Eschweiler: Beichten: „Heute regeln Menschen Probleme anders“

Eschweiler : Beichten: „Heute regeln Menschen Probleme anders“

„Beichten ist altmodisch“, sagt Pfarrer Marian Janke. Seit viereinhalb Jahren arbeitet der Priester in der Pfarrgemeinde Heilig Geist und weiß: „Heute regeln die Menschen ihre Probleme anders. Zum Beichten kommen sie nur noch selten.“

Zwar bestehe nach jeder Messe die Möglichkeit zum Gespräch, jedoch bleiben die Beichtstühle fast immer leer. In der Pfarrkirche St. Peter und Paul ist das anders. Nicht nur auf dem Marktplatz herrscht am Samstagvormittag reger Betrieb, sondern auch in der Kirche.

Seit sieben Jahren haben die Indestädter dort die Möglichkeit zu beichten, und diese wird auch gut angenommen. Genaue Zahlen nennt Pfarrer Dr. Andreas Frick nicht, jedoch verrät er: „An manchen Samstagen reichen die anderthalb Stunden nicht aus.“ Auch bistumsweit gibt es keine Zahlen. Sie werden nicht erhoben.

Die Beichte gehört neben Taufe, Firmung, Eucharistie, Krankensalbung, Weihsakrament und Ehe zu den sieben Sakramenten der römisch-katholischen Kirche und wird nicht nur von den Katholiken der Indestadt regelmäßig praktiziert. Aus der gesamten Region kommen Menschen nach Eschweiler, um dieses Angebot wahrzunehmen. Zwar gebe es vor dem Beichtstuhl keine Schlangen, wie dies noch vor 50 Jahren der Fall war, meint Frick, jedoch gebe es keinen Samstag, an dem nicht zumindest ein paar Gläubige das Gespräch suchten.

Fahrbare Beichtstühle

Auch in der evangelischen Kirche spielt das Thema Beichte eine wichtige Rolle, wird jedoch anders gehandhabt. Die Beichte ist kein Sakrament, und auch Beichtstühle findet man in den Gotteshäusern der Indestadt nicht. „Im Alltagsgeschäft wird dieser Dienst weniger abgefragt“, sagt Pfarrer Dieter Sommer. Nur selten bitten Gläubige um ein Gespräch. Anders sei dies jedoch bei den evangelischen Kirchentagen. „Zu dieser Zeit nutzen die Menschen die Gelegenheit gerne“, sagt Sommer und fügt hinzu: „Dann sind fahrbare Beichtstühle unterwegs, die häufig in Anspruch genommen werden.“

In der Indestadt finden die Gespräche an verschiedenen Orten statt. Ob Kirchenbank oder das Dienstzimmer des Pfarrers: „Es gibt keinen Ort, der für das Gespräch ausgeschlossen ist“, meint Sommer.

Diskretion spielt sowohl in der evangelischen, als auch in der katholischen Kirche eine besonders wichtige Rolle. „Aus diesem Grund haben wir auch den Beichtstuhl beibehalten, weil er diese Diskretion ermöglicht“, sagt Frick. Nur selten würden ihn die Gläubigen zu einem offenen Gespräch in einer ruhigen Ecke der Kirche bitten. Die Themen, die in den Beichtgesprächen aufkommen, nennt der Priester nicht. Schließlich würde er dann das Beichtgeheimnis brechen. Das wiederum hätte eine Suspendierung zur Folge.

Beichten im Internet

Dass heutzutage nicht nur in der Kirche gebeichtet wird, zeigen Internetseiten wie beichthaus.com oder beichte.de. Letztere lädt zum Beichten, Beten und dem Anzünden einer Kerze ein. Im Hintergrund läuten währenddessen Glocken. Auf beichthaus.com sind die Sünden der einzelnen Nutzer für jeden sichtbar. Auf der Internetseite beichtomat.de kann man die verschiedenen Sünden sogar bewerten. Es sind private Seiten, die mit der Kirche nichts zu tun haben. Frick hält davon nicht viel. „Es gibt bestimmte Dinge, die man in einem persönlichen Gespräch einfach besser klären kann“, meint er.

Zwar könne er verstehen, dass es Menschen gibt, für die das persönliche Gespräch eine Hürde darstelle, jedoch ist er sich sicher: „Vor Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle.“ Entscheidend sei jedoch auch die Rolle des Beichtvaters. Dieser sollte nicht nur gut zuhören können, sondern auch ein Gespür dafür haben, wo die eigentliche Not des Menschen liegt.

Der Beichtvater ist jedoch nicht ausschließlich dafür da, Trost und Entlastung zu spenden. Auch eine Ermahnung kann durchaus notwendig sein. „Ich sage den Menschen dann, dass sie das, was ich ihnen mit auf den Weg gebe, wirklich ernstnehmen müssen“, sagt Frick. Schließlich sei die Beichte nicht nur dazu da, Last, sondern auch Laster loszuwerden.

Diese können jedoch auch für den Beichtvater zu einer Belastung werden. Die Verarbeitung der einzelnen Gespräche beschreibt Frick als „Gebetshygiene“: „Man kann nach dem Gespräch für die Menschen beten, jedoch sollte man dann auch loslassen können und sich nicht weiter damit beschäftigen.“ Was viele nicht wissen: Auch Priester beichten regelmäßig.

Frick meint: „Nur wer sich immer wieder mit sich selbst auseinandersetzt, kommt weiter.“ Deshalb rät er den Katholiken dazu, regelmäßig zu beichten und nicht zur Verharmlosung zu neigen. „Willy Millowitsch hat zwar ‚Wir sind alle kleine Sünderlein‘ gesungen, aber diese Einstellung bringt uns definitiv nicht weiter.“

Auf die Frage, ob er sich wünscht, dass mehr Menschen diese Möglichkeit nutzen, antwortet der Priester: „Ich wünsche es nicht mir, sondern ihnen.“ Ausreden wie Zeitmangel sind für Frick kein Argument. „Wenn ich sehe, wie viel Zeit die Menschen hatten, die Spiele der Weltmeisterschaft zu schauen, dann komme ich zu dem Schluss, dass genügend Zeitreserven vorhanden sind“, meint der Pfarrer und fügt hinzu: „Man muss sich auch Zeit für sich selbst nehmen.“

Wie sich die Einstellung der Menschen verändert habe, werde auch in der Beichte deutlich. „Das Schuldbewusstsein war früher viel ausgeprägter als heute“, sagt Frick und ergänzt: „Damals war es einfach üblich zu beichten, deshalb wurde das Angebot auch von mehr Leuten wahrgenommen.“ Der Bedarf, über belastende Dinge zu sprechen, ist jedoch keineswegs verschwunden.

„Die Menschen haben auch heute noch Schuldgefühle, mit denen sie nicht fertig werden. Sie sitzen diese jedoch aus, obwohl es ihnen gut täte, sie einmal zu sortieren“, ist sich Frick sicher. Wer zwischen den Einkäufen schnell noch seine Sünden loswerden möchte, habe jedoch die falsche Einstellung. „Wenn jemand zur Beichte kommt, dann sollte er Zeit für sich selbst mitbringen“, sagt Frick. Schließlich gehe dem Gespräch mit dem Pfarrer auch eine Vorbereitung voraus. Daran erkenne man, ob der Gläubige es ernst meine. Auch nach der Beichte solle man nicht sofort ins Alltagsgeschehen zurückkehren. „Man sollte sich Zeit nehmen, das Gespräch nachklingen zu lassen“, sagt Frick.

„Riesige Chance“

Diese Zeit nehmen sich die Eschweiler Katholiken vor allem in der Zeit vor Ostern, vor der Erstkommunion und vor Weihnachten. Dann bietet die Pfarre St. Peter und Paul Sonderzeiten an. Natürlich könne man auch jederzeit mit einem Pfarrer einen Termin vereinbaren, sagt Frick.

Für ihn ist die Beichte ein überaus wichtiges Thema, das auch im Alltag eine große Rolle spielt. „Es ist ein menschliches Thema“, sagt er. Schließlich bringe es die Menschen in entscheidenden Persönlichkeitsfragen weiter.

Aus diesem Grund sieht er in dem Bußsakrament eine „riesige Chance“. Schließlich bestehe so die Möglichkeit, sich mit sich selbst zu versöhnen und in sich selbst aufzuräumen. „Ich erlebe immer wieder, dass Menschen nach der Beichte wie neu geboren sind. Es findet eine Wiedergeburt in ein und demselben Leben statt.“ In diesen Momenten empfinde er Genugtuung, weil es ihm gelungen sei, einem Menschen zu helfen.