Eschweiler: Alter und Krankheit verhindern Weg in die Kirche

Eschweiler: Alter und Krankheit verhindern Weg in die Kirche

Das Gebetsbuch ist unberührt. Die Sitze bleiben leer. Es ist ein Bild, das immer wieder an einem Sonntagvormittag in den Kirchen zu beobachten ist. Den Gemeinden gehen die Mitglieder aus. Und denjenigen, die gerne den Gottesdienst aufsuchen möchten, liegen oft Alter und Krankheit wie unüberwindbare Steine auf dem Weg ins Gotteshaus. Die Kirche muss umstrukturieren.

Das hat auch die Evangelische Kirchengemeinde Weisweiler-Dürwiß erkannt. Unter der Leitung von Pfarrer Wolfgang Theiler startete die Gemeinde das Projekt des „Diakonischen Seniorenbesuchsdienstes“. Wenn die Menschen nicht mehr in die Kirche kommen können, dann muss die Kirche eben zu den Menschen kommen.

Zuständig ist dafür Birke Korff. Seit April besucht sie auf Minijob-Basis Gemeindemitglieder, denen der Weg in die Kirche nicht mehr möglich ist. Bei ihren Besuchen steht das persönliche Gespräch mit den Menschen im Vordergrund. 62 Männer und Frauen habe sie in den vergangen drei Monaten aufgesucht.

Und mit ihnen im wahrsten Sinne des Wortes über „Gott und die Welt“ gesprochen. „Die Kirchen werden aus verschiedenen Gründen nicht mehr voll. Trotzdem sind der Glaube und die Gemeinde noch da. Da muss die Kirche andere Möglichkeiten finden, um ihre Gemeindemitglieder mit einzubeziehen“, erklärt Korff den Hintergrund der Aktion.

Neben Gesprächen bietet Korff den Gemeindemitgliedern auch Hilfestellung und Unterstützung in allen möglichen Fragen, die das Alter betreffen, an. Sei es bei der Organisation eines Pflegedienstes oder beim Umzug in eine betreute Wohneinrichtung. Korff lebt seit fast zwei Jahrzehnten in Eschweiler, ist jedoch erst seit einigen Jahren in der evangelischen Kirchengemeinde Weisweiler-Dürwiß aktiv. Ihre Besuche bei den Senioren biete ihr die Möglichkeit, die Gemeinde besonders intensiv kennenzulernen. Der Großteil der älteren Gemeindemitglieder nehme den Seniorenbesuchsdienst gerne an.

Herausforderung für die Kirche

Doch das Projekt habe auch Grenzen, wie Korff betont: „Die Kirche kann nicht die Familie ersetzen, aber sie kann Gesprächsangebote machen.“ Der Bedarf hiefür ist groß. Etwa 300 von rund 2000 Mitgliedern der Evangelischen Kirchengemeinde Weisweiler-Dürwiß sind älter als 70 Jahre. Wolfgang Theiler sieht im demografischen Wandel eine Herausforderung für die Kirche.

„Die Anzahl der älteren Gemeindemitglieder hat sich in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt. Dadurch ist das Bemühen, den Kontakt zu ihnen zu halten, größer geworden. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, Ehrenamtliche zu finden“, sagt der Pfarrer. Der diakonische Seniorenbesuchsdienst sei eine gute Möglichkeit, um den Alten auf kurzen Wegen Hilfestellung zu geben und als „Wegweiser“ zu fungieren.

Das Projekt ist zunächst auf ein Jahr begrenzt. Ziel sei jedoch die Entwicklung eines langfristigen Projekts, mit dem die Gemeinde ihre älteren Mitglieder intensiver einbinden kann, erzählt Korff. „Ich werde genau hinsehen, wo Bedarf besteht und was die Kirche zusätzlich noch tun kann.“

Aktiv werden

Eine der Maßnahmen für ältere Gemeindemitglieder ist der Seniorentreff, den die Gemeinde traditionell in der Adventszeit veranstaltet und den sie jetzt erstmals auch im Sommer anbot.„Dieser Nachmittag ist unser Versuch, die Möglichkeiten des Seniorentreffs auszubauen“, erklärt Theiler. Von den Gemeindemitgliedern selbstständig organisierte und regelmäßig stattfindende Altentreffs gebe es kaum noch. Stattdessen müsse die Kirche aktiv werden.

Der demografische Wandel macht sich in der Gemeinde auch baulich bemerkbar. Für Pfarrer Theiler zeigt sich die Schwerpunktverlagerung beispielhaft am Eingangsbereich des Gemeindehauses. „Früher war unser Eingangsbereich sehr jugendgerecht, jetzt ist er vor allem altengerecht.“ Heute sorge er sich weniger darum, welches Geländer spielende Kinder zu Klettergerüsten umfunktionieren könnten. Stattdessen liege der Schwerpunkt auf der Barrierefreiheit.

Im Gemeindehaus in Weisweiler ermöglicht eine neue Auffahrrampe beeinträchtigten Männern und Frauen den Zugang nun auch mit dem Rollstuhl und Rollator. Darüber hinaus konnten die Gemeindemitglieder eine neu errichtete behindertengerechte Toilette in Betrieb nehmen. Die Kosten für den Umbau betrugen laut Theiler etwa 15 000 Euro. Eine Investition, mit der die Kirche den Bedürfnissen ihrer älteren Mitglieder gerecht werden will.

(akas)