Eschweiler: 50 Jahre Städtische Musikgesellschaft: Beim Finale wackeln die Kirchenwände

Eschweiler: 50 Jahre Städtische Musikgesellschaft: Beim Finale wackeln die Kirchenwände

Großes Kino, großes Theater, großartige Musik! Die Städtische Musikgesellschaft hat sich und alle Musikliebhaber der Stadt und Umgebung zu ihrem 50. „Geburtstag“ mit einem in vielfacher Hinsicht außergewöhnlichen Konzert beschenkt.

Die Sängerinnen und Sänger des Chors sowie die Instrumentalisten des Orchesters bezauberten am Samstagabend unter der Gesamtleitung von Jeremy Hulin in der vollbesetzten Pfarrkirche St. Peter und Paul mit im wahrsten Sinne des Wortes stimmungsvollen Interpretationen von Joseph Haydns meisterlicher Sinfonie Nr. 104 in D-Dur sowie der berührenden Kantate „Saint Nicolas Op. 42“ von Benjamin Britten.

gbhrh Foto: Andreas Röchter

Dabei erfreuten sich die Musiker des Ensembles, das 1967 aus der Fusion der bereits 1862 ins Leben gerufenen „Musikalischen Gesellschaft“ mit der 1948 gegründeten „Städtischen Musikvereinigung“ entstand, stimmgewaltiger Unterstützung aus zahlreichen Richtungen. Der Mädchenchor des Städtischen Gymnasiums, Simon Lingemann und Mascha Wunsch als mit Abstand jüngste Gesangsprotagonisten des Abends sowie natürlich Tenorsolist Luke Mitchell verliehen dem Ereignis eine ganz besondere Note, die von Tomoko Yoneyama und Adeline de Lange vierhändig am Klavier sowie durch Kirchenmusiker Kristofer Kiesel an der Orgel noch einmal eine feine Akzentuierung erlebte.

Das Orchester und Chor der Städtischen Musikgesellschaft überzeugten unter der Leitung von Jeremy Hulin das Publikum vollständig. Als Solist brillierte Tenor Luke Mitchell (rechts unten) meisterhaft. Foto: Andreas Röchter

Doch damit (noch lange) nicht genug: Ganz im Sinne Benjamin Brittens wurden auch die Konzertbesucher mit in das gesangliche Geschehen einbezogen. Und so begleitete das Publikum unter der professionellen Anleitung von Jeremy Hulin aktiv den Heiligen Nikolaus auf seinem Gott gewidmeten Lebensweg.

„Für Benjamin Britten war es sehr wichtig, dass möglichst viele Menschen seine Musik genießen können“, brachte Jeremy Hulin den Konzertgästen seinen Landsmann (1913 bis 1976) näher. „Es ist übrigens natürlich reiner Zufall, dass beide heute zur Aufführung kommenden Werke in England komponiert wurden“, stellte der Engländer vor dem ersten Takt der „Saint Nicolas“-Kantate augenzwinkernd klar.

Zuvor hatte das Orchester bereits die „Sinfonie Nr. 104, D-Dur“ von Joseph Haydn auf mitreißende Art und Weise zu Gehör gebracht, die auf Grund ihres Entstehungsortes auch den Beinamen „London“ trägt und mit der der 1732 in Österreich geborene Komponist, laut Jeremy Hulin „der größte Musiker seiner Zeit“, im Jahr 1795 vielleicht den Höhepunkt seines Schaffens erreichte. Von den in Moll erklingenden machtvollen fanfarenartigen Auftakten im 1. Satz (Adagio - Allegro) über die Variationen und überraschenden musikalischen Einfälle in den Sätzen 2 und 3 (Andante sowie Menuetto) bis zum kunstvoll ausgestalteten Schlusssatz, den unter anderem Hörner und Celli prägen, boten die Instrumentalisten den Gästen einen Hörgenuss, der Lust auf mehr machte.

Nach kurzer Pause begaben sich alle dann auf den Weg, das Leben des Heiligen Nikolaus, der im 4. Jahrhundert als Bischof von Myra in der heutigen Türkei wirkte, in englischer Originalsprache nachzuzeichnen. Während der „Einleitung“, in der Nikolaus die Gemeinde beschwört, beständig im Glauben zu sein, ließ Tenorsolist Luke Mitchell erste Kostproben seines großen Könnens hören. Ergreifend geriet die anschließende „Geburt von Nikolaus“, zu der der Mädchenchor des Städtischen Gymnasiums stimmsicher in das Geschehen eingriff, während sich Simon Lingemann als (sehr) junger Nikolaus und Luke Mitchell als erwachsenes Pendant wunderbar ergänzten, Gott zu loben.

Nach einem packenden Tenorsolo, in dem Luke Mitchell das durchaus mühsame Ringen von Nikolaus, sein Leben Gott zu weihen, einfühlsam darstellte, begaben sich alle Mitwirkenden auf eine zunächst stürmische „Reise nach Palästina“. Dramatisch beklagten in der Schlussphase der Kantate Chor und Orchester den nahenden Tod des zukünftigen Heiligen. Dieser sieht dem Ende seines irdischen Lebens aber gelassen und mit der Gewissheit auf neues Leben entgegen.

Dem impulsiven Zusammenspiel von Orchester und Klavier folgte ein gelungener Übergang zu ruhigen, beinahe stillen Orgeltönen. Die Ruhe vor dem Klangsturm: Denn in den abschließenden Choral stimmten unter dem von Jeremy Hulin zuvor ausgerufenem Motto „raise the roof“ („bringt die Wände zum wackeln“) wirklich alle Protagonisten samt Publikum ein. Ein fantastischer Augenblick, während dem alle Säulen und Wände der Pfarrkirche St. Peter und Paul, die einmal mehr ein wunderschönes Konzertambiente bot, ihre Standfestigkeit unter Beweis stellten. Genauso beim sich anschließenden donnernden und im Stehen dargebrachten Applaus, der alle Mitwirkenden zu Recht belohnte.

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