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Eschweiler: 25 Euro Zuzahlung für 2,50-Euro-Arznei

Eschweiler : 25 Euro Zuzahlung für 2,50-Euro-Arznei

„Sehr geehrte Frau Ministerin! Ich fühle mich abgezockt, über den Tisch gezogen, benachteiligt und getäuscht!” In einem dreiseitigen Brief an Gesundheitsministerin Ulla Schmidt schildert ein Kassenpatient, wie er für ein Medikament, das Ärzte für 2,50 Euro erhalten, 25 Euro zuzahlen musste.

Am Ende des langen Briefes gibt der Mann aus Eschweiler - nennen wir ihn Karl - sein SPD-Parteibuch zurück.

Eine Zuzahlung, die zehn Mal so hoch ist wie der Preis der Arznei? Wir haben die Angaben des Patienten überprüft - sie stimmen.

Nicht die einzige Ungereimtheit

Und es nicht die einzige Ungereimtheit der Gesundheitsreform, versichert der Pressesprecher der Apotheker im Kreis Aachen, Martin Katzenbach: „Ich könnte ihnen stundenlang über chaotische Regelungen erzählen!”

Bei dem Medikament mit der Extrem-Zuzahlung handelt es sich um das Schmerzmittel Piroxicam, das unter dem Namen „Pirox” in Ampullen zum Spritzen erhältlich ist. Besonders gegen Rückenschmerzen wird es eingesetzt.

Menschen mit Rückenschmerzen gibt es viele - Piroxicam-Ampullen waren „voriges Jahr ein Renner”, sagt Apotheker Katzenbach. Künftig seien es Ladenhüter.

Fünf Euro pro Ampulle

Wieso? Das erklärt die Geschichte unseres Patienten. Beziehungsweise seiner Frau. Die bekam von ihrem Arzt ein Rezept über fünf Ampullen Pirox. In der Apotheke wurde dafür eine Zuzahlung von 25 Euro verlangt: fünf Euro pro Ampulle. Nach der neuen Regel: Zehn Prozent vom Verkaufspreis, aber mindestens fünf, höchstens zehn Euro.

Aber wieso für jede Ampulle einzeln? „Die Krankenkassen wollen bestimmte Medikamente ausblenden”, erläutert Katzenbach. Für diese Medikamente setzen sie dann keine Normgrößen fest. Beispielsweise für Piroxicam.

Als Tabletten sind sie in mehreren Größen erhältlich. Als Ampullen bekommen Kassenpatienten nur die kleinste Größe: Ein Stück.

Das wäre kein Problem, wenn eine Ampulle einen Euro kosten würde und fünf Ampullen fünf Euro. So ist es aber nicht. Sondern so:

1 Ampulle - 10,35 Euro

5 Ampullen - 13,42 Euro

30 Ampullen - 28,21 Euro

Und für Ärzte gibt es sogar eine Packung mit 600 Ampullen für rund 300 Euro, weiß Katzenbach. Da käme die einzelne Ampulle auf gerade mal 50 Cent. Die fünf Ampullen des Kassenpatienten Karl also gerade mal 2,50 Euro.

Achselzucken

Warum diese irrwitzigen Preisunterschiede? Pressesprecher Katzenbach zuckt die Achseln: „Der Gesetzgeber legt die Preise fest.”

Kassenpatient Karl wollte es erst nicht glauben, fragte bei zwei Krankenkassen nach. Beide bestätigten: Es ist so, die Ampullen gibt es nur einzeln. Macht 25 Euro Zuzahlung.

Würde er eine 5-er Packung komplett kaufen und bezahlen, würde ihn das gerade mal die Hälfte kosten. Nur: Er darf die Packung nicht kaufen - das Medikament ist verschreibungspflichtig.

Zwei Auswege

Gibt es Auswege? Im Prinzip ja, sagt Katzenbach. So könnte der Arzt ein Privatrezept schreiben - das machen Ärzte bei Kassenpatienten aber nicht gerne, weil er damit gegen seine Kassenverpflichtung handelt, und das kann unangenehme Rückfragen von den Kassen geben. Und zweitens könnte auch die Krankenkasse vor Ort eine Ausnahme machen und dem Patienten bestätigen, dass er eine größere Packung braucht.

Über den Sinn dieser Praxis kann Katzenbach nur mutmaßen: Die Kassen wollen damit wohl erreichen, dass Patienten mit schweren Rückenschmerzen zum Orthopäden gehen und dort die Spritze gesetzt bekommen. Beim Orthopäden läuft das Medikament unter Sprechstundenbedarf, für 50 Cent pro Stück.

Nebensache

Angesichts der übrigen Ungereimtheiten der Gesundheitsreform, versichert Martin Katzenbach, seien die fehlenden Normgrößen bei Piroxicam und einigen weiteren Mitteln allerdings eher nebensächlich.

Viel mehr Ärger mache die neue Regelung, dass nur noch Arzneien erstattet werden, die verschreibungspflichtig sind. Die Folge: Ärzte verschreiben andere Arzneien nicht mehr. Als Beispiele nennt Katzenbach Heuschnupfenmittel wie Fenestil und Gingko-Präparate gegen Hirn-Durchblutungsstörungen. Oder auch Medikamente gegen Beschwerden in den Wechseljahren. Da seien nur Hormonpräparate verschreibungspflichtig.

Es sei „unsinnig”, Verschreibungspflicht mit Wirksamkeit gleich zu setzen, so der Apothekensprecher: „Verschreibungspflicht hat nur was mit Nebenwirkungen zu tun.”

Mehr Nebenwirkung

Fenestil und Gingko zum Beispiel seien hoch wirksam. Wenn sie vom Patienten voll bezahlt werden müssen, bestehe die Gefahr, dass auf andere Medikamente mit mehr Nebenwirkungen ausgewichen wird.