Delegation aus China besucht Brieftauben-Züchter Rudi Heinen

Besuch aus Fernost bei Züchter: Weisweiler Brieftauben sind in China begehrt

Wer auf Reisen geht, schaut sich meist bedeutende Bauwerke, beeindruckende Landschaften oder besondere Sehenswürdigkeiten an. Zu Letzteren zählte eine chinesische Delegation ein nordrhein-westfälisches Kulturgut: Brieftauben.

Deshalb besuchte sie Züchter Rudi Heinen im beschaulichen Weisweiler, um seine preisgekrönten Tauben zu begutachten.

Der Besuch ist Teil einer deutsch-chinesischen Kooperation der beiden nationalen Verbände, auf deutscher Seite dem Verband Deutscher Brieftaubenzüchter, auf chinesischer der One Pigeon Group. Die Zusammenarbeit besteht seit Dezember 2017, als die Deutsche Brieftauben-Ausstellung nach China gebracht wurde. Die Messe fand in der Millionenstadt Nanjing im Osten des Landes statt.

Bereits damals mit an Bord der deutschen Abordnung war Rudi Heinen. Er repräsentierte den deutschen Verband und war überwältigt von den Eindrücken im Land der Mitte. „Die Reise war sehr anstrengend, nach zwölf Stunden Flug und fünf Stunden Busfahrt sind wir angekommen“, erinnert sich Heinen. Es seien unglaubliche Dimensionen, die man sich hier gar nicht vorstellen könne. Das gelte auch für viele Innovationen wie den Ausbau der Elektromobilität. „Die Chinesen sind uns in vielem voraus, aber mit den Brieftauben ist es genau andersherum“, erklärt Heinen, „da wollen sie lernen, wie in allem anderen auch.“

Rudi Heinen empfing die chinesischen Besucher in seinem Taubenschlag in Weisweiler. Foto: ZVA/Caroline Niehus

Die Taubenzucht in China sei anders als in Deutschland auf dem Vormarsch. In 2017 gab es 400.000 Züchter, 2018 waren es bereits rund 800.000. „Chinesen sind von der Mentalität her Zocker, da spielen Riesensummen an Geld eine Rolle“, weiß Rudi Heinen. Die teuerste Brieftaube wurde für 2,788 Millionen Euro ersteigert. „Das sind einfach gigantische Ausmaße.“

Nun also stand der Gegenbesuch an: 15 Chinesen landeten am 4. Januar in Deutschland, um erst die Deutsche Brieftauben-Ausstellung in Dortmund zu besuchen, die am vergangenen Wochenende stattfand. Anschließend führte ihre Reise sie zu Rudi Heinen. Da das Thema in China mittlerweile eine durchaus beachtliche Fangemeinde hervorgebracht hat, wurde der Rundgang live ans andere Ende der Welt gestreamt. Rund 500 Zuschauer sahen das Video, obwohl es zur Zeit des Besuches bereits etwa 22 Uhr in China war.

Prachtexemplare beeindrucken

„Rudi Heinen ist sehr berühmt in China, deshalb sind viele Leute neugierig“, erzählt Jenny Liu. Man wolle zum Beispiel wissen, welches Futter seine Tauben stark macht und wie sie gehalten werden. Das zeigte Heinen den Taubenzüchtern bei dem rund einstündigen Rundgang durch seinen Taubenschlag, bei dem er auch einige seiner Prachtexemplare aus dem Käfig holte. Diese wurden von den chinesischen Taubenzüchtern, allen voran James Ho, genau inspiziert. Augen, Flügel, Körperbau – all das nahmen sie penibel unter die Lupe.

Und offensichtlich gefiel den Besuchern, was sie sahen. Denn beim anschließenden Kaffee und Kuchen kam es direkt zu Verkaufsverhandlungen am Küchentisch. James Ho, bekannter Züchter in China, hatte die Tauben 1266, eine männliche Zuchttaube, und 542, ein erfolgreiches Weibchen, ins Auge gefasst. Mit Hilfe von Dolmetscher Michael Chen versuchte er, Rudi Heinen diese Tauben abzukaufen. Doch dieser blieb konsequent. „Das würde mir das Herz rausreißen, das sind absolute Leistungstauben“, betonte er. Er habe nie eines von diesen Tieren verkauft, denn jeder Taubenzüchter hechele sein ganzes Leben lang nach solch einer Taube. Die verkaufe er auch nicht für Zehntausende Euro, „ich habe einfach eine Beziehung zu den Tauben“, sagt er lächelnd. Da sei er ein Unikat.

Insgesamt 15 Chinesen gehörten der Delegation an. Foto: ZVA/Caroline Niehus

James Ho dürfte diese Entscheidung nicht gefallen haben, er hätte gerne eine von Heinens Tauben mit nach Hause genommen. Seit 40 Jahren züchtet er Tauben in China, er hat insgesamt mehr als 10.000 Tiere aus Europa gekauft. Deutsche allerdings habe er bisher sehr wenige, deshalb wollte er unbedingt zu Rudi Heinen. „Er ist einer der besten deutschen Züchter“, findet Ho. Es sei eine große Chance für ihn, sich mit dem 65-Jährigen auszutauschen. „Heute haben wir erlebt, dass er tolle Tauben hat“, erzählt Ho. Es sei wie mit den Menschen: Man sehe jeden Tag unzählige auf der Straße, aber nur sehr wenige hinterließen bleibenden Eindruck.

„Rudis Tauben sind nicht nur gut und stark, sondern auch sehr elegant“, stellt Ho fest, „solche Tauben sieht man sonst nirgendwo.“ Von der Gestalt her seien die Tiere etwas länger gezogen. Heinen kann das nur bestätigen und verrät auch seinen Geheimtipp: „Die Flügel müssen sein wie Steakmesser!“

Insgesamt zieht er nach dem gut zweistündigen Treffen ein positives Fazit: „Ich bin damals gut aufgenommen worden und hoffe, dass ich das jetzt zurückgeben konnte.“ Es sei zwar immer eine intensive Zeit, aber die Menschen seien sehr zuvorkommend und freundlich. Einen letzten Rat hat er für die chinesische Delegation noch: „Man muss die Züchtung immer der Umgebung und den Bedingungen anpassen, da gilt das Motto Versuch durch Irrtum!“

Damit seine Tauben weiterhin so erfolgreich bleiben, steht nach der Winterpause bald wieder der Einstieg ins Training an. Ab April steigert er konstant die Flugzeit und die Distanzen. Da fährt er erst nach Merzbrück, dann Richtung Lichtenbusch und schließlich bis Lüttich. „Der Taubensport ist ein Vollzeitjob, man hat rund um die Uhr das ganze Jahr eine Beschäftigung“, erzählt Heinen.

Um gut mit den Tauben zu arbeiten, dürfe man außerdem seinen Blick nicht vermenschlichen, man müsse den Blick für die Tiere und ihre Bedürfnisse haben. Dazu hat er auch seine Frau in seinem Kompetenzteam, denn sie habe manchmal eine andere Perspektive auf Kleinigkeiten, „in denen ich selbst ein Holzkopf bin“.

Nachwuchsprobleme

Zu seinem Team gehört auch der 14-jährige Jakob, der sich bei ihm in der Ausbildung befindet. Doch das Interesse von jungen Leuten hat in den letzten Jahren konstant nachgelassen. Heinen führt als Beispiel seinen Ort Weisweiler an: 1986 hatten dort noch 46 Menschen Tauben, heute seien es nur noch fünf.

Doch Jugendliche wie Jakob machen Heinen Hoffnung. Der Schüler sei von seinem Vater infiziert worden, der ebenfalls Tauben hatte. „Mich fasziniert es, dass die Tiere über weite Distanzen wieder nach Hause finden“, erklärt der 14-Jährige. Nach der Schule komme er direkt zu Rudi Heinen und verbringe seine Freizeit dort, rund zwölf Stunden pro Woche, auch am Wochenende. Die viele Arbeit macht ihm nichts aus, denn Jakob hat bereits verstanden, wie der Taubensport funktioniert: „Ohne Fleiß keinen Preis!“

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