Eschweiler: „Alarm im Darm“: Das wichtigste Gegenmittel ist Vorsorge

Eschweiler : „Alarm im Darm“: Das wichtigste Gegenmittel ist Vorsorge

Die Zahlen sind alarmierend bis erschreckend: 60.000 Menschen in Deutschland erkranken jährlich an Darmkrebs. Zwei bis drei Patienten sterben pro Stunde (!) an den Folgen eines bösartigen Darmtumors. Dies ist umso schlimmer, da es hervorragende Möglichkeiten gibt, die Entstehung eines „kolorektalen Karzinoms“ zu verhindern. Vorsorge und Früherkennung lauten die Zauberworte.

Im Rahmen des von Dr. Eberhardt Schneider, Chefarzt und Ärztlicher Leiter des Euregio-Rehazentrums am St.-Antonius-Hospital Eschweiler, geleiteten Medizinforums informierten am Mittwochabend der niedergelassene Allgemeinmediziner Dr. Magid Salama, Dr. Martin Schlicht, Facharzt für Innere Medizin am St.-Antonius-Hospital, und Dr. Mario Dellanna, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Minimalinvasive Chirurgie, Proktologie und Adipositaschirurgie, unter der Überschrift „Alarm im Darm“ im Talbahnhof über Gegenmaßnahmen im Vorfeld und frühzeitige Reaktionsmöglichkeiten bei Auffälligkeiten im Darm.

Aus der „Schmuddelecke“ holen

„Unser Ziel muss es sein, diese ernste und häufige Problematik aus der Schmuddelecke herauszuholen und ihr den Ruch des Unanständigen zu nehmen“, unterstrich Moderator Dr. Eberhardt Schneider während des Abends, der mit einer Aufführung des „Vorsorgtheaters“ der Stiftung „Lebensblicke“ begonnen hatte.

Die Darsteller Coralie Wolff und Volker Heymann warben auf komödiantische und dennoch nachdenklich stimmende Art dafür, die zur Verfügung stehenden und von den gesetzlichen Krankenkassen vorgesehenen Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen. Eine Vorlage, die Dr. Magid Salama in seinem Impulsvortrag dankbar aufnahm.

Der Hausarzt erinnerte an Felix Burda, der im Jahr 2001 im Alter von 33 Jahren an Darmkrebs verstarb. Als Folge gründeten dessen Elten Christa Maar und Hubert Burda die Felix-Burda-Stiftung, um in der Bevölkerung das Bewusstsein hinsichtlich der Risiken, die eine Darmkrebserkrankung birgt, zu schärfen.

Nicht zuletzt auf Grund dieses Engagements nahm die gesetzliche Krankenversicherung im Jahr 2002 die Darmspiegelung (Koloskopie) für Versicherte ab 55 Jahren mit einmaliger Wiederholung nach zehn Jahren in ihren Leistungskatalog auf. Zu den in gewisser Weise „positiven“ Eigenschaften des Darmkrebses zähle nämlich, dass die Entwicklung von bösartigen Tumoren, die in der Regel aus zunächst gutartigen Polypen entstehen, viel Zeit benötige. „Gute Vorsorge führt dazu, einen Tumor erst gar nicht entstehen zu lassen. Die frühe Erkennung bietet immerhin noch maximale Heilungschancen“, so Dr. Magid Salama.

Zu den Risikofaktoren zählen unter anderem das Alter (90 Prozent der Darmkrebspatienten sind über 50 Jahre alt, das Durchschnittsalter bei Erkrankung liegt bei 67 Jahren), ein in der Vergangenheit festgestellter Darmpolyp, familiäre Vorbelastung (bei 30 Prozent der Patienten liegt eine Erkrankung eines weiteren Familienmitgliedes vor), chronisch entzündliche Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa und Morbus Crohn) und Diabetes.

„Natürlich spielt der Lebensstil eine wichtige Rolle. Bewegung ist immer von Vorteil. Genau wie eine ballastoffreiche Ernährung mit Gemüse und Obst. Rotes Fleisch sollte dagegen eher selten verzehrt werden“, so die Ratschläge des Mediziners, der darauf hinwies, dass eine Diagnose ohne konkrete Vorsorgeuntersuchungen (Okkult-Bluttest und/oder Darmspiegelung) kaum möglich sei.

Keine „harten“ Symptome

„Es gibt keine wirklich harten Symptome. Ein Leistungsabfall, Nachtschweiß mit zwei bis drei T-Shirts pro Nacht, Fieber, Blähungen mit Stuhlabgang, ein Völlegefühl, Schmerzen beim Stuhlgang, der Wechsel von Verstopfung und Durchfall oder natürlich Blut im Stuhl können Hinweise in Richtung Darmkrebs geben, können aber auch vollkommen andere Ursachen haben“, ließ Magid Salama wissen, um abschließend mit einer positiven Zahl aufzuwarten: „Die Sterberate bei Darmkrebs ist in den zurückliegenden zehn Jahren um 20 Prozent gesunken. Vorsorge und Früherkennung wirken, wenn sie wahrgenommen werden.“

Ins gleiche Horn stieß der Gastroenterologe Dr. Martin Schlicht, der dem Publikum eine gute und eine sehr gute Nachricht übermittelte: „Die gute Nachricht lautet: Rechtzeitig erkannt ist Darmkrebs heilbar. Und sogar sehr gut ist, dass es so weit erst gar nicht kommen muss!“ Doch der Referent ließ ein ganz großes „Aber“ folgen. „Wir Ärzte sind sehr unglücklich darüber, dass nur 15 bis 20 Prozent aller Menschen in Deutschland Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen.“

Werde Darmkrebs diagnostiziert, sei im Vorfeld fast immer keine oder eine nicht ausreichende Vorsorge festzustellen. Die Ursache für dieses leichtsinnige Verhalten? „Ich denke, dass zu viele Menschen zu geringe Vorstellungen haben, was zum Beispiel bei einer Darmspiegelung eigentlich geschieht“, vermutet der Oberarzt, der den Gästen des Forums per Film eine Koloskopie „von innen“ vorführte. „Sie werden überrascht sein, wie aufgeräumt und sauber ein Darm aussieht“, versprach Dr. Martin Schlicht und wies auf die Wichtigkeit einer guten Vorbereitung des Patienten auf eine Darmspiegelung hin.

Unangenehm sei in dieser Hinsicht sicherlich der Geschmack der einzunehmenden Flüssigkeiten. „Hier gibt es bisher noch keine zufriedenstellende Lösung. Aktuell lautet der Grundsatz, je besser der Geschmack, je schlechter die Wirkung.“ Doch bei einem unauffälligen Befund winke eine schöne Belohnung. „Dann müssen sie erst in zehn Jahren wiederkommen. Deshalb: Nehmen sie die Möglichkeit der Vorsorge wahr“, so der Appell von Dr. Martin Schlicht.

Fragen und Ängste

Aus Sicht des Chirurgen erläuterte Dr. Mario Dellanna dann die Vorgehensweise im Falle der Entdeckung eines bösartigen Tumors. „Eine solche Diagnose ist für den Patienten natürlich ein Schock“, so der Chefarzt. Die Fragen und Ängste des Betroffenen gingen dann häufig in Richtung Überleben, Heilung, Operation, künstlicher Darmausgang und Lebensqualität. „Entscheidend ist, dass Tumorpatienten interdisziplinär betreut werden müssen. Bei der Behandlung sitzen dann oft auch Onkologen, Internisten und Radiologen mit im Boot.“

So auch im St.-Antonius-Hospital mit seinem zertifizierten Tumorzentrum. „Ist eine Operation notwendig, gilt es, den Tumor radikal, also vollständig zu entnehmen. Dies betrifft in vielen Fällen auch die Lymphknoten“, verdeutlichte Dr. Mario Dellanna. Grundsätzliches Ziel sei der Erhalt der Darmfunktion und die Vermeidung eines künstlichen Darmausgangs. „Vor der Operation stehen Ultraschall und Computertomographie auf dem Programm, um festzustellen, ob der Tumor gestreut hat. Ist der Mastdarm von einem Karzinom betroffen, gehen einer OP eine Strahlenbehandlung und Chemotherapie voraus, bei der der Tumor verkleinert wird, um bei der anschließenden Operation den Schließmuskel zu erhalten“, erklärte der Chirurg.

Auch derartige Eingriffe würden heutzutage mit der Schlüsselloch-Methode und nicht per großem Leibschnitt durchgeführt. „Die maximale Schonung der Bauchdecke sowie der umliegenden Organe sind dadurch möglich“, betonte Dr. Mario Dellanna.

(ran)