Roetgen: Weltkriegsereignisse wirken in Roetgen noch nach

Roetgen : Weltkriegsereignisse wirken in Roetgen noch nach

Wenn von den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges die Rede ist, dann kommt die jüngere Geschichtsschreibung am Ort Roetgen nicht vorbei. In zahlreichen Quellen heißt es, dass amerikanische Soldaten in der Gemeinde im äußersten Westen Deutschlands, direkt an der Grenze zu Belgien gelegen, auf ihrem Vorstoß nach Westen in Roetgen erstmals deutschen Boden betraten.

Unzweifelhaft ist, dass am 12. September 1944 um 14.30 Uhr amerikanische Truppen über Petergensfeld kommend in Roetgen am Bahnhof eintrafen. Dass Roetgen im Zweiten Weltkrieg der erste Ort in Deutschland war, der von den Amerikanern eingenommen wurde, berichtete auch die New York Times am 14. September 1944.

Andere Quellen sprechen jedoch davon, dass bereits am 11. September ein amerikanischer Spähtrupp in einem kleinen Dorf nördlich von Trier an der luxemburgischen Grenze erstmals das Reichsgebiet betrat.In einer vom Institut für Geschichtliche Landeskunde der Universität Mainz herausgegebenen Schriftenreihe zu Regionalgeschichte heißt es: „Aber schon am 11. September erschienen im Frontabschnitt westlich Bitburg an der Our amerikanische Spähtrupps bei Stolzembourg und betraten erstmals deutsches Gebiet bei Keppeshausen.“

Der 12. September 1944

Aber diese historische Feinheit ändert nichts daran, dass gerade die Region Aachen in den Kriegsjahren 1944/45 eine zentrale Rolle spielt. In dem regionalen Standardwerk „Hölle im Hürtgenwald“ beschreiben die Autoren Adolf Hohenstein und Wolfgang Trees eindrucksvoll die Geschehnisse an jenem Septembertag in Roetgen: „So rollt nun am sonnigen Frühherbstmorgen des 12. September 1944 der Angriff der 1. US-Armee unter General Courtney Hodges mit seinen Panzer-Kampfverbänden auf das Reichsgebiet zu. Vormittags noch sprengen deutsche Pioniertrupps die Gleisanlagen und den Bahnhof Roetgen. Tiefflieger greifen zurückmarschierende deutsche Kolonnen an. Granateinschläge, Gewehrfeuer! Es herrschen Aufregung, Lärm, Verwirrung.

Im Ort selbst liegt noch eine Flak-Einheit, wahrscheinlich Teile des FlakRgt. 889. Auch diese Männer gehen zurück — Stille. Die verbliebenen Einwohner empfinden auf einmal die Last völliger Vereinsamung und Ungewissheit. Gegen 14.30 Uhr kommen aus Richtung Petergensfeld mit Jeeps und Panzern die ersten amerikanischen Soldaten. Die ersten Teile der Höckerlinie werden überfahren, es werden Breschen gesprengt, teilweise werden sie mit Rampen angeschüttet. Bunker 131 geht als erster verloren. Am gleichen Tag sind morgens Eynatten und Raeren in amerikanische Hand gekommen ... Für die amerikanischen Soldaten kommt ein tiefgreifender Wechsel in ihr Bewusstsein — nun sind sie in Deutschland.“

Absturz Robert Fenstermachers

Die dramatischen Ereignisse zu jener Zeit in Roetgen leben fast 70 Jahre nach dem Kriegsende dann noch einmal in der Gemeinde Roetgen auf. In einer aufwendigen und spektakulären Aktion werden im Sommer 2012 die sterblichen Überreste des amerikanischen Piloten Robert Fenstermacher geborgen. Seine Leiche wurde damals nicht geborgen, weshalb er offiziell als vermisst gemeldet wurde. Sein Kampfflieger war über Roetgen abgeschossen worden; das Flugzeugwrack bohrte sich in Petergensfeld in Erde. Im Garten eines Privathauses nahm ein US-Bergungsteam die Suche auf. Im angrenzenden Straßengraben wurde der Motorblock von Robert Fenstermachers Jagdbomber geborgen. Als er am zweiten Weihnachtsfeiertag 1944 abgeschossen wurde, grub sich der schwere Sternmotor seiner P47 Thunderbolt zwei Meter tief ins Erdreich. Erst 67 Jahre später wurde der letzte persönliche Gegenstand des amerikanischen Piloten geborgen: Es war sein Ehering.

In den Zeitungsberichten von damals wird noch einmal deutlich, wie sehr die Grenzgemeinde Roetgen mit den Geschehnissen im Zweiten Weltkrieg verknüpft ist. Eine Woche lang hatte das Bergungsteam einen Garten in Petergensfeld bei Roetgen systematisch durchgegraben. Jeder Kubikmeter Erde wurde gesiebt und ausgewaschen. Schrauben, Metallreste, Munition, Knochensplitter, Zähne und nicht zuletzt Fenstermachers Ehering kamen ans Tageslicht. Die sterblichen Überreste wurden anschließend in die Vereinigten Staaten überführt. Über 70.000 amerikanische Soldaten des Zweiten Weltkrieges gelten noch als vermisst.

Bei einer Reise in die Eifel im Jahr war der Leiter des Bergungsteam auf das Schicksal Fenstermachers aufmerksam geworden. In Roetgen gab es noch genug Augenzeugen, die ihm davon berichten konnten, wie ein amerikanisches Kampfflugzeug am 26. Dezember 1944 abgeschossen wurde und in Petergensfeld niederging. Dabei wurde ein Wohnhaus völlig zerstört. Die Bewohner überlebten wie durch ein Wunder.

Der Tod Robert Fenstermachers besitzt eine besondere Tragik, weil es nicht feindliche Geschütze waren, die ihn abschossen. Als der amerikanische Pilot mit seinen Staffelkameraden an jenem Tag Roetgen überfliegt, erkennt er eine verdächtige Fahrzeugkolonne. Die US-Kampfflieger sind überzeugt, dass es sich um deutsche Soldaten handelt. Das ist jedoch ein fataler Irrtum. Es sind amerikanische Einheiten, die bereits vorgerückt sind.

Von eigenen Leuten abgeschossen

Doch davon ahnen die Piloten in der Luft nichts. Sie entscheiden sich für einen Angriff. Die US-Soldaten am Boden sind in einer verzweifelten Lage, denn sie werden von der eigenen Luftwaffe angegriffen. Also nehmen sie die eigenen Kameraden mit Flugabwehrgeschützen unter Beschuss. Fenstermacher wird getroffen. Seine P47 stürzt ab und explodiert beim Aufschlag. Zwar erkunden die amerikanischen Bodentruppen die Absturzstelle, doch für eine Bergung bleibt keine Zeit. Sie nehmen nur Fenstermachers Erkennungsmarke mit. Danach planieren sie die Absturzstelle zu.

(P. St.)
Mehr von Aachener Zeitung