Eschweiler: Bestseller-Autor Hubert Wolf: „Ohne Reform keine katholische Kirche“

Eschweiler : Bestseller-Autor Hubert Wolf: „Ohne Reform keine katholische Kirche“

Am 22. Dezember 2014 erschütterten markige Worte die Grundfeste der Katholischen Kirche: Papst Franziskus warf während seiner Weihnachtsansprache Vertretern der Kurie vor, an „geistlichem Alzheimer“ zu leiden.

Als weitere Gebrechen diagnostizierte er unter anderem „Gleichgültigkeit gegenüber anderen“, die „Vergöttlichung der Oberen“ sowie eine „mentale und spirituelle Versteinerung“. Vergleichbares, so erklärte Professor Dr. Hubert Wolf seinen zahlreichen Zuhörern im gut besuchten Jugendheim der Pfarre St. Peter und Paul, habe es in der Geschichte der Katholischen Kirche erst einmal gegeben. Und zwar vor einem halben Jahrtausend: Im Jahr 1523 lies Papst Hadrian VI. auf dem Reichstag zu Worms von einem Legaten verlesen, dass die Wirren innerhalb der Kirche nicht zuletzt durch die Sünden der Priester und Prälaten verursacht worden seien.

„Hintergrund war der Versuch, die drohende Kirchenspaltung doch noch abzuwenden. Also die Reformation mit Reformen zu verhindern“, so der Kirchenhistoriker und Buchautor, der im Rahmen des Forums „Gott und die Welt“ in Eschweiler unter der Überschrift „Kollege Papst, Frau Kardinal?“ sprach und dabei in Vergessenheit geratene oder unterdrückte Traditionen der Katholischen Kirche offenlegte.

Kryptoprotestant

„Eindeutig ist, dass es vor 500 Jahren nicht so weitergehen konnte wie zuvor. Und klar ist auch, dass es heute nicht weitergehen kann wie bisher“, sprach der Schwabe, der 1985 zum Priester geweiht wurde und seit dem Jahr 2000 an der Universität Münster Kirchengeschichte lehrt, klare Worte. Die „ganze Welt“ begehre Reformen. Doch sei dieses Wort auch auf Grund seiner inflationären Nutzung inzwischen eher negativ besetzt. „Und redet ein Katholik davon, wird er aufgrund der Nähe der Worte Reform und Reformation schnell verdächtigt, ein Kryptoprotestant zu sein“, so der Historiker augenzwinkernd.

Dabei sei die Reform nichts weniger als ein Wesensmerkmal der Katholischen Kirche. „Ohne Reform keine Katholische Kirche“, zitierte Professor Doktor Hubert Wolf mit Kardinal Julius Döpfner (1913 — 1976) eine der prägendsten Figuren der Katholischen Kirche während des Zweiten Vatikanischen Konzils. Allerdings bedeute das Wort Reform keinesfalls grundsätzlich, das Rad neu zu erfinden. „Ich habe im Lateinunterricht gelernt, dass die Vorsilbe ‚Re‘ vor einem Substantiv mit ‚zurück‘ zu übersetzen ist“, so der Referent.

„Reformatio“ bedeute also eigentlich, eine Form, die es schon einmal gegeben hat, durch zurückgehen wieder herzustellen. „Der Rückgriff auf die Tradition bietet Futter für die Reformation“, formulierte der Bestsellerautor, bevor er Beispiele nannte, die belegten, dass die Katholische Kirche „nie ein vollkommen einheitlicher Block“ gewesen sei. So habe es im frühen Mittelalter im Bezug auf das Sakrament der Buße vollkommen unterschiedliche Modelle gegeben, die die Einheit der Kirche jedoch nicht gefährdet hätten.

Kein Hirngespinst

„Das Römische Modell sah vor, dass die Buße genau einmal im Leben möglich war und öffentlich erfolgen musste. Dies warf beim Bußwilligen die nicht unerhebliche Frage nach dem richtigen Zeitpunkt auf. In Irland und Schottland wurde dagegen ein Modell entwickelt, dass jeder Christ so oft Buße tun konnte wie er wollte. Die Lossprechung musste allerdings durch Mönche oder Nonnen erfolgen, die Jesus so radikal nachfolgten, dass sie eben die Erlaubnis zur Lossprechung erhielten“, erklärte Professor Dr. Hubert Wolf.

Ebenso sei der Papst als Kollege kein Hirngespinst. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass die „Unfehlbarkeit des Papstes“ als Dogma erst seit 1870 existiere. Um das Jahr 1045, „es gab gerade drei Päpste, die quasi Mafia-Clans entsprangen“, habe Kaiser Heinrich III. diese abgesetzt und Clemens II. zum Papst erhoben. „Diesem stellte er sieben Kardinalbischöfe, zwölf Kardinalpriester sowie sieben Kardinaldiakone beratend zur Seite und schuf somit das erste Kardinalskollegium. Dieses Konsistorium traf sich beinahe täglich mit dem Papst, um anstehende Dinge zu beraten. Ein solches Modell benötigten wir auch aktuell. Stattdessen kommt die Vollversammlung der Kardinale heutzutage nur einmal pro Jahr zusammen!“

Wünschenswert sei auch ein „ökumenisches Konzil“, dessen Beschlüssen alle, auch der Papst, unterworfen seien. „So wie es eben früher war, bevor während des 1. Vatikanischen Konzils (1869/1870) genau das Gegenteil beschlossen wurde. Wie war dies eigentlich möglich?“, stellte Professor Dr. Hubert Wolf eine Frage in den Raum. Um kurz darauf das Subsidiaritätsprinzip, also die Teilhabe, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Kirchengemeinden vor Ort in den Blickpunkt zu stellen. „Muss eigentlich jede pastorale Frage in Rom entschieden werden? Auch zur Ökumene, obwohl es in Rom nahezu keine Protestanten gibt?“, lauteten weitere Fragen.

Es gelte, der Basis mehr Spielraum zu geben. „Nicht zuletzt, weil es dies in der Vergangenheit schon gegeben hat. Wir haben die Subsidiarität eigentlich erfunden, aber sie darf aktuell nicht gelten“, bemängelte der Referent, der daran erinnerte, dass es Zeiten gegeben habe, in denen Bischöfe von allen Gläubigen gewählt worden seien. „Wer allen vorstehen soll, sollte auch von allen gewählt werden. Wo ist die Beteiligung derer, dessen Hirte der Bischof sein wird?“ Franziskus sage, dass der Hirte den Geruch der Herde annehmen solle. Natürlich müsse der Papst letztlich die Bischofswahl prüfen und die Ernennung aussprechen. Aber ob eine Ortskirche ohne Einfluss sinnvoll sei, bleibe sicherlich diskutabel.

Und „Frau Kardinal“? „Kirchenhistorisch ein sehr anspruchsvolles Thema“, betonte Professor Doktor Hubert Wolf. Fakt sei, dass es bis um das Jahr 1000 Diakoninnen sowohl in der West- wie auch der Ostkirche gegeben habe. Dies sei unter anderem eine Notwendigkeit gewesen, um erwachsene Frauen taufen zu können. „Diese Frauen hat es gegeben. Und sie waren katholisch“, ließ der Redner keine Zweifel aufkommen. Im Westen sei das Amt der Diakonin dann wohl im Amt der Äbtissin aufgegangen. Diese Klostervorsteherinnen hätten häufig kleine Diözesen mit gleichen juristischen Rechten wie Bischöfe geleitet.

Bewegungsspielraum

„Die Traditionen innerhalb unserer Kirche sind breit. Wer behauptet, so wie es heute ist, sei es schon immer gewesen, kann mit historischen Fakten zu interessanten Diskussionen herausgefordert werden“, leitete Professor Dr. Hubert Wolf den Schluss seines Vortrages ein. Die Entscheidungsträger sollten deshalb mit den vergessenen Traditionen konfrontiert werden. Die Geschichte der Kirche gebe Bewegungsspielraum. Dies müsse sich in den Köpfen festsetzen. „Allerdings bin ich skeptisch, dass dies tatsächlich geschieht. Doch es müssen innerhalb der Katholischen Kirche Taten folgen, sonst geht es den Bach herunter“, so die eindringliche Warnung des Geistlichen.

(ran)