Vortrag in der Donnerbergkaserne: Brexit? IHK sieht keine Gefahr für regionale Firmen

Vortrag in der Donnerbergkaserne : Brexit? IHK sieht keine Gefahr für regionale Firmen

Das Prozedere rund um den Brexit kommt einem politischen Chaos gleich. Daher kommen Menschen wie Gunter Schaible ganz gelegen. Schaible ist Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen, dort ist er zuständig für die Bereiche Internationales, Handel und Politik.

Er kennt sich mit dem britischen Chaos mehr oder minder gut aus, und Gunter Schaible weiß auch, welche Szenarien, welche Auswirkungen auf die Region haben könnten. In allererster Linie für Unternehmen, die die IHK in Brexit-Angelegenheiten berät. Vor kurzem habe er noch mit 100 regionalen Geschäftsleuten über den möglichen Brexit und daraus resultierende Folgen für den Zoll gesprochen. „Normalerweise haben diese Menschen auch etwas anderes zu tun“, kommentierte der Experte.

Nun sprach Gunter Schaible auf Einladung des Donnerberger Gesprächskreises und dem Europaverein GPB in der Donnerbergkaserne. Botschaft: Er gab Entwarnung für die hiesige Wirtschaft, einen Brexit – wann und wie auch immer er ablaufen sollte – würden die Unternehmen verkraften. „In unserem Kammerbezirk sind gut 1000 Unternehmen rund um den Globus vertreten. Die Risikostreuung ist also groß“, sagte Schaible. „Wir haben 54 Firmen, die in Großbritannien und Nordirland Geschäfte machen und nur ein einziges Unternehmen, dessen Kerngeschäft in Großbritannien liegt.“ Wer das Vereinigte Königreich in seinem Handelsportfolio habe, der habe auch genügend weitere Länder zur Verfügung. „Das macht uns sehr zuversichtlich für die Zukunft.“

Der Handelsexperte machte aber deutlich, dass im Falle des Brexit „ein Haufen Bürokratie“ auf die Unternehmen zukommen werden, wenn es um Zollanträge geht. Schaible spricht von gut zehn Millionen Zollanträgen, die jährlich auf Unternehmen in ganz Deutschland entfallen würden. Er schätzt, dass ein Antrag die Unternehmen etwa 30 Euro kosten würde. „Die Weichen für den Aufwand müssen wir im Hauptzollamt Aachen stellen“, betonte der IHK-Geschäftsführer.

Welche Auswirkungen die Bürokratie haben werde, kann Schaible nicht abschätzen – was gut zu der allgemeinen Situation passt, denn wie sich die Brexit-Debatte an sich entwickeln wird, könne er auch als Experte für Politik nicht sagen. Schaible deutete aber an, dass es nicht mehr so unkompliziert werden könnte, bestimmte Waren nach dem möglichen Brexit auf die Insel zu schicken: zum Beispiel Wasserpumpen. „Die sind zwar kein militärisches Gut in ursprünglichen Sinne, aber man könnte sie theoretisch militärisch einsetzen. Kann eine Firma sie dann also einfach so nach Newcastle schicken?“

Die IHK-Experten gehörten vor der ersten Brexit-Abstimmung übrigens zur „Es wird schon gut gehen“-Kategorie ein, weil „keiner von uns erwartet hat, dass 52 Prozent der Briten für den Ausstieg sind“, erwähnte Schaible in einem Nebensatz.

Betrachtet er die jetzige Situation, spricht Schaible von einer geeinten EU, dann für das Königreich sitzt bereits der dritten Unterhändler am Tisch – für die EU immer noch derselbe.Von einem Verbleib Großbritanniens in der EU geht der IHK-Geschäftsführer trotz all der Wirren der jüngsten Vergangenheit nicht aus. Die Verlängerung, über die das britische Parlament am Donnerstagabend abstimmte, hatte Schaible persönlich für die wahrscheinlichste Variante gehalten. „Auch der harte Brexit ist nicht vom Tisch“, Schaible schätzt die Wahrscheinlichkeit für das Szenario auf 30 Prozent.

Dass die Art und Weise des Brexit noch nicht geklärt ist, und dass die Lage ist, wie sie ist, macht Schaible an der Grenze zwischen Irland und Nordirland, das nach einem Brexit nicht mehr zu EU gehören würde, fest. „Und was es heißt, eine EU-Außengrenze zu haben, brauche ich in einer Kaserne nicht erklären“, betonte Schaible.

Damit ein Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union die politische Stimmung in Europa nicht weiter aufheizt, warnt Peter Schöner, Präsident des Europavereins und Ausrichter des Abends mit Gunter Schaible: „Nichtwählen im Mai bei der Europawahl ist kein Protest, sondern einfach eine vergebene Chance, Politik mitzugestalten.“

(cro)
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