Alta Floresta/Eschweiler: Alta Floresta: Von Visionären, Pionieren und Goldgräbern

Alta Floresta/Eschweiler : Alta Floresta: Von Visionären, Pionieren und Goldgräbern

Vicente da Riva ist um die 70. Ein Alter, das man ihm nicht ansieht. Im Konferenzsaal des Floresta Amazonica Hotels am Rande von Alta Floresta hat er einen großformatigen Stadtplan ausgebreitet. Kein Plan wie jeder andere. Denn Vicente da Riva ist auch kein Mann wie jeder andere.

Er hat geschafft, was kaum ein anderer von sich behaupten kann: Gemeinsam mit seinem Vater, seinem Bruder und seiner Schwester hat er eine ganze Stadt geplant und gegründet. Mitten im brasilianischen Regenwald. Ihr Name: Alta Floresta, hoher Wald. Eine Stadt, die heute, 42 Jahre später, gut 60.000 Einwohner hat. Und rapide weiter wächst. In zehn Jahren, so Schätzungen, könnte bereits die 100.000er Marke erreicht sein. Das stellt Alta Floresta vor Herausforderungen, die es zu lösen gilt - Hand in Hand mit Eschweiler, mit dem die Stadt gerade eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen hat.

alta. Foto: Rudolf Müller

Begonnen hat die abenteuerliche Geschichte der heutigen Universitätsstadt Alta Floresta in den 70er Jahren. Damals kam Vicentes Vater Ariosto nach Mato Grosso, nachdem er zuvor einige tausend Kilometer weiter südlich an der Erschließung des Bundesstaats Parana mitgearbeitet hatte. Ariosto da Riva kaufte Land. Erst 400.000 Hektar von einem Unternehmen in Rio, später weitere 400.000 direkt von der Regierung. Für 50 Dollar pro Hektar. Mit der Verpflichtung, das Land zu Erschließung. Sein Ziel: eine Gemeinde zu gründen, in der Kleinbauern ökologische Landwirtschaft betreiben und landestypische Produkte vermarkten sollten.

alta. Foto: Rudolf Müller

Ein gewaltiges Unterfangen: 147 Kilometer lang ist die Straße, die gebaut werden musste, um die geplante Ortschaft an die BR-163 und damit an das brasilianische Straßennetz anzubinden. Ungezählte Schneisen mussten dazu durch den Urwald geschlagen werden, der Rio Teles Pires konnte nur mit einer provisorischen Fähre überquert werden. Eine Stromleitung musste installiert werden. Es dauerte Jahre, bis im Mai 1976 schließlich die ersten vier Lastwagen mit Ziegelsteinen das künftige Alta Floresta erreichten, das auf dem Papier längst detailliert Formen angenommen hatte: In 100-Meter-Quadraten hatten die da Rivas die Stadt durchgeplant — auch mit Hilfe von eines Schwagers, der als Architekt zehn Jahre lang mit dem legendären Oscar Niemeyer, dem Architekten der brasilianischen Reißbrett-Hauptstadt Brasilia, zusammengearbeitet hatte. Den Originalplan von damals hat Vicente da Riva jetzt auf dem Tisch ausgebreitet; Eschweilers Technischer Beigeordneter Hermann Gödde lässt ihn sich interessiert erläutern.

alta. Foto: Rudolf Müller

Die ersten Gebäude, die - wie alle anderen ohne jede staatliche Unterstützung - entstanden, waren eine Schule, ein Krankenhaus, ein Hotel, ein kleiner Laden und ein Sägewerk. Ein Jahr später begann der Flughafenbau. Alta Floresta wuchs — und wurde Gemeinde: 1979 zählte es bereits 6000 Einwohner.

Szenen aus Alta Floresta: Oben das Rathaus, darunter Bürgermeister Dr. Asiel Bezerra mit Hermann Gödde, Miss Alta Floresta Carolin Back und Konsuil Max Krieger, daneben Bezerra und Gödde mit der Kooperationsvereinbarung. Unten das Hotel Floresta Amazonica,. Foto: Rudolf Müller

Goldrausch lockt 100000

Er hat Alta Floresta aus dem Urwaldboden gestampft: Vicente da Riva vor dem Plan der Stadt nach dem Vorbild der Hauptstadt Brasilia. Foto: Rudolf Müller

Im März desselben Jahres landete die erste Douglas DC3 in Alta Floresta: Die „Luftbrücke“ über den Dschungel war die einzige Verbindung der Stadt nach „draußen“, wenn der Regen (hier fallen im Durchschnitt 1800 mm im Jahr, in Eschweiler sind es 458) die Pisten unpassierbar machte. Die Bewohner lebten in erster Linie von der Holzwirtschaft, vom Reisanbau und von Viehzucht. Drei Jahre lang bezog die Gemeinde ihre Energie aus der Holzverbrennung, dann lösten von der Regierung finanzierte Stromaggregate die Öfen ab.

Gebaut 1942 in den USA und im Zweiten Weltkrieg für das Internationale Rote Kreuz unterwegs, transportierte diese Douglas DC3 zwischen 1979 und 1985 Siedler, Goldsucher und Lasten in die Urwaldstadt Alta Floresta. Ihr Besitzer schenkte die DC3 2006 der Stadt. Heute steht sie mitten in der Innenstadt auf dem Platz der Kultur. Foto: Rudolf Müller

1982 gab es einen entscheidenden Einschnitt in der Entwicklung des Städtchens: In der Gegend wurde Gold gefunden. Was folgte, war ein regelrechter Goldrausch. Die Kleinbauern durchwühlten den Boden auf der Suche nach dem Edelmetall, Glücksritter aus allen Teilen des Landes zog es her. Die Stadt, deren Planung einmal maximal 21000 Einwohner vorsah, wuchs in kürzester Zeit auf bis zu 100.000 Einwohner an. Ortsansässige Kleinbauern und zugereiste Goldschürfer lieferten sich einen regelrechten Krieg ums Land. Banken sprossen aus dem Boden, Goldhändler eröffneten Läden. 1983 bekam Alta Floresta seinen ersten, gewählten Bürgermeister. In Privatinitiative — wie die gesamte Stadt — wurde auch eine Polizei geschaffen. Drei Jahre nach seinem Auflodern war der Boom wieder vorbei. Aus Goldsuchern wurden wieder Bauern. Bauern, die jetzt auf Rinderzucht setzten. Und riesige Flächen des Regenwalds rodeten, um Weideflächen zu schaffen. Wobei der Verkauf des wertvollen Holzes ihnen zusätzliche Einnahmen verschaffte.

Neben Fleisch, Nüssen, Soja und Holz zählen inzwischen auch Kaffee und Kakao aus biologischem Anbau zu den gefragten Produkten der Stadtregion. Vicente da Riva erinnert sich an die Anfänge: Zwölf Millionen Kaffeepflanzen wurden damals gesetzt. Und Vicente, dessen Bruder 1990 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam und dessen Vater und Stadtgründer Ariosto 1992, ein Jahre nach Gründung der Universität UNEMAT (Universidade do Estado de Mato Grosso) starb, arbeitet weiter am Florieren Alta Florestas. Von 1996 bis 2000 war Vicente da Riva selbst Bürgermeister der Urwaldstadt, die immer mehr Bewohner anzieht. Er schuf Sportplätze, Freizeitparks, Grünzonen, einen Entwässerung, Wohngebiete. Sein Amtsnachfolger muss sich inzwischen vor Gericht verantworten: Er verscherbelte eigentlich geschützte Grünzonen an vermögende, bauwillige Investoren und steckte einen Großteil des Erlöses in die eigenen Taschen.

Bevolkerungszahl wächst rapide

Sünden, die der derzeitige Bürgermeister Dr. Asiel Bezerra mit Hilfe von Experten der unter anderem in Rio ansässigen Denkfabrik FGV (darunter der deutsche Architekt und Planer Hannes Schwertfeger vom Stuttgarter Bureau Baubotanik) zu beheben versucht. Der Regenwald soll wieder in die Stadt einziehen können. Ein Korridor von Grünzügen soll die Stadt durchziehen, Refugien für die 570 hier heimischen Vogelarten bieten und auch die im Regenwald beheimateten White cheeked Spider Monkeys auf einen Besuch in die Stadt einladen. Gleichzeitig werden neue, große Wohngebiete entwickelt. In privater Initiative, wie seit Anfang an.

Denn Alta Floresta ist längst zu einem wichtigen Zentrum für 16 umliegende Städte im Bundesstaat Mato Grosso geworden. Flughafen, Krankenhaus und Universität ziehen immer mehr Menschen an. Innerhalb eines Jahrzehnts, so schätzen Experten wie der frühere Stadtkämmerer und heutige Immobilienmakler Rogério Zilio, könnte die Einwohnerzahl auf 100.000 steigen. „ Alle Prognosen sagen, dass Alta Floresta irgendwann eine reiche Stadt sein wird.“ Die Familie von Mit-Gründer Vicente da Riva hat die Herausforderung angenommen: „Die nächste Generation steht schon bereit“, sagt Vicente. „Es gibt schon wieder neue Projekte.“ Die Pläne für die Erweiterung der Stadt sind in Arbeit.

Einer Stadt, die längst mit ihrer Vergangenheit des Regenwald-Rodens abgeschlossen hat. Schon vor zehn Jahren hat Alta Floresta ein Projekt zur Renaturierung gestartet — auch mit Hilfe des deutschen Wirtschaftsministeriums. „Ökonomie und Ökologie müssen gemeinsam gesehen werden“, betont Vicente. „Der Schutz des Regenwalds gehört unbedingt dazu.“ Regenwald, der heute unter Schutz steht und lediglich z. B.. für die Gewinnung medizinischer Produkte genutzt werden darf.

Den Schutz des Regenwalds hat sich auch Vicentes Schwägerin Vitória da Riva Carvalho auf die Fahnen geschrieben. Ihr Ökoprojekt am Cristalino River hat ihr bereits zahlreiche internationale Auszeichnungen eingetragen und ist Ziel von Ökotouristen und Forschern aus aller Welt. Mehr dazu in einer unserer nächsten Ausgaben.