Eschweiler: Aktuelle Statistik: Jedes vierte Kind in Eschweiler gilt als arm

Eschweiler: Aktuelle Statistik: Jedes vierte Kind in Eschweiler gilt als arm

In diesen Tagen schreckten die Ergebnisse der Bertelsmannstudie die Menschen auf: Die Kinderarmut steigt. 14,7 Prozent der Kinder unter 18 Jahren bundesweit wuchsen im vergangenen Jahr in Familien auf, die Hartz IV beziehen.

In Eschweiler ist die Situation sogar noch deutlich dramatischer: Von den in Eschweiler mit Erstwohnsitz gemeldeten 7662 unter 15-Jährigen leben 1844 von staatlicher Unterstützung aus dem Sozialgesetzbuch II. Die Quote beträgt damit 24 Prozent, also jedes vierte Kind in der Stadt ist betroffen.

Mit zahlreichen Maßnahmen und Initiativen will man gegen diesen Trend kämpfen. Nicht jede Idee wurde im Rathaus geboren: Das Bildungs- und Teilhabegesetz ermöglicht es der Verwaltung, aber auch dem Jobcenter, vor allem die Kinder in den betroffenen Familien zu unterstützen. Vor mehr als drei Jahren wurde das Netzwerk „Flügelschlag — starke Kinder an der Inde“ aus der Taufe gehoben. Zunächst unterstützte der Landschaftsverband Rheinland das Projekt, indem eine halbe Stelle im Jugendamt der Stadt Eschweiler finanziert wurde. Diese Förderung lief in 2015 aus, das Netzwerk besteht allerdings weiter. Zahlreiche Organisationen arbeiten in ihm zusammen, koordiniert werden die Aktivitäten nach wie vor vom Jugendamt der Stadt Eschweiler.

Im Zentrum steht oft, die betroffenen Familien nicht von der Gesellschaft zu isolieren, weil sie sich bestimmte Dinge nicht leisten können. Genau darauf zielt das Bildungs- und Teilhabegesetz. Es wird der Klassenausflug mitbezahlt, werden Schulutensilien angeschafft oder es wird der Vereinsbeitrag für ein Kind übernommen. Das Netzwerk „Flügelschlag“ organisiert darüber hinaus Ausflüge für die Kinder, macht aber auch Angebote für Familien und Alleinerziehende. Erst vor kurzem ging es mit einer größeren Gruppe in den Jülicher Brückenkopfpark. „Diese Angebote sind wichtig, um die Menschen am sozialen Leben teilhaben zu lassen“, betont Eschweilers Jugendamtsleiter Jürgen Termath.

Sozialarbeiter an Schulen

„Kein Kind zurückzulassen“, lautet die Vorgabe. Seit einigen Jahren stehen Schulsozialarbeiter als Ansprechpartner für Kinder, Jugendliche, aber auch Eltern bereit und geben wertvolle Tipps. Diese umfassen auch Hinweise, wo man welche finanzielle Unterstützung zurückgreifen kann. Die Finanzierung der Schulsozialarbeiter an den Grundschulen wird zu 70 Prozent vom Land mitgetragen, nachdem die bisherige Bundesförderung beendet worden war. Den Rest übernimmt die Stadt Eschweiler — so lautet der Ratsbeschluss.

Die Zahl derer, die nicht auf finanzielle Hilfen zurückgreifen, obwohl sie ihnen zusteht, sinkt. An den Schulen und in den Kindergärten weist man Eltern auf die Möglichkeiten aus dem Bildungs- und Teilhabegesetz hin. „Wenn jemand bedürftig ist und sich scheut, dem sage ich: Die Unterstützung vom Staat ist dein gutes Recht, schließlich erlässt dir der Staat auch nicht die Mehrwertsteuer an der Supermarktkasse, weil es dir finanziell schlecht geht“, sagt Thomas Ladwig, der im Rathaus unter anderem das Programm, jedem Kind an den Grundschulen ein Mittagessen zu ermöglichen, betreut und entsprechende Anträge bearbeitet.

Die Zahlen, wie viele Menschen im Rahmen des Bildungs- und Teilhabegesetzes unterstützt wurden, lassen sich nur schwer vergleichen, weil manche Anträge erst zeitversetzt eingepflegt werden. Verschiedene Träger sind an der Vergabe beteiligt: Neben der Stadt Eschweiler stellt auch das Jobcenter Bescheinigungen aus. Im vergangenen Jahr wurden folgende Zuschüsse bezahlt: 159 für Klassenfahrten und Ausflüge (2016 bisher: 128), 326 für Schulbedarf (269), 2 für Fahrtkosten (8), 35 für Lernförderung (13), 103 Teilhabe wie Vereinsbeiträge (101) und 177 fürs Mittagessen (153).

Armut bei Kindern macht sich in den Schulen besonders bemerkbar: „Viele Kinder kommen ohne Frühstück in die Klasse“, sagt Schulamtsleiterin Petra Seeger. Manche Schule bietet ein gesundes Frühstück an. An der Willi-Fährmann-Schule übernimmt die Kosten dafür der Verein „Breakfast for Kids“. Dies ist ein Beispiel, wie sich Ehrenamtler und Spender einbringen, um Kinderarmut zu bekämpfen.

Wer nachgewiesenermaßen als bedürftig gilt, muss an den Schulen auch nicht die kompletten Kosten für das Mittagessen des Kindes übernehmen. In der Berechnung der Hartz-IV-Sätze gehen die Behörden davon aus, dass rechnerisch etwa ein Euro für das Mittagessen benötigt wird. Genau diese Summe müssen Betroffene auch in Eschweiler pro Essen zahlen. Der Rest wird öffentlich gefördert.

Das Jobcenter sicherte im vergangenen Schuljahr in 317 Fällen die Förderung des Mittagsessens an einer städtischen Schule zu. Für das gerade gestartete Schuljahr wurden 297 Zusagen gegeben. Der Stadt Eschweiler bescheinigte im Schuljahr 2015/2016 darüber hinaus 336 Kindern (aktuelles Schuljahr: 166) den Zuschuss für ihr Mittagessen an der Offenen Ganztagsschule. Ladwig geht davon aus, dass die Zahlen für das laufende Schuljahr steigen werden, weil noch nicht alle Anträge vorliegen.

6934 Betroffene im Mai

Die Zahlen des Jobcenter bestätigen, dass in Eschweiler nach wie vor sehr viele Kinder von Armut betroffen sind. Die Statistik zeigt, dass zwar im Mai dieses Jahres die Anzahl der Personen in Bedarfsgemeinschaften in Eschweiler im Vergleich zu Mai 2015 leicht zurückgegangen ist (minus 33), die Anzahl der unter 15-Jährigen im gleichen Zeitraum jedoch anstieg (plus 27). Insgesamt 6934 Personen befanden sich im Mai in SGB-II-Bedarfsgemeinschaften. Davon waren 1844 noch nicht 15 Jahre alt.

Nach Alter aufgeschlüsselt, zeigt sich, dass viele Babys und Kleinkinder schon betroffen sind: 408 bis Zweijährige, 376 zwischen Drei- und Fünfjährige und 1060 Sechs- bis 15-Jährige. Zum Vergleich: Im Vorjahresmonat, dem Mai 2015, befanden sich insgesamt 6967 Menschen in SGB-II-Bedarfsgemeinschaften. Davon zählten 1817 zu den unter Fünfzehnjährigen. Die Aufteilung innerhalb der Altersklasse: 378 bis zu Zweijährige, 400 Drei- bis Fünfjährige und 1039 unter Fünfzehnjährige.

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