Aserbaidschan ist wieder ganz nah: Adam-Ries-Schüler wehren sich gegen drohende Abschiebung zweier Schülerinnen

Aserbaidschan ist wieder ganz nah : Adam-Ries-Schüler wehren sich gegen drohende Abschiebung zweier Schülerinnen

Fast 4800 Kilometer sind es von Eschweiler bis Baku. Aserbaidschans Hauptstadt ist fern. Sherebanju und Zeynab Asjkerova hatten geglaubt, die Stadt am Kaspischen Meer und ihr Leben dort weit hinter sich gelassen zu haben, seit sie 2015 mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder nach Eschweiler kamen. Doch plötzlich ist Aserbaidschan wieder ganz nah. Und alle Träume der beiden Mädchen von einem guten Leben sind Makulatur.

Asker Askerov, der Vater der beiden 15- und 16-Jährigen, war in Baku Journalist. Einer, der sich gegen Folter und Menschenrechtsverletzungen in dem autoritär regierten Staat einsetzt. Das brachte ihm immer wieder Gefängnisaufenthalte ein. Mehr als einmal stürmte die Polizei sein Haus, prügelte auf ihn und seine Frau ein, setzt ihn tagelang ohne Anklage hinter Gitter. Bis Asker es nicht mehr aushielt und mit seiner Familie ausreiste.

Heute lebt er in Eschweilers Innenstadt, hat eine Wohnung auf dem freien Wohnungsmarkt gefunden. Und engagiert sich politisch: Fotos zeigen das Mitglied der Bewegung „Democrazy for Aserbaidschan“ auf Menschenrechtsdemonstrationen in Hamburg, Köln. Mainz und Berlin, vor dem Kanzleramt, im Gespräch mit hochrangigen Vertretern von Oppositionsparteien. „Wir kämpfen in Europa für die Freheit von über 100 grundlos Inhaftierten in Aserbaidschan“, sagt Asker Askerov.

Sein Engagement gegen Aserbaidschans Diktatorenfamilie Oliyev (Sohn Ilham übernahm das Amt von seinem Vater Heyder; jetzt soll Ilhams Ehefrau die autoritäre Familientradition fortführen) ist in Aserbaidschan nicht unbekannt geblieben. „Die Polizei hat auch unseren Großvater immer wieder verhört und eingesperrt, um etwas über unseren Vater zu erfahren“, berichtet die 15-jährige Sherebanu. „Unsere Großmutter konnte das alles nicht mehr ertragen und ist gestorben.“

Im Juli 2015 reisten die Askerovs nach Deutschland; seit August desselben Jahres besuchen Sherebanu und Zeynab die Adam-Ries-Hauptschule an der Jahnstraße. Mit großem Erfolg: Die beiden Mädchen gehörten zu den Besten ihrer Klasse. Zeynab, so berichtet ein Lehrer, schnitt kürzlich in einem Rechtschreibtest als Klassenbeste ab, und auch das jüngste Halbjahreszeugnis weist sie als Klassenbeste aus.

Sprechen perfekt deutsch

Beide Mädchen sprechen perfekt deutsch, sind gut integriert: Ihre Eltern haben deutsche Freunde, mit denen sie einiges unternehmen. Städtetouren zum Beispiel. Sherebanu malt und zeichnet gern; Zeynab ist begeisterte „Leseratte“ – auf Aserbaidschanisch wie auf Deutsch. Und mit der Bergrather Pfarre waren die Beiden in den Sommerferien vergangenen Jahres mit etlichen anderen Jugendlichen eine Woche auf Urlaubstour – in Bad Berleburg.

Ähnliches hatten sie auch für diesen Sommer geplant. Bis ihnen jetzt das Schreiben vom Aachener Verwaltungsgericht ins Haus kam: Der schockierende Inhalt: Bis zum 5. Juli soll die Familie Deutschland verlassen

Für die Familie brach eine Welt zusammen. „Wenn wir nach Baku geflogen werden, erwarten uns dort genau die Leute, vor denen mein Vater geflohen ist. Vater kommt dann sofort ins Gefängnis“, sagt Zeynab.

Und sie weiß auch, was sie, ihre Schwester und ihr neunjähriges Brüderchen Abalfazl erwartet: „Wir haben kein Haus mehr, das Haus, das mein Vater 2005 gebaut hat und für das er zehn Jahre lang immer alle Steuern bezahlt hat, hat die Regierung unter einem falschen Vorwand beschlagnahmt. Und zur Schule können wir auch nicht gehen. Das Schulsystem in Aserbaidschan ist ein völlig anderes als das in Deutschland. Bei uns muss man viel, viel, viel Geld bezahlen, damit die Lehrer einen gut unterrichten.“ Geld, das die Familie mangels Einkommen und Haus nicht mehr hat.

Mitschüler Daniel Müller bringt es auf den Punkt: „Die Familie hat von Deutschland aus gegen das aserbaidschanische Regime gearbeitet. Die gelten dort als Verräter. Wenn die zurückkehren, ist deren Leben gelaufen.“

Das wollen Zeynabs und Sherebanus Mitschüler verhindern. Am Mittwoch haben sie eine Unterschriftaktion für den Verbleib der Familie gestartet. „Die ganze Klasse zieht da mit; alle wollen helfen. Da ist keiner, der möchte, dass sie gehen.“

Die Zeit drängt

Der türkische Anwalt, den Asker Askerov um Hilfe gebeten hat, kommt aus Nürnberg. Viel geholfen hat er bisher nicht. „Er will versuchen, zu erreichen, dass wir einen neuen Asylantrag stellen dürfen“, berichtet der frühere Journalist. Zurzeit allerdings ist der Anwalt in der Türkei, wo er Wichtiges zu erledigen habe.

Die Zeit drängt. Bis zum Abschiebedatum sind es nur noch neun Tage. Die Familie befürchtet, dass der Anwalt zu spät kommt. Jetzt hat sie sich an die Caritas gewandt, die ihr Ersatz besorgen will. Ende offen.

„An Unterstützung mangelt es nicht“, sagt Mitschüler Daniel Müller. „Wenn die beiden Mädchen hierbleiben könnten, dann wäre das eine Bereicherung für Deutschland.“

Ob das alle so sehen, darf bezweifelt werden. Der stellvertretende Schulleiter der Adam-Ries-Schule unterband am Dienstag rigoros ein Gespräch unserer Zeitung mit den Schülern, zu dem deren Klassenlehrer unsere Redaktion eingeladen hatte, und verwies unseren Redakteur des Schulgeländes. Man könne das Gespräch ja auf der Straße führen. Im Stehen und bei 37 Grad im Schatten.

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