Eschweiler: Bedürftigen helfen wird zum Knochenjob

Eschweiler: Bedürftigen helfen wird zum Knochenjob

Kochsgasse 4, Erdgeschoss: Einst residierten hier ein Fitnessstudio und eine Tanzschule. Doch für Walzer, Fox und Tango ist hier längst kein Platz mehr: Jeder Zentimeter des rund 200 Quadratmeter großen Ladenlokals ist vollgehängt, -gestopft, -gestapelt mit Dingen, die Menschen loswerden wollten.

Und die andere noch gut brauchen können. Was vor 27 Jahren als Kleiderkammer gegründet wurde, das ist längst zu einer Art Sozialkaufhaus für alle möglichen Dinge des Lebens geworden. Hier hängen Hunderte von Blusen, Pullis, Hosen und Mäntel aufgereiht an Kleiderstangen, hier warten ungezählte Paar Schuhe und ebenso viele Handtaschen auf Menschen, die sie brauchen können, hier türmen sich Stapel von Büchern und Stofftieren neben Dutzenden von Spielen, Koffern, Dekoartikeln, Laufställchen, Staubsaugern und und und...

Christel Breuer-Klein war es, die damals die Idee dazu hatte: „Als ich sah, dass Nachbarn ganze Säcke voller Kleidung zum Sperrmüll brachten; Sachen, die sie auf einem Flohmarkt nicht gleich losgeworden waren.“ Sachen, die für den Sperrmüll viel zu schade waren, wie Christel Breuer-Klein fand. „Mein Problem ist: Ich kann nichts wegwerfen, was andere noch brauchen könnten.“

In einer Garage an der Gutenbergstraße fing es an, in einem Kellerraum ging es kurz darauf weiter. Der wurde bald zu klein, Christel Breuer-Klein zog um in einen Kellerraum des Berufskollegs, von dort ins Untergeschoss der Sporthalle Jahnstraße, dann gegenüber des Bushofs an die Indestraße, schließlich zur Kochsgasse. Seit fünf Jahren ist die Kleiderkammer hier untergebracht.

„Am Elften im Elften 2011“ haben wir hier eröffnet“, erinnert sich die rührige Organisatorin, die die Kleiderstube 20 Jahre unter der Schirmherrschaft der katholischen Pfarrgemeinde St. Michael betrieb. Als diese mit den anderen Innenstadt-Gemeinden — Herz Jesu, St. Antonius und St. Peter und Paul — fusionierte, war damit Schluss. In St. Peter und Paul gab es bereits eine Kleiderkammer, für eine weitere sah man keinen Bedarf.

Christel Breuer-Klein machte dennoch weiter, fand den Verein „Helfen statt reden“, der zwei Jahre lang als Träger der Kleiderkammer fungierte. Bis er sich aus personellen Gründen auflöste. Seither sind Christel Breuer-Klein und ihr Team auf sich allein gestellt.

Der Erlös der Verkäufe in der proppenvollen Kleiderkammer sollte zumindest die Miete tragen. Die hat der Eigentümer zwar schon deutlich reduziert, aber dennoch reicht das Geld nicht immer. „An guten Tagen kommen schon mal 30 Kunden, manchmal aber auch kaum einer“, sagt die unermüdliche „Chefin“. Kleidung geht kiloweise über den Tisch: ein Euro pro Kilo.

Andere Dinge wie Werkzeuge oder Spiele für einen Euro pro Stück. Preise, die auch sozial Schwache bezahlen können. „Manche finden das auch viel zu billig und zahlen freiwillig mehr“, sagt Breuer-Klein. Anderen wiederum ist das noch zu teuer: „Wir werden immer wieder beklaut“, beklagt sie.

Die Kleiderkammer („Mitarbeiterinnen nennen die auch Christels Stöberstube, um nicht Chaosladen zu sagen“) hat ihre Stammkunden. Aber viel zu wenige, beklagt Breuer-Klein. Sie würde sich freuen, wenn mehr bedürftige Indestädter wie natürlich auch Flüchtlinge die Billig-Angebote nutzen würden. „Klar, dass andere Anbieter wie zum Beispiel die Arbeiterwohlfahrt viel besser aufgestellt und vernetzt sind als wir, die wir ohne Träger dastehen. Deren Kleiderkammern werden daher natürlich viel stärker in Anspruch genommen.“

Die Zeiten sind mager für die „Stöberstube“. Das war einmal anders: „Es gab Zeiten, da brachten Leute uns Pelzmäntel. Die gingen für gutes Geld weg“, berichtet Breuer Klein. Und ihre Mitarbeiterin Heike Bremen erinnert sich an ein Sammelalbum mit Olympiabildern von 1924.

Und an ein „uraltes mechanisches Klavier. Das hat Christel viel zu billig verscherbelt“. Vom Erlös organisierte Christel Breuer-Klein Ausflüge mit Kindern aus sozial schwachen Familien. „Zuletzt waren wir vor ein paar Jahren in Rocolinos Kinderwelt — mit 98 Kindern plus Erwachsene!“

Jetzt ist sie, wie gesagt, zufrieden, wenn die Einnahmen die Miete decken. „Was an Kleidung keine Käufer findet, das liefern wir an eine Firma, die uns gerade mal zehn Cent pro Kilo gibt“, sagt Breuer-Klein. Besser als nichts. Aber auch „nichts“ ist gut, wenn es Bedürftigen hilft: „Wir bringen auch etliche Sachen in den neuen ‚Ömmesönz‘-Laden am Langwahn. Ich finde es einfach eine Schande, wenn brauchbare Sachen auf dem Müll landen.“

73 Jahre ist Christel Breuer-Klein nun alt. Und brasselt nach wie vor fast rund um die Uhr in ihrer Kleiderkammer. „Nicht ganz“, berichtigt sie. „Zwischendurch geh ich auch zum Schlafen nach Hause.“ „60 bis 70 Stunden pro Woche ist sie mindestens hier, oft auch samstags und sonntags“, sagt Heike Bremen, die gerade Knochenarbeit leistet: Eine komplette Längswand des Ladenlokals muss vollständig freigeräumt werden, Hunderte Kartons mit allen möglichen Sachen müssen umgekramt werden: An der Wand müssen neue Stromleitungen verlegt und Brandschutzmaßnahmen vorgenommen werden.

„Neulich hat Bürgermeister Rudi Bertram mich gefragt, warum ich mir das in meinem Alter alles noch antue“, sagt Christel Breuer-Klein. Und erklärt: „Aber ich muss ja etwas zu tun haben. Nur zu Hause rumsitzen und fernsehen ist doch blöd.“