Eschweiler: 25 Jahre Brings: Es gibt noch viel zu tun

Eschweiler: 25 Jahre Brings: Es gibt noch viel zu tun

„Es ist schwer, bekannt zu werden. Aber noch schwerer ist, das 25 Jahre lang zu bleiben“, sagt der Mann mit dem Pferdeschwanz. Peter Brings weiß, wovon er spricht: Er hat‘s geschafft. Wie — das verrieten er und sein Bruder Stefan jetzt beim VIP-Talk in der Tenne von Haus Kambach.

Und machten dabei den Moderatoren Max Krieger und Wolfgang Habedank sowie dem gefesselten Publikum klar, dass 25 Jahre Brings durchaus nicht immer n superjeile Zick waren.

Begeisterten ihr Publikum in Kambach mit der Premiere des von ihrem Bruder Benjamin geschriebenen Songs „Indianerland“: Peter (links) und Stefan Brings. Foto: Rudolf Müller

Begonnen hat alles im heimischen Gartenhäuschen. Als Nachwuchs-Rockband mit englischen Songs. „Aber unser Vater war Englischlehrer, kam in unseren Proberaum und fragte: ,Wat singt ihr da? Et wör vielleich besser, wenn ihr in ‚ner Sproch sengt, die mer versteht.“ Ein paar Jährchen später, als aus den Rockern längst Kölsch-Rocker geworden war, nahm BAP-Gitarrist Klaus „Major“ Hauser die Jungs mit in ein Studio in Brüssel. „Nebenan spielten Robert Smith und The Cure. Wir konnten‘s nicht fassen. Ich glaub‘, wir sind auch ein bisschen durchgedreht...“ Für das in Brüssel aufgenommene Album „Zwei Zoote Minsche“ (Zwei Sorten Menschen) brauchte die Band einen Namen. „Alles, was wir uns überlegten, klang irgendwie nach Karneval. Schließlich haben wir einfach unseren Familiennamen auf den Umschlag geschrieben.“

Die Platte erschien bei EMI Electrola. „Auf diesem Label stand sonst unter dem Firmenlogo Elvis Presley oder Beatles. Jetzt stand da Brings! Das war unfassbar“, sagt Peter. Was folgte, war der erste Auftritt im Kölner Rockschuppen Luxor. „Wir fangen an zu spielen, und die Leute singen unsere Lieder! Das war ein Gefühl, das ist mit Sex nicht zu toppen!“

50.000 Mal verkaufte sich das Album in der vordigitalen Vinylzeit — heute eine undenkbare Zahl. „Damals arbeiteten bei der EMI in Köln auch noch 500 Leute Leute“, erinnert sich Peter. „Heute sind es ganze drei.“

25 Jahre ist das her. Heute ist Brings längst Kult. Und macht nicht nur durch ihre Songs, sondern auch durch ihr politisches und gesellschaftliches Engagement auf sich aufmerksam. Zum Beispiel gegen Rechts. „Manchmal denke ich, diesem braunen Sumpf wird viel zu viel Aufmerksamkeit gewidmet, das wertet die nur auf. Aber möglichst viele öffentliche Bekenntnisse gegen rechte Gesinnung drängen diese Leute ins soziale Aus“, sagt Peter Brings. Und fügt an: „Ich warte darauf, dass unsere Kanzlerin endlich mal was sagt. Aber da kommt nichts.“ Applaus.

Seit vielen Jahren setzen sich Brings auch für den Kampf gegen Blutkrebs ein. Zum 25-Jährigen gibt es eine Kooperation mit der Deutschen Knochenmark-Spenderdatei, die ebenfalls 25 Jahre alt wird. Bis zum Jubiläumskonzert am 4. Juni kommenden Jahres im Kölner Rhein-Energie-Stadion will Brings möglichst viele Neuspender und Unterstützer mobilisieren — beim Konzert soll dann die Zahl, hoffentlich eine Rekordzahl, bekanntgegeben werden. Einen Rekord in Zusammenhang mit dem Jubiläumskonzert gibt es schon jetzt zu vermelden: Zum Ticket-Verkaufsstart war der Innenraum nach 10 Minuten (!) ausverkauft, zwei Stunden später waren bereits 35000 Karten verkauft.

Beim Konzert zum 20-jährigen Bandbestehen füllten fast 50.000 Fans das Stadion, obwohl es pünktlich zum Konzertbeginn wie aus Eimer zu schütten begann „und Nina Hagen neben mir total blau war“, wie Peter Brings verrät. „Es war ein toller Erfolg!“

Ist es ein großer Unterschied, vor Tausenden von Leute oder in einem kleinen Club zu spielen? „Klar: In einem großen Konzert hast du unglaublich viele Leute neben dir, die alle funktionieren müssen — vom Mann, der die große LED-Bildwand steuert bis hin zum Kollegen am Monitor. Monitorboxen gibt‘s heute nicht mehr, das geht alles über den Knopf im Ohr. Und wenn dann ein Kollege am Mixer mal fünf Kölsch gezuppt hat und das Ding voll aufdreht, hast du einen Problem...“ weiß Stefan.

Seit „Superjeile Zick“ sind die Rocker von einst, die sie auch heute noch gerne sind, auch im Karneval angekommen. Obwohl der Song gar nicht als Fastelovendsbeitrag gedacht war. „Superjeile Zick war revolutionär. 20 Jahre lang hatte sich die Karnevalsmusik in Köln im Kreis gedreht. Jetzt kamen wir daher und benutzten die Sprache der Straße. Die Jungen fanden‘s toll, und die Alten hörten nur ,Och, wat wor dat fröjer schön...‘, erinnert sich Peter Brings. „Die Alten in den Sälen fanden unsere Musik alles andere als toll. Bis wir dann ,Nur nicht aus Liebe weinen‘ und ,Man müsste noch mal 20 sein‘ ins Programm einbauten. Da hatten wir sie.“

Dem Karneval haben sie viel zu verdanken: „Wir sind alle ganz normale Familienväter mit allen Nöten und Ängsten. Nach zehn Jahren Karneval waren wir soweit, dass wir unsere Bausparverträge ablösen konnten und zum ersten Mal seit unserem Zivildienst regelmäßige Einkommen hatten. Das war mit ein Grund, weshalb wir im Rhein-Energie-Stadion Danke sagen wollten. Wobei uns klar war: Wenn dat nit klappt, können wir nach Düsseldorf ziehen!“

Ihr Markenzeichen nicht nur im Karneval sind rotschwarze Schottenkaros. Peter Brings, Schlagzeuger Christian Blüm (ja: der Sohn von Norbert Blüm), Gitarrist Harry Alfter und Keyboarder Kai Engel (genau: der Sprössling von Tommy Engel) tragen Hosen, Stefan einen Kilt. „Bunte Bühnen, bunte Deko — wir wollten einfach besser erkennbar sein“, begründet Peter Brings das Outfit. „Mit Schottland oder Geiz und so hat das nichts zu tun.“ Und auf die Frage von Moderator Max Krieger, ob er unter dem Schottenrock noch anderes trage, sagt Stefan: „Einen Schotten darfst du das nicht fragen, das gibt richtig Ärger. Aber wenn du in Vettweiß im Zelt spielst, ziehst du besser was drunter an!“

Das hat auch damit zu tun, dass Karnevalsauftritte weitaus „intensiver“ sind als andere Konzerte. Bei Letzteren ist die Band abgeschottet, verbringt die Zeit bis zum Auftritt in für sie reservierten Räumen — „im Karneval bist du nie allein, da stehst du im Foyer unter Jecken und wartest, manchmal zwischen Besoffenen. Da kann es vorkommen, dass man dir die Klamotten wegzureißen versucht oder dich an den Haaren zieht. Das ist enorm stressig“, sagt Peter Brings. Dennoch ist auch das ihre Welt. „Wir sind eine kölsch singende Band. Das hat Grenzen. Wir werden niemals in New York spielen“, sagt Stefan. Und bedauert gleichzeitig wie sein Bruder, dass Kölsch eine aussterbende Sprache ist.

„Das spricht heute kaum noch jemand. Schon uns wurde damals gesagt: ,Jung, sprich huchdütsch. Dat Kölsch verrät ding proletarische Herkunft. Un jetzt jangk un mach die Pooz zo.“ „Wir sind die letzte Generation ,native speaker‘, bedauert Peter Brings. Und spart nicht mit kritischen Anmerkungen: „Bei jungen Bands wird Kölsch vermillowitscht, wird zur glattgebügelten Folklore. Die sprechen diese Sprache gar nicht. Und auch deren Väter und Opas haben die nie gesprochen.“

Auch in der Band ist reines Kölsch eher die Ausnahme. „Wenn Stefan und ich uns op Kölsch verzälle, kommt der Herr Blüm, dessen Vatter aus Rüsselsheim stammt, und meint, er müsse auch kölsch reden. Da haste zwei Minuten spät Schlägerei...“

Bis zu 300 Auftritte im Jahr absolviert die Band. Und was tut ein kölscher Profimusiker sonst? „Aufstehen ist um 11 Uhr 11, und dienstags, donnerstags und freitags ist frei“, flachst Stefan. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Am Wochenende stehen Auftritte an, montags ist grundsätzlich Ruhetag. „Wir sind alle Familienväter, teils mit schulpflichtigen Kindern“, berichtet Stefan, der jeden Morgen um halb sieben mit den Pänz aufsteht. Tagsüber wird dann der Familienalltag gemanagt, ehe es um 18 Uhr in den Probenraum geht. „Dann ist aller Familienkram erledigt, und alles ist viel lockerer.“ Obschon: „Die Band ist wie ‚ne zweite Familie“, betont Stefan. „Da gibt‘s Eifersüchteleien und Fremdgehen und ‚Wer hat den Längsten‘. 25 Jahre zusammenzubleiben und sich gut zu verstehen, das ist schon was.“

Und wo schlägt ihr musikalisches Herz heute? Karneval oder Rock? Peter: „Natürlich sind wir heute etwas anders unterwegs als vor 25 Jahren. Aber wir machen Musik, die uns gefällt und hinter der wir stehen. Wir haben schon Disco, Pop, Rock und Polka gemacht. Wir wollen uns in keine Schublade stecken lassen, dafür gibt es noch viel zu viele Musikrichtungen, die wir nicht ausprobiert haben!“ Vielleicht sieht man Brings ja doch noch in New York.

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