Eschweiler: Alltagsbegleiter: Es ist viel mehr als nur spielen und reden

Eschweiler: Alltagsbegleiter: Es ist viel mehr als nur spielen und reden

„Wenn ich für ein Lächeln und Wohlbefinden sorgen kann, dann fühle ich mich glücklich“, beschreibt Sayhan Cosan den Grund für ihre Tätigkeit. Sie ist Alltagsbegleiterin im Senioren- und Betreuungszentrum der Städteregion Aachen (SBZ). Zusammen mit ihren 16 Kolleginnen, die in Teil- und Vollzeit in den verschiedenen Bereichen des SBZ arbeiten, sorgt sie sich um die Gestaltung des Alltags der insgesamt 240 Bewohner.

In Einzelgesprächen oder Gruppenaktivitäten wie Backen, Kochen, Basteln, Singen, Gedächtnistraining und (Vor-)Lesestunden machen sie die Tage der Menschen, die dort ihren letzten Lebensabschnitt verbringen, bunter. „Wir sind für das Schöne am Tag zuständig. Wir wollen, dass sich die Menschen wohlfühlen und bis zum Ende eine hohe Lebensqualität haben“, erklärt Diana Reitler, die Leiterin der Alltagsbegleitung im SBZ. Gleichzeitig betont sie aber auch, dass es viel mehr ist als „nur ein bisschen spielen.“ Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die Aktivitäten müssen geplant, strukturiert und sinnvoll eingesetzt werden — die Bewohner: nicht immer einfach.

Individuelle Betreuung

„Man muss sehr viel Einfühlungsvermögen haben, das ist ganz wichtig“, weiß die gelernte Altenpflegerin Dagmar Burczyk, die jetzt seit über sieben Jahren ebenfalls als Alltagsbegleiterin arbeitet. Gerade Patienten mit Demenz, die teils in ihrer eigenen Realität leben oder auch aggressives Verhalten zeigen, können besonders herausfordernd sein. „Jeder Tag ist anders — die Tagesform der Bewohner ist jeden Tag anders“, erklärt Burczyk. Man müsse flexibel sein und auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohner eingehen können.

Das ist für Bernhard Müller, Leiter des SBZ auch der Kern dieser Arbeit: „Die Alltagsbegleitung ist viel individueller. Die Kolleginnen schauen auf den Bewohner, welche Fähigkeiten er hat, sie gucken sich den Lebenslauf an und das, was derjenige früher gemacht hat.“ Dadurch können die Angebote entsprechend geplant und die Bewohner gefördert werden. Auch bei den Gesprächen mit den Senioren und mit deren Angehörigen lernen sie sich besser kennen und bauen eine enge Beziehung zueinander auf.

Sechs Tage die Woche

Das zeigt sich auch an der Stimmung im SBZ. „Das Besondere ist die Atmosphäre hier. Die ist sehr familiär und entspannt“, betont Cosan. Durch die Arbeit mit ihr und ihren Kolleginnen seien die Bewohner insgesamt ruhiger und gelöster, „denn sie werden richtig gefordert. Sie müssen richtig mitmachen und bekommen Aufgaben gestellt und sind dementsprechend ausgelastet“, erklärt Müller. Auch die sozialen Kontakte und die Gesellschaft anderer sei ein erheblicher Vorteil und wirke der Einsamkeit entgegen. Da die Begleiterinnen immer in demselben Bereich eingesetzt sind, wird eine Vertrauensbasis aufgebaut, die für Sicherheit, Stabilität und auch Geborgenheit sorgt.

Per Wochenplan hängen sie ihr Angebot aus, das sie in Eigenregie gestalten und an dem jeder Bewohner teilnehmen kann. In Früh- und Spätdiensten arbeiten die Begleiterinnen meist in Zweierteams, sechs Tage die Woche, denn am Wochenende sind oft Konzerte im SBZ oder der Kirchenbesuch wird gemeinsam begangen. Dabei ist die Tätigkeit klar von den Pflege- oder hauswirtschaftlichen Tätigkeiten abgegrenzt.

Seit 2008 wurden mit dem Pflegeweiterentwicklungsgesetz die Leistungen vor allem für Menschen mit Demenz ausgeweitet. Das bedeutet, dass die Pflegeheime einen Anspruch auf zusätzliche Betreuungskräfte hatten, aber eben nur für Menschen mit erheblichem Beaufsichtigungs- und Betreuungsbedarf. Mit dem Pflegestärkungsgesetz II von Anfang 2017 gilt dieser Anspruch nicht nur für Demenzpatienten, sondern grundsätzlich für alle Pflegebedürftigen, egal ob sie körperlich, geistig oder psychisch beeinträchtigt sind. Vergütet werden die Betreuungskräfte über monatliche Zuschläge, die die Pflegekassen bezahlen.

Qualifikation nötig

Um als Alltagsbegleitung tätig zu werden, ist kein therapeutischer oder pflegerischer Berufsabschluss notwendig. Es sollten aber zunächst die persönlichen Voraussetzungen stimmen. Neben sozialen und kommunikativen Kompetenzen, sollte man vor allem sensibel, teamfähig und zuverlässig sein. Auch Selbstreflexion und der Umgang mit schwierigen Situationen gehören zur Arbeit dazu. Ein Orientierungspraktikum wird erwartet, da die Arbeit in Pflegeeinrichtungen sehr hohe Anforderungen stellt und auch Belastbarkeit erfordert. Beides kann hier ausgetestet werden. Danach erfolgt die Qualifizierungsmaßnahme. Diese dauert im Schnitt drei Monate, in denen theoretisches Wissen zu Erkrankungen und der Umgang mit Patienten thematisiert wird sowie Methoden und Konzepte für die Arbeit mit pflegebedürftigen Menschen vermittelt werden. Auch einen praktischen Teil in Form eines Betreuungspraktikums in einer stationären Pflegeeinrichtung gehört zu der Qualifikation dazu. Nach Abschluss dieser Maßnahme ist eine jährliche Fortbildung obligatorisch.

Für Cosan, die ihre Qualifizierung 2014 abgeschlossen hat, war es genau der richtige Weg: „Ich möchte nichts anderes mehr machen“, erklärt sie und hat ihre Berufung gefunden. Es mag eine Berufung sein, doch im strengen Sinne ist es kein Beruf, was Reitler als Leiterin der Alltagsbegleitung auch kritisiert. „Für mich ist es mehr als nur eine Qualifizierung, für mich ist es ein Beruf“, betont sie die Wertigkeit der Arbeit.

Die wertvolle Arbeit würdigt auch SBZ-Leiter Müller: „In der Betreuung hat man mit der Einrichtung der Alltagsbegleitung schon einen Quantensprung erreicht.“

Spezielle Angebote der Begleiter

Angebote wie das Nachtcafé, betreut von Cosan, sind sehr wichtig für das Zusammenleben und die Harmonie im Heim. Das Café ist vor allem für demente Bewohner gedacht und die, die einen anderen Tagesrhythmus haben und abends aktiver sind als manch anderer Bewohner. Hier haben sie dann die Möglichkeit noch aktiv zu sein, ohne andere zu stören. „Es bereitet auf die Nacht vor, so wie es früher auch zu Hause war. Mit spielen, Tee trinken oder zusammen Fernsehgucken“, erklärt Sayhan Cosan.

Während sie im Wohnheim des SBZ arbeitet ist Burczyk auf der Pflegestation: „Ich mache hier gerne den Singkreis oder Themenrunden, wo wir von früher erzählen. Ich bereite kleine Bilder von alten Kaffeekannen oder Nähmaschinen vor und die Bewohner erzählen dann von sich aus.“ So erfährt man wieder viel über die Senioren und die Beziehung wächst.“ Allen ist wichtig, dass das Vertrauen zu ihnen da ist und sie den Bewohnern mit Aktivität und Zuwendung eine höhere Wertschätzung entgegenbringen können und die Teilnahme am Leben in der Gesellschaft ermöglichen. Oder wie Diana Reitler es auf den Punkt bringt: „Die Begleitung ist das Herz und die Seele vom Alltag im SBZ.“