Eschweiler: 71 Postkarten zeugen von Gräueltaten der Nazis

Eschweiler: 71 Postkarten zeugen von Gräueltaten der Nazis

Die letzte Postkarte, die Frieda Meyer an ihren Sohn Leopold schreibt, ist vom 22. März 1942. Es sind nur wenige, hastig mit Bleistift gekritzelte Zeilen: „Für heute, lieber Leopold, nun ein Lebewohl. Wir reisen heute ab, der liebe Simon und ich. Großmutter und Tante Sofie werden Dir schreiben.“

Der 22. März 1942 ist der Tag, an dem der Zug „Da 17“ mit verschlossenen Türen nach Polen ins Ghetto Izbica fährt. Unter den tausend Opfern aus dem Rheinland, die drei Tage lang ihrem Tod entgegenrollen, sind auch viele Eschweiler Juden: die Blechs, die Elkans, das Ehepaar Zander von der Rosenallee, die alte Frau Heumann aus Röthgen. Und auch die Witwe Frieda Meyer aus der Bachstraße 8 mit ihrem Sohn Simon. Wenige Wochen später werden sie von Izbica aus in ein Vernichtungslager gebracht und ermordet.

Elternhaus an der Bachstraße

Leopold Meyer, damals 27 Jahre alt und wenige Jahre zuvor noch Inhaber des in der Pogromnacht 1938 zerstörten Spielwarenladens „Haus zur Micky-Maus“ an der Uferstraße 5 in Eschweiler, hat die Postkarten seiner Mutter bis an sein Lebensende aufbewahrt. 1946 kehrte er aus Belgien nach Eschweiler zurück. Er setzte das Haus seiner Eltern in der Bachstraße instand, handelte wieder mit Spielwaren und heiratete eine Eschweilerin, Elfriede Conrads. Als er 1974 starb, hob seine Frau das kleine Päckchen Postkarten und ein paar weitere Dokumente auf, nahm sie bei jedem Umzug mit. Erst als Elfriede Meyer vor wenigen Jahren und kurz vor ihrem Tod in ein Seniorenheim an der Englerthstraße zog, übergab sie die Andenken einem alten Freund der Familie. Beim Aufräumen fand dieser vor wenigen Wochen den Umschlag mit dem schmalen schriftlichen Nachlass wieder.

An die zerstörten und geplünderten Auslagen des Spielwarengeschäfts „Haus zur Micky-Maus“ am Morgen des 10. November 1938 können sich noch einige Eschweiler erinnern, die damals Kinder waren. Zum Beispiel der spätere Schulrektor Zeno Prickartz: „Es wurde alles geklaut, was da draußen lag!“ Geschäftsinhaber Leopold Mayer sollte an diesem Tag, wie neun andere jüdische Geschäftsleute aus Eschweiler, ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht werden. Er versteckte sich auf dem Speicher seines Elternhauses in der Bachstraße und wurde nicht entdeckt.

Von diesem Moment an wird ihm klar gewesen sein, dass er in Deutschland seines Lebens nicht mehr sicher ist. Er reiste nach Stuttgart, um im Amerikanischen Konsulat ein Visum zu beantragen. Doch die Warteliste dort war sehr, sehr lang. Er hatte die Nummer 39573 auf dieser Liste. Nachdem die Eschweiler Polizei ihn vier Tage lang ohne Begründung eingesperrt hatte, entschloss sich Meyer, nach Belgien zu fliehen. Am 31. März 1939 fuhr er nach Brüssel, ohne Geld und ohne Pass. Den hatte man ihm vorher abgenommen. Seiner Schwester Gerda gelang die Flucht nach England und von dort aus in die Vereinigten Staaten von Amerika.

Quer durch Belgien

Sein abenteuerlicher Weg führte Leopold Meyer quer durch Belgien, er lebte in Flüchtlingslagern und in einem alten Schloss, er entkam der Deportation nach Frankreich, durchquerte die Front der deutschen Armee, arbeitete als Hausdiener bei feinen Leuten, als Bergmann in einer Steinkohlenzeche und als Koch in einer Armenküche. Schon bei der Flucht 1939 muss er mit seiner Mutter vereinbart haben, dass man sich regelmäßig jede Woche schreibt. Die jetzt gefundene Serie von Postkarten beginnt aber erst im Juli 1940, einige Wochen nach der Kapitulation Belgiens — das neutrale Land war im Mai von deutschen Truppen überfallen worden. „Endlich habe ich gottlob wieder eine Nachricht! Meine Freude kann ich Dir nicht beschreiben!“ beginnt die erste der 71 Postkarten von Leopolds Mutter. Nur ihre Karten sind erhalten, nicht die Antworten ihres Sohnes, auch nicht die vielen Briefe, die beide ebenfalls wechselten.

Auf den ersten Blick wirken die Texte der Postkarten belanglos. Mal ist das Wetter schlecht, mal ist es besser, man wünscht sich „Gut Schabbes“ und versichert, dass alle gesund sind: „Hoffentlich befindest Du Dich bei bester Gesundheit, gleiches gottlob auch von uns berichten kann.“ Kein Wort über Politik und Krieg, kein Wort über die Schikanen, die immer mehr und härter werden, kein Wort über den Judenstern, den Frieda Meyer ab September 1941 tragen muss.

Doch der Ton der Postkarten täuscht. Zum einen durfte Frieda Meyer nichts schreiben, was auf die tatsächliche Lage ihrer Familie hinwies. Rote Stempel auf jeder Karte machen klar, dass es aufmerksame Mitleser gab: „Geprüft! Oberkommando der Wehrmacht.“ Zweitens aber finden sich versteckt in den Texten doch Hinweise auf die wirkliche Befindlichkeit: Den Juden in Eschweiler ging es von Monat zu Monat dreckiger.

Zuerst kommen die Postkarten noch aus Eschweiler, Bachstraße 8, oder aus „Mausbach über Stolberg“, wo Frieda Meyer die halbseitig gelähmte und bettlägerige Martha Imberg pflegt. Für ihren damals 17-jährigen Sohn Simon hat sie einen Arbeitsplatz bei einem Bauern in Gressenich besorgt — die Arbeitsämter in Stolberg und Eschweiler schicken sie deswegen hin und her, aber die resolute Mutter setzt sich durch. Im März 1941 kommt die „Nachricht, dass Simon zum Straßenbau muss“. Da hilft auch kein Gesuch des Landwirts aus Gressenich.

Simon Meyer arbeitet nun gemeinsam mit rund 30 anderen zwangsverpflichteten Juden an der Straße zwischen Friesenrath und Roetgen in der Eifel, der „Himmelsleiter“. Die Zwangsarbeiter wohnen in einem Lager in Aachen-Walheim — Frieda Meyer fährt immer wieder dort hin, steckt ihrem Sohn Essen zu, wäscht seine Kleider. Im April 1941 wird ihr mitgeteilt, sie müsse das Haus in der Bachstraße räumen. Sie und ihre Verwandten, also ihre Schwester Sofie und ihre Mutter Zilly Wolf, sollen in ein Judenhaus ziehen. Vorher müsse sie die Räume renovieren. In den Postkarten findet man davon Andeutungen: „Wir haben zwei schwere Wochen hinter uns. Wir sollten umgezogen sein, aber wir können vorerst wieder bleiben.“

Im Juli geschieht es dann doch. Alle noch in Eschweiler lebenden Juden werden gezwungen, in das beschlagnahme Pfarrheim am Friedhof in Pumpe-Stich zu ziehen. „Es sind hier einige Herde, es kochen immer mehrere Familien zusammen, wir sind bei Falkensteins aus Stolberg und Familie Sperber.“ Verzweifelt sucht Frieda Meyer nach einer Möglichkeit, doch noch zu emigrieren: „Diese Woche sind Lewys ausgewandert, Paul ist gut in Neujork angekommen. Ich wollte, wir hätten auch irgendeine Möglichkeit, dass wir fort könnten.“ Ihre Schwester Sofie wird krank, das Eschweiler Krankenhaus weist sie als Jüdin ab. Frieda Meyer bringt sie nach Köln, in das jüdische Krankenhaus und Altenwohnheim. Dort wird Sofie Wolf zwar behandelt, darf aber nicht wohnen bleiben. Die Krankenkasse zahlt das nicht für Juden.

Als die Straße nach Roetgen fertig ist, kommt Simon Meyer in ein Lager in Stolberg. Dort sind es nun 90 Zwangsarbeiter, die in örtlichen Fabriken schuften. Die Juden in dem Heim am Friedhofsweg erfahren, dass sie umquartiert werden, in die „Thiegsche Villa“. Das sind winzige Reihenwohnungen in einem Backsteinbau an der Stolberger Straße 259, fast schon in der Nachbarstadt.

Und dann kommt ein ganz unscheinbarer Satz, auf einer Postkarte vom 9. November 1941: „Es sind wieder kalte Tage, und es ist für die Leute auch schlimm, die verreisen.“ Dieser Satz bedeutet: Die Eschweiler Juden wussten schon im November 1941, was auf sie zukommt. Wohl noch nicht, dass sie alle ermordet werden, aber dass sie deportiert werden, weit weg. Denn am 22. Oktober, keine drei Wochen vorher, waren aus Köln zum ersten Mal Juden deportiert worden, und in diesem ersten Transport saßen auch zwei Frauen aus Eschweiler, die Witwe Adele Randerath und ihre Tochter Hedwig. In der nächsten Postkarte an ihren Sohn Leopold wird Frieda Meyer gefährlich deutlich: „Wenn Du zu Herrn Weil kommst, der weiß, wo Randeraths hin sind.“

Die Hiobsbotschaften häufen sich: „Von Onkel Moritz Nachricht bekommen, dass er mit Familie und vielen anderen weg ist. Hoffentlich bleibt bei uns noch alles beim Alten.“ Übersetzt: Hoffentlich werden wir nicht so bald abgeholt.

Durch Eis und Schnee

Es bleibt nur noch wenige Monate „alles beim Alten“. Frieda Meyer lebt mit drei anderen Familien zusammen in einer winzigen Wohnung. Sie geht jeden Tag durch Eis und Schnee kilometerweit bis nach Eschweiler, um für die Juden in dem Lager am Stadtrand einzukaufen, sofern es für sie etwas gibt in den Läden: „Ich war alle Tage raus, da man so oft vergebens geht, dazu noch die schreckliche Kälte.“ Als seine Mutter schreibt, dass sie einen „schlimmen Finger“ hat, der in der Kälte weh tut, treibt Leopold Meyer sofort einen einzelnen Handschuh auf und schickt ihn als Einschreibepäckchen. Ihre Dankeskarte ist eine der letzten, die Leopold erreicht.

Dann kommt die 71. Karte: ein Lebewohl für immer. Frieda und Simon Meyer werden abgeholt und deportiert. Die nächsten Postkarten schreibt Leopolds Tante Sofie: „Deine Lieben sind am 22. März abgereist.“ Und: „Heute sind die zurück gebliebenen Sachen abgeholt worden. Im Laufe der Woche werden die leeren Wohnungen wieder bezogen.“ Auch Tante Sofie und Leopolds Großmutter Zilly haben nicht mehr lange zu leben. Am 15. Juni 1942 rollt der Zug „Da 22“ mit ihnen und 1001 weiteren Juden aus dem Rheinland direkt zum Vernichtungslager Sobibor im heutigen Polen.

Die allerletzte Postkarte in dem kleinen Stapel vergilbter Liebesgrüße stammt von Leopold Meyer selbst. Sie ist adressiert an seine Großmutter und voller Besorgnis: „Ich habe nichts mehr von Euch gehört.“ Die Adresse ist von fremder Hand durchgekritzelt, und schräg drüber steht lediglich: „An Absender zurück. Verzogen unbekannt.“

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