Eschweiler: Aus 1,10 Meter sieht die Welt ganz anders aus

Eschweiler: Aus 1,10 Meter sieht die Welt ganz anders aus

Ganz vorsichtig lugt der vierjährige Jonas Mertens in die Seitenstraße hinter der Dürwisser Festhalle. Er schaut zuerst nach links und dann zur rechten Seite. Schnell schreckt er jedoch zurück, schließlich ist ein Auto im Anmarsch. Dann wagt der Vierjährige einen zweiten Versuch.

Erst schaut er nach links, dann wandert sein Blick zur rechten Seite und noch einmal dreht sich sein Kopf nach links: Kein Auto ist in Sicht. An der Hand seiner Mutter Maria kann Jonas die Straße überqueren. Nicht nur im Straßenverkehr müssen Kinder oft schwierige Situationen meistern. Wir haben Jonas einen Nachmittag lang begleitet und uns angesehen, wie ein Kind die Indestadt wahrnimmt.

Start ist im Kindergarten St. Josef in Dürwiß. Dort holt Mama Maria den Kleinen um 14 Uhr ab. Von Video-Experte David wird der Kleine mit einer Kamera ausgerüstet. Sie wird an seiner Schulter befestigt und soll später zeigen, wie Jonas seine Umwelt wahrnimmt. Dann geht es los.

Fasziniert von der technischen Ausrüstung startet Jonas seinen Nachhauseweg. Dieser beginnt schon am Kindergarten mit einer schwierigen Aufgabe, schließlich ist dort zur Zeit eine große Baustelle. Gerade diese Situation sei für Kinder und Eltern momentan sehr schwierig, wird seine Mama Maria später sagen. Besondere Herausforderung: die geparkten Autos am Straßenrand. „Dazwischen sieht der Kleine nämlich praktisch gar nichts“, sagt seine Mutter. Nicht nur auf dem Heimweg wird dieses Problem Jonas und seiner Mutter noch öfter begegnen.

Alleine würde Maria Mertens ihren Sohn den rund zehnminütigen Weg zum Kindergarten und zurück nicht antreten lassen. „Bei uns stellt sich immer die Frage: mit Hand oder doch schon ohne? Aber bei Jonas geht das oft noch nicht ohne“, sagt sie. Die Begründung liefert der quirlige Junge selbst. Für ihn gibt es nämlich Interessanteres als den Straßenverkehr. Als Jonas einen Tannenzapfen erblickt, trennt er sich von der Hand seiner Mutter. An der nächsten Kreuzung wartet er wieder brav. Vor lauter Freude über seine neueste Errungenschaft verwechselt er glatt rechts und links. Mama Maria bleibt so lange mit ihm stehen, bis das Überqueren der Straße problemlos klappt und Jonas sich vorher richtig umgesehen hat.

Sandra Schmitz von der Aachener Polizei weiß, wie wichtig es ist, dass Kinder so früh wie möglich an den Straßenverkehr ran geführt werden. „Bevor sie ihren Schulweg zurücklegen müssen, sollten sie den mit ihren Eltern trainieren“, sagt Schmitz.

Bevor es nach Hause geht, steht für Jonas noch ein Abstecher auf den Spielplatz an. Um auf das eingezäunte Gelände zu gelangen, muss er erst das Tor öffnen und das ist größer als der Vierjährige. Nachdem er sich auf seine Zehenspitzen gestellt hat, klappt es schließlich. Jonas ist kaum zu bremsen. Voller Begeisterung wird gerutscht und geschaukelt. Auch ein kleiner Ausflug in den nassen Sand kann dem Kleinen nichts anhaben.

Wie wichtig solche Momente für Kinder sind, weiß Mariethres Kaleß, Vorsitzende des Kinderschutzbundes Eschweiler. Klettern, Baumhäuser bauen und auf der Straße mit Kreide malen: Das sieht man heute nur noch selten, meint sie. Die Angst vor Gefahren sei bei den Eltern berechtigterweise groß, doch Kaleß ist der Meinung: „Man muss einem Kind auch mal den Freiraum geben hinzufallen und sich weh zu tun, schließlich verheilt das wieder.“ Ihrer Meinung nach ist es wichtig, die Balance zwischen einer Überbehütung und zu wenig Aufmerksamkeit zu finden.

Nach einer kleinen Umziehpause geht es in die Innenstadt. War die kleine Kamera bisher am Rucksack des Vierjährigen befestigt, trägt er sie nun auf seinem Fahrradhelm. Bisher musste Jonas nur kleinere Straßen überqueren. Nun geht es über die Hauptverkehrsstraße in der Indestadt.

Davon lässt Jonas sich aber ganz und gar nicht einschüchtern und drückt den Signalknopf an einer der Ampeln an der Indestraße. Der ist für ihn gut zu erreichen, schließlich befindet er sich auf Augenhöhe des 1,20 Meter großen Jungen. Natürlich darf vor dem Überqueren ein Blick nach links nicht fehlen.

Besonders beeindruckt ist Jonas nicht nur von der Inde, die er nur zwischen den Gitterstäben der Brücke sehen kann, sondern auch vom Schaufenster eines Spielwarengeschäfts. Im Geschäft die nächste Herausforderung: Die Figuren, die den Kleinen interessieren, stehen nicht auf seiner Augenhöhe. Das ist kein Problem. „Wenn die Sachen oben in den Regalen stehen, nehme ich ihn auf den Arm. Sowas hat Jonas noch nie gestört“, sagt seine Mama.