Eschweiler: 451 Senioren in Eschweiler können von Rente nicht leben

Eschweiler: 451 Senioren in Eschweiler können von Rente nicht leben

Die Zahl der Menschen, deren Rente nicht mehr zum Lebensunterhalt genügt, steigt deutlich: Am 31. Dezember des vergangenen Jahres bezogen 451 Senioren, die das 65. Lebensjahr erreicht haben, die sogenannte „Grundsicherung im Alter“.

Etwa zehn Jahre zuvor lag diese Zahl noch bei 289 Personen. Die Kosten haben sich in diesem Zeitraum auf rund vier Millionen Euro mehr als verdoppelt. Bürgermeister Rudi Bertram sieht einen entscheidenden Grund für diese Entwicklung: „Die Menschen verdienen in ihrer Berufszeit zu wenig Geld, das schlägt sich dann auf die Rente nieder.“ Zudem nimmt die Zahl der Senioren zu. Der sogenannte demografische Wandel schlägt sich also auch in der Entwicklung der Altersarmut nieder. Der Verwaltungschef geht also davon aus, dass die Zahl der Hilfsbedürftigen weiter steigt.

Die Stadt Eschweiler steht in dieser Frage vor großen Herausforderungen. So werden die Wohnungen für ältere Menschen knapp. Zwar tritt die Städteregion Aachen als Träger der Sozialhilfe zunächst auf, die Kosten für die „Grundsicherung im Alter“ werden aber seit dem Jahr 2014 komplett vom Bund übernommen. Das Sozialamt der Stadt Eschweiler übernimmt die Aufgaben zur Grundsicherung, damit für die Betroffenen ein Ansprechpartner unmittelbar vor Ort sitzt. Die Personalkosten muss die Kommune selbst aufbringen, denn mit dem Antrag alleine ist die Beratung nicht erledigt.

Per Gesetz muss der Bedürftige unterstützt und aktiviert werden. „Dazu zählt auch eine Budgetberatung oder die Vermittlung an eine Hilfestelle wie die Schuldner- und Energieberatung oder einen Pflegestützpunkt“, sagt der Sozialdezernent Stefan Kaever. Derzeit beschäftigen sich sechs Vollzeitstellen mit der Gewährung von Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch XII Grundsicherung im Rathaus. Dies ergibt jährliche Personalkosten von etwa 300.000 Euro.

Vor allem Frauen sind im Alter von Armut bedroht und sind ohne eigenes Verschulden plötzlich auf finanzielle Unterstützung angewiesen, wie das Beispiel der 67-jährigen Annemarie W. zeigt: Nach dem Tod ihres Mannes muss sie ihre Nebentätigkeit mit einer Einnahme von 450 Euro aufgeben. Ihre Witwenrente und ihre eigene Altersrente ergeben eine Summe von 410,71 Euro, mit der sie auch die Warmmiete ihrer 52-Quadratmeter-Wohnung in Höhe von 389,57 Euro bezahlen soll. In ihrer eigenen Altersrente wurde die Erziehungszeit ihrer beiden Kinder eingerechnet. Das Sozialamt stellte einen Grundsicherungsanspruch von 382,86 Euro fest.

Die meisten Senioren, die Grundsicherung im Alter beziehen, verfügen über eine eigene Rente, die allerdings nicht ausreicht. Das Durchschnittseinkommen lag im Januar bei etwa 550 Euro. Lediglich sieben Betroffene verfügten über kein Einkommen. In der Eschweiler Stadtverwaltung stellt man fest, dass der Bildungsstand bei der Altersarmut nicht die entscheidende Rolle spielt: „Immer wieder fallen auch Freiberufler und Selbstständige, die nicht oder nicht ausreichend in die Rentenkasse eingezahlt haben, in die Grundsicherung im Alter, auch Akademiker sind betroffen“, berichtet Kaever.

Was auch die Sachbearbeiter im Sozialamt betroffen macht, ist die Tatsache, dass die Menschen „manchmal noch nicht einmal den Euro für eine Tasse Kaffee in einem Café in der Innenstadt ausgeben können“. Die Ursachen für die Altersarmut könne die Kommune jedoch nicht bekämpfen.

„Dies ist ein gesellschaftliches Problem, es müsste eigentlich ein Aufschrei durchs Land gehen“, meint Bürgermeister Rudi Bertram. Vor allem die Diskussionen über Löhne und deren Höhe würden ihn verärgern. „Jeder Cent, den die Unternehmen bei den Lohnkosten sparen und der weniger in die Rentenkasse fließt, fehlt anschließend“, sagt er. Bezahlen müsse das letztlich der Bürger über Steuererhöhungen.

Bei der Schuldnerberatung des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in der Peilsgasse ist die wachsende Altersarmut tagtäglich spürbar. „Sie trifft alle Bevölkerungsschichten“, sagt Carmen Rosendahl-Küpper vom SkF. Sie bestätigt die Zahlen der Stadtverwaltung. Vor allem seien Frauen, die als Witwe nur noch 60 Prozent der Rente ihres Mannes erhalten, betroffen. Zunehmend auch ehemalige Selbstständige, also Männer. Bei dieser Klientel komme auch noch hinzu, dass die private Krankenversicherung nicht mehr gezahlt werden könne. „Die Menschen fallen dann in die Notfallversorgung“, berichtet sie. Sie propagiert darum, dass alle Menschen in die Renten- und Gesundheitskasse zahlen und sich so an der Solidargemeinschaft beteiligen. „Dies ist eine Aufgabe der Politik, die schnell angegangen werden muss“, fordert sie.

In Eschweiler sind die Kosten für die Grundsicherung, zu der auch die 330 Personen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren zählen, die Zahlungen wegen dauerhafter Erwerbsminderung beziehen, binnen zehn Jahren von 1,9 Millionen auf über vier Millionen Euro gestiegen. Bertram geht davon aus, dass die Altersarmut in Zukunft weiter zunimmt und damit auch die Sozialausgaben steigen. Er fordert deswegen einen „Systemwechsel“. „Wir müssen zur Solidargemeinschaft zurückkehren, was bedeutet, dass sich alle Berufsgruppen an der Finanzierung der Rente beteiligen müssen“, sagt er. Damit spricht er nicht nur die Selbstständigen an, die ihren Beitrag freiwillig leisten können, sondern auch die Beamten.

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