Prof. Janssens gibt Verhaltenstipps: „Bewegung und Arbeit verbrauchen unheimlich viel Flüssigkeit“

Prof. Janssens gibt Verhaltenstipps : „Bewegung und Arbeit verbrauchen unheimlich viel Flüssigkeit“

Im Leben ist so vieles paradox, auch wenn man im Freibad bei heißen Temperaturen genüsslich eine Pommes isst. Fettiges Essen ist bei Hitze nicht gut, aber dennoch ist es eine Hauptspeise im Freibad. Darüber schüttelt Professor Uwe Janssens nur den Kopf. Er leitet die Abteilung für Innere Medizin am St.-Antonius-Hospital. Im Gespräch mit Carsten Rose klärt er über Hitzeprobleme auf.

Herr Janssens, es wird so extrem heiß wie im Hitzesommer 2018 und wie jetzt im Juni. Die Vermutung liegt nahe, dass die Zahl der Herz-Kreislauf-Patienten in diesen Zeiträumen stark ansteigt. Stimmt das?

Prof. Uwe Janssens: Nein, das stimmt nicht, zumindest was die intensiv-medizinische Abteilung bei uns betrifft. In der Ambulanz könnte es anders aussehen. Dass die Zahlen eher geringer sind, ist bundesweit zu sehen, ohne dass man es sich richtig erklären kann.

Woran könnte es denn liegen?

Janssens: Meine Vermutung: 2003 gab es in Europa eine extreme Hitzewelle, die zu einer Übersterblichkeit insbesondere in Altenheimen und 7000 Toten insgesamt in Deutschland geführt hat, und diese Erfahrung hat uns gelehrt. Die Leute haben sich besser angepasst. Dennoch hatten wir während der letzten Hitzephase im Juni zwei oder drei Patienten, bei denen ein Nierenversagen drohte.

Die Temperaturen werden in Zukunft durchschnittlich steigen, sagen Experten. Was heißt das für die Sterblichkeit?

Janssens: Wenn der regionale Temperatur-Mittelwert um ein Grad Celsius steigt, steigt die Sterblichkeit um ein bis vier Prozent.

Schauen wir auf die kommenden Tage: Was raten Sie den Bürgern?

Janssens: Tagsüber die Rollläden herunter lassen, morgens durchlüften, der Sonne fernbleiben – und Gartenarbeit nur bis 10 Uhr und erst wieder ab 19 Uhr.

Blöde Frage: Warum?

Janssens: Bewegung und Arbeit verbrauchen unheimlich viel Flüssigkeit. Schwitzen ist die wichtigste Möglichkeit, um Wärme abzubauen. Wenn das Mittel aber versagt, weil der Körper keine Flüssigkeit mehr hat, heizen die Menschen von innen auf. Das ist ein großes Problem und kann zum Hitzeschlag führen. Deswegen ist Abluft mit einem Ventilator ein gutes Mittel, um den Körper runterzukühlen. Ich rate auch zu heller luftiger Kleidung; enge und dunkle Kleidung ist nicht gut.

Leitet die Abteilung für Innere Medizin: Prof. Uwe Janssens. Foto: ZVA/Carsten Rose

Stichwort Schwitzen: Kappe oder Hut?

Janssens: Der Kopf hat die meisten Schweißdrüsen. Bei Kindern funktionieren die aber noch nicht so gut, daher ist eine extreme Hitze für sie so gefährlich. Es ist also auch nicht optimal, wenn eine Kappe fest auf dem Kopf sitzt. Daher ist ein lockerer Hut mit Löchern – wie etwa ein Strohhut – eine gute Wahl. Fahrradhelme sollten große Luftschlitze haben, wenn man in der Hitze fährt. Und wer schon Sport macht, der sollte nicht den kompletten Körper eincremen, weil die wichtigen Poren sonst verschließen.

Sie sprechen den Sport an. Derzeit läuft ein Fußballturnier am Blausteinsee…

Janssens: Aus medizinischer Sicht rate ich vor allem Amateuren davon ab, bei den Temperaturen Sport zu treiben. Das ist nahezu schwachsinnig. Es war schon hart an der Grenze, dass bei der Frauen-Fußball-WM vergangenen Monat bei den Temperaturen in Frankreich gespielt wurde.

Foto: grafik

Wie lautet die Faustformel fürs Trinken?

Janssens: 20 bis 30 Milliliter pro Kilo Körpergewicht. Bei 70 Kilo sind das bis zu 2,1 Liter. Bei Hitze 800 bis 1000 Milliliter mehr. Jedoch kommt es auf die körperliche Verfassung an. Die Menschen trinken ohnehin schon zu wenig, aber vor allem Menschen mit Herzproblemen sind jetzt gefährdet. Gerade ältere, alleinstehende. Die vergessen das Trinken oft.

Kommen wir noch einmal zurück zur Abkühlung. Wovon raten Sie ab?

Janssens: Definitiv sollte die Klimaanlage nicht auf 22 Grad gestellt werden, wenn es draußen 38 sind. Der Temperaturunterschied soll maximal bei sechs Grad liegen. Wer total abgekühlt nach draußen geht, kann sehr schwere Kreislaufprobleme bekommen.

Was unterschätzen die Menschen Ihrer Meinung nach noch?

Janssens: Hitzeerschöpfung. Die tritt auf, wenn der Körper zwei bis vier Liter Wasser verliert. Über vier Liter Verlust können zum Hitzeschlag führen. Deswegen sollten Menschen mit Herzproblemen keinen Urlaub in Spanien machen, was viele gerne tun, weil dort das Problem mit der Luftfeuchtigkeit größer ist. Die Spanier haben übrigens die höchste Lebenserwartung, weil dort zwischen 12 und 16 Uhr einfach gar nichts geht.

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