Helene-Weber-Haus. Das tue den Leuten sichtlich gut, sagt Schwade. Rund 20 Leute treffen sich jeden zweiten Samstag im Monate im Café/Restaurant Bohler Heide. „Die Leute sollen da mal Abstand von der Krankheit bekommen und sich unterhalten. Viele Angehörige und Betroffene sind isoliert“, sagt Schwade.

Ein schlechtes Gewissen, dass ihre Mutter ihren Lebensabend im Heim verbringt, hat Hannelore Schwade nicht. Die alte Dame läuft dort viel herum, gibt jedem die Hand und macht ihre ganz eigenen Späße. „Sie hat selber immer gesagt: Das ist die Wartehalle zum Tod“, sagt Schwade, die selber 70 Jahre alt ist. „Aber heute geht es ihr dort gut.“

Schwade rät den Angehörigen, sich in der Pflege nicht zu überlasten. „Wenn man sich verspricht: Du kommst nicht ins Heim, dann bedeutet das nicht, dass das bis zur Selbstaufgabe geht. Was nützt das der Familie und den Pflegenden“, sagt sie. Dass diese Zeit hart ist, stehe trotzdem außer Frage. Es sei zermürbend, die anstrengende Pflege — und alle bürokratischen und finanziellen Sorgen ständig um die Ohren zu haben. „Man darf sich nicht unterkriegen lassen. Auch wenn es so zum Heulen ist“, sagt Schwade. Man müsse sich Auszeiten gönnen. Leistungen zur Tages-, Verhinderungs- oder Kurzzeitpflege in Anspruch nehmen. „Man muss sich als Pflegender auch für sich selbst Hilfe holen“, sagt Schwade.

Auch Maria Schmitts Arzt hat ihr geraten, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Eine längere Auszeit hat sie sich aber noch nicht genommen. „Ich bin nicht in Urlaub gefahren. Ich weiß, dass das nicht förderlich ist, eigentlich sollte ich fahren“, sagt sie. „Aber ich weiß ja nicht, wie meine Mutter das aufnimmt.