CSD: Hunderte Besucher sorgen für buntes Weisweiler

CSD-Parade in Weisweiler : „Ganz besondere Menschen mit ganz großen Herzen“

Zum ersten Christopher Street Day in Eschweiler-Weisweiler strömten am Samstag Hunderte Besucher. Olaf Göhler und Bernd Uecker betreiben dort die Szenebar „Zur Bunten Maus" und initiierten das bunte Spektakel. Dabei wurden ihre Erwartungen weit übertroffen.

Olaf Göhler – oder sein Alter Ego Miss Oranija – sind selten sprachlos. Nach der Christopher-Street-Day-Parade (CSD) in Weisweiler musste Göhler im gold-glitzernden Kleid trotzdem kurz nach Worten ringen. „Es war phänomenal“, fasste der Betreiber der Szenebar „Zur bunten Maus“ schließlich zusammen. Die Idee von ihm und seinem Partner Bernd Uecker, eine Veranstaltung dieser Art mitten in Weisweiler auszurichten, wurde anfangs noch mit Verwunderung aufgenommen, und auch die beiden waren sich zuerst unsicher, ob das etwas geben könnte.

Sie hatten schon mit der „Bunten Maus“ durchweg positive Erfahrungen gemacht und gesehen, dass es nicht nur eine aktive Lesben-, Schwulen-, Bisexuellen-, Transgender- und Queer-Community (LGBTQ) in der Region gibt, sondern auch eine sehr tolerante Nachbarschaft. „Am Anfang hatten wir etwas Angst, ob genug Leute kommen“, sagte Göhler. Doch seine Befürchtungen sollten ins Leere laufen. Hunderte Menschen kamen bei traumhaftem Spätsommerwetter nach Weisweiler. Junge und Alte, Anwohner und Angereiste, Menschen aller Sexualitäten – sie säumten die Bürgersteige, die Gaststätten und die Straße, als sie hinter dem Laster, auf dem Göhler und Uecker mit einigen Travestiekünstlern standen, hinterherliefen. Dabei präsentierte sich Weisweiler von seiner buntesten Seite: Nicht nur der Zug erstrahlte in Regenbogenfarben, auch am Straßenrand fanden sich Kneipen und Häuser, die mit Ballons und Flaggen geschmückt waren. Es war ein wohliges Willkommen für die Teilnehmer aus einer Bevölkerungsgruppe, die noch bis vor 50 Jahren in Deutschland kriminalisiert wurde.

Göhler und Uecker freuten sich auch darüber, dass sich die Weisweiler Gastwirte an der Veranstaltung beteiligten und ihre Läden bereits mittags öffneten. Das wurde auch angenommen, mancherorts war bereits eine Stunde vor der Parade kaum noch ein Sitzplatz zu ergattern. „Damit hätten wir gar nicht gerechnet“, gab Göhler bereits kurz vorher zu. „Einige haben uns schon gefragt: ‚Warum macht ihr hier einen CSD?‘ Wir wollten zeigen, dass wir da sind und in keine Schublade gehören. Auch in kleinen Dörfern.“ Als die ersten Bilder im Internet kursierten, erreichten ihn bereits Glückwünsche aus Berlin und Köln.

LGBTQ-Gemeinde

Für den erfolgreichen Ablauf war auch Albert Borchardt, Fraktionsvorsitzender der Linken in Eschweiler, verantwortlich, der die Gastwirte bei ihrem Vorhaben unterstützte. „Das ist genau das, was ich mir erhofft habe“, stellte er bereits vor seiner Ansprache auf der Bühne im Hof der „Bunten Maus“ fest. „Wir haben noch viel zu tun, und das Einstehen für Vielfalt geht uns alle etwas an.“ Auch der Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko war „schwer beeindruckt, dass das hier geht“.

Nach der Ansprache ging es dann los, die Hauptstraße hinunter, auf deren Bürgersteigen schon längst zweite und dritte Reihen gebildet wurden, aus denen die tanzenden Teilnehmer bejubelt wurden.

Wie viele von ihnen hatte auch Petra Steinbusch aus Jülich ein Banner dabei. Obwohl sie selbst nicht zur LGBTQ-Gemeinde gehört, wollte sie den Weisweiler CSD unbedingt unterstützen. Sie ist im Verein „Aktion Lebensfreude“, der behinderte Kinder unterstützt. Sie hatte Göhler kennengelernt, der sich sofort bereit erklärte, für die Kinder aufzutreten, und sie auch in die „Bunte Maus“ einlud. „Das sind ganz besondere Menschen mit ganz besonderem Herzen. Wir wollen beweisen, dass Toleranz keinen Ort braucht“, sagte sie während einer kurzen Pause.

Auch Oliver Schönchen unterstützte mit seiner Ehefrau das Event: Gemeinsam mit einem Nachbarn hatte er eine spontane „Gleichberechtigungsparty“ ins Leben gerufen. Vor ihrem Haus gab es einen Pavillon mit Essen und Getränken. Als der Zug dort ankam, war schon kräftig mit Freunden gefeiert worden. „Wir haben gelesen, dass der CSD nach Weisweiler kommen soll, und da kam uns sofort die Idee“, sagte Schönchen, der ebenfalls nur positives Feedback erhielt.

Entlang der Dürener Straße ging es später wieder nach etwas über einer Stunde zurück zur „Bunten Maus“. Während dem Weg öffneten sich zahlreiche Türen und Fenster, die Weisweiler Familien winkten fröhlich oder suchten kurz das neugierige Gespräch. Auf ganzer Linie zeigte sich eine breite Unterstützung der Ortsgemeinschaft für das Event – noch deutlich mehr, als es sich die Veranstalter vorher erhofft hatten.

Olaf Göhler alias Miss Oranija (2. v. l.) initiierte das bunte Spektakel mit Bernd Uecker, die auch die Szenebar „Zur Bunten Maus“ betreiben. Foto: Christian Ebener

Zurück zu Miss Oranija: Während im Hof die große Aftershow-Party vorbereitet wurde, musste sie sich kurz fangen. „Wir wissen ja nicht, ob wir mit Tomaten abgeworfen werden“, hatte sie vorher gesagt. Eine Befürchtung, die sich so gar nicht bestätigt hatte. Auch wenn einige Nörgler im Vorfeld in den Sozialen Medien gegen die Veranstaltung geätzt und behauptet hatten, „Eschweiler braucht so etwas nicht“. Sie werden es von zu Hause vor ihren Tastaturen kaum mitbekommen haben, doch Eschweiler brauchte so etwas nicht nur, sondern wollte es umso mehr.

Kurz musste Miss Oranija noch einmal durchschnaufen, ehe sie in den Hof ihrer Bar ging, die Gäste warteten schließlich schon. Zuvor verriet sie, dass es eine Wiederholung geben werde – nämlich am 29. August 2020. Dann, so hoffe sie, sei es einfacher, Sponsoren und Partner zu finden. Mit den „Rheingold Divas“ und vielen weiteren Künstlern, die alles von Schlager- bis Rockmusik abdeckten, wurde der Abend zelebriert – friedlich, bunt und mit Signal­wirkung, dass es eine solche Veranstaltung auch außerhalb der großen Städte geben kann.

Wir haben den Christopher Street Day in Weisweiler auch mit unserem Instagram-Account „west_eck“ begleitet. Dort finden Sie in den Story-Highlights unter „CSD Weisweiler“ noch mehr bunte Eindrücke.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Hunderte feiern Christopher Street Day

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